Henry Büttner und der Eisenbahnfan

Wie ein Lunzenauer Galerist mit dem namhaften Karikaturisten ins Geschäft kam

Lunzenau/Wittgensdorf.

Viele große Galeristen buhlten um ihn. Fast alle bekamen in den vergangenen drei Jahrzehnten einen Korb. Nun ist es Matthias Lehmann aus Lunzenau mit Unterstützung der "Freien Presse" gelungen, den 90-Jährigen "HB" doch noch einmal umzustimmen. Mit dem Hobby-Galeristen sprach Gabi Thieme.

Freie Presse: Herr Lehmann, warum lag Ihnen so viel an Henry Büttner?


Matthias Lehmann: Ich bin mit ihm aufgewachsen und mochte seinen skurrilen Humor schon immer. Seit ich 1998 auf meinem Grundstück neben der Gaststätte "Zum Prellbock" in Lunzenau ein kleines Eisenbahnmuseum eröffnet habe, gibt es hier jedes Jahr in einer kleinen, aber feinen Galerie etwa sechs Ausstellungen. An die 100 namhafte Karikaturisten, Buchillustratoren, Fotografen und Maler haben hier schon ausgestellt, darunter auch alle Zeichner, die in der DDR Rang und Namen hatte. Nur Henry Büttner fehlte noch.

Wie haben Sie ihn denn doch noch rumgekriegt?

Als ich vergangenen November Ihren ganzseitigen Beitrag zum 90. Geburtstag Büttners in der "Freien Presse" las, wurde mir schmerzlich bewusst, dass er Sie empfangen hat, mir dagegen über die Jahre nicht einmal auf meine vielen Anfragen geantwortet hat. Deshalb bat ich Sie ja auch, mir doch den direkten Kontakt mit der Familie Büttner zu vermitteln. Dafür bin ich sehr dankbar.

Die Tochter von Henry Büttner soll dann Ihre nette Anfrage übergeben haben mit den Worten: "Schlaf erst mal drüber und lehne nicht gleich wieder ab!" Dann sagte er überraschend zu. Wie war Ihnen da zumute?

Das war vergangen Dezember. Ein schöneres Weihnachtsgeschenk konnte es nicht geben. Die Zusage war an zwei Bedingungen geknüpft: Ich sollte die Arbeiten selbst bei ihm abholen und zurückbringen. Und er würde auf keinen Fall zur Eröffnung kommen.

Das hat Sie ja sicher nicht überrascht, denn Sie wissen vermutlich, wie zurückgezogen er seit jeher in Wittgensdorf lebt?

Ich hatte das fast so erwartet. Ich habe dann ganz schnell das schon fertige Programmheft für 2019 noch mal geändert und die Büttner-Ausstellung vom 27. Juli bis 2. September dort verankert. Zu diesem Termin hatte ich als lustige Sommerschau eigentlich eine Ausstellung mit schrägen Reiseandenken geplant, die ich selbst über Jahre aus aller Herren Länder gesammelt habe. Aber die kann ich ja zu jedem beliebigen Zeitpunkt neu in unser Programm aufnehmen.

Dann hat Sie der Meister tatsächlich persönlich empfangen?

Ja, das war im Mai. Ich durfte sogar meine Frau mitbringen, die ja den Prellbock betreibt. Wir haben einen Blumenstrauß mitgenommen, den er gleich an seine Frau weiterreichte, und wurden in seinem Arbeitszimmer, das ja heute mehr eine Bibliothek ist, empfangen.

Wie wirkte Büttner im Gespräch auf Sie?

Ich war zunächst erstaunt, wie belesen und wie agil er noch ist. Man hat nicht den Eindruck, mit einem 90-Jährigen zu plaudern. Auch wie gut er über uns bereits informiert war und wie detailliert er sich nach unserem Eisenbahn-Museum erkundigt hat, überraschte mich. Das Museum ist ja in dem ausgedienten Bahnhofsgebäude des stillgelegten Haltepunkts Obergfäfenhain eingerichtet, das ich 1997 per Tieflader auf unser Grundstück nach Lunzenau gebracht habe und in dem sich auch die Galerie befindet. Als Büttner hörte, dass da sogar Cartoonisten und Autoren wie Rudi Hurzlmeier aus München und Ernst Kahl aus Hamburg zu sehen waren, meinte er, dass es da für ihn doch eine große Ehre sei, Arbeiten nach Lunzenau zu geben. Zumal das eine Gegend ist, in der er sich sehr gut auskennt und er nirgends so häufig gewandert ist wie im Muldental.

Hat er Ihnen auch verraten, warum er nicht mehr zeichnet?

Ja, klar haben wir darüber gesprochen. Er meint, seine Zeit sei gewesen. Viele Karikaturen müssten heute unbedingt bunt sein, während er immer den einfachen schwarzen Zeichenstift bevorzugte. Auch von textlastigen Sprechblasen hält er nichts. Ein Cartoon müsste mit wenig oder sogar ohne Text auskommen. Und man brauche dafür auch keinen Computer.

Wer hat denn die Arbeiten für die Ausstellung ausgewählt?

Er hatte schon eine Mappe mit rund 60 Zeichnungen vorbereitet - die größten im A-4-Format, aus denen ich mir welche aussuchen sollte. Als ich fragte, ob ich auch die ganze Mappe haben kann, reichte er sie einfach rüber - ohne jedes Übergabeprotokoll. Er meinte: "Sie machen das schon. Sie haben einen guten Ruf." Ich habe nun in dieser Woche alle gerahmt und bis 27. Juli werden sie hängen.

Was gefällt Ihnen an HBs Karikaturen besonders?

Wenn man bedenkt, wie alt sie sind, dann beeindruckt ihre Aktualität. Wie er das Zwischenmenschliche reflektiert, den Zwist zwischen Mann und Frau oder den Streit unter Nachbarn, da lässt sich vieles ins Heute übertragen. Er nimmt einfach mit wenigen Strichen menschliche Schwächen aufs Korn. Das geht bei ihm so weit, dass eine Frau sieht, wie ihr Mann beim Baden ersäuft, aber sie rettet lieber die Katze. Wenn man bedenkt, dass Henry Büttner nie aus Wittgensdorf rausgekommen ist, dann ist er einfach ein exzellenter Beobachter.

Sie haben ja bereits drei Gästebücher, in denen sich alle Ihre Gäste oft auch mit einer Zeichnung verewigt haben. Wenn Büttner nun gar nicht selbst kommt ...

Er will kommen, nur nicht zur Eröffnung. Am besten an einem Schließtag, damit er sich alles in Ruhe anschauen kann. Dann will er sich auch ins Gästebuch eintragen.

Was ist, wenn Besucher einen echten Büttner kaufen wollen?

Das hat er ganz klar abgelehnt.

Aber Sie haben doch bestimmt ein Erinnerungsfoto von dieser einmaligen Begegnung?

Sicher, er hatte nichts dagegen, dass ich ihn fotografiere: beim Signieren jenes im Jahr 1973 erschienenen Buches, nachdem auch unsere kleine Ausstellung überschrieben ist: "Der Mann mit dem runden Hut". gt

Die Ausstellung "Der Mann mit dem runden Hut" wird am 27. Juli, 19 Uhr, im "Zum Prellbock", Burgstädter Straße 1 in Lunzenau eröffnet. Sie ist bis zum 2. September zu sehen. Am Eröffnungswochenende ist sie ganztägig zu besichtigen. Die weiteren Öffnungszeiten für August stehen noch nicht fest. Telefon: 037383 6410


In der DDR berühmt geworden

Henry Büttner, 1928 im heutigen Chemnitzer Stadtteil Wittgensdorf geboren, ist ein deutscher Karikaturist.

Berühmt wurde er zu DDR-Zeiten durch seine Zeichnungen für das Satire-Magazin "Eulenspiegel". Seine erste Arbeit veröffentlichte die Zeitschrift, als Büttner 26 Jahre alt war.

Der Karikaturist schuf insgesamt rund 21.000 Zeichnungen. (fpe)

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