Nach tödlichem Unfall: Eltern kämpfen für sichere Schulwege

Nachdem eine Schülerin nahe Langenleuba-Oberhain von einem Auto erfasst wurde, will eine Gruppe von Eltern am heutigen Freitag Sachsens Ministerpräsidenten und Mittelsachsens Landrat mit Forderungen konfrontieren.

Penig.

Christina Graupner muss mit den Tränen kämpfen. Ihr Sohn ist einer von vier Schülern, die am Dienstag voriger Woche mit ansehen mussten, wie ihre Klassenkameradin nach dem Aussteigen aus dem Schulbus die Straße überqueren wollte und beim Zusammenstoß mit einem Auto tödliche Verletzungen erlitt. "So etwas vergisst man ein Leben lang nicht. Es wird noch viel Zeit und viel Arbeit brauchen, bis die Kinder dieses schreckliche Ereignis verarbeitet haben", sagt die Mutter.

Dass es an der Schulbus-Haltestelle auf der viel befahrenen alten B 175 nahe der Kreuzung mal zu einem Unglück kommen musste, haben nicht nur sie, sondern auch die Eltern-Aktivisten Kerstin Käseberg und Klaus Michael schon immer befürchtet. Denn seit Monaten kämpfen sie dafür, dass die nach ihrer Ansicht teils unzumutbaren Schulwege sicherer und kürzer werden. Und sie sind sich einig: "Dieser Unfall wäre vermeidbar gewesen."

Sascha Aurich

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Voller Trauer und Wut sind die drei Eltern noch einmal zur Unfallstelle gekommen, um ihre Forderungen zu erhärten. Welche das sind, haben sie in einem "Aufruf an die verantwortlichen Entscheidungsträger" zusammengetragen. Wie Klaus Michael bereits angekündigt hat, wird eine Gruppe von Eltern aus Langenleuba-Oberhain am Freitagabend nach Frankenberg ins Veranstaltungs- und Kulturforum "Stadtpark" fahren, wo Sachsens Ministerpräsident Micheal Kretschmer und Mittelsachsens Landrat Matthias Damm zum "Sachsengespräch" eingeladen haben. Dort wollen sie beide CDU-Politiker mit ihren Ängsten und Sorgen konfrontieren und Lösungen einfordern. "Wir werden es nicht zulassen, dass sie sich hinter Paragrafen verstecken", sagt Klaus Michael und zeigt sich konsequent und kampfbereit.

"Unsere Hauptforderung lautet: Bushaltestellen in den Ort verlegen, damit das Umsteigen an dieser gefährlichen Stelle entfällt", sagt er. Dass noch nicht mehr passiert ist, grenze beinahe an ein Wunder. Die Schüler würden förmlich "aus dem Bus gekippt". Dann überqueren sie die Straße, um zur gegenüberliegenden Haltestelle zu kommen, wo sie auf den Anschlussbus warten, der sie ins Dorf fährt. Das Gefährliche: Kurz hinter der Begrenzungslinie der Fahrbahn tut sich bereits der Straßengraben auf. Dicht neben der Linie fahren Laster vorbei. Auf der freien Fläche weht der Wind, Buswartehäuschen gibt es dort nicht. "Für jeden Viehtransporter hat man bessere Vorschriften", schimpft der besorgte Vater Klaus Michael. "Für Frösche bauen wir Zäune. Für Rehe bauen wir Übergänge und für Fledermäuse Schutzzäune. Und unsere Kinder schubsen wir auf die Straße", macht auch Kerstin Käseberg ihrem Ärger Luft und fordert daher Änderungen.

Es gibt vieles, was die Eltern stört. Christina Graupner nennt nur ein Beispiel: Schulschluss am Dienstag - also an jenem Tag, an dem die Elfjährige verunglückte - ist am Peniger Gymnasium 13.40 Uhr. Der Direktbus der Linie 617 ohne Umstieg fährt aber bereits 13.25 Uhr ab. "Der ist nicht zu schaffen", so Christina Graupner. Der nächste Direktbus fährt 15.40 Uhr - Wartezeit: etwa zwei Stunden. "Es müsste doch möglich sein, so etwas besser abzustimmen", fordert sie. Lobenswert sei, dass das Gymnasium nach zwei Tagen Trauerarbeit und einem Tag frei bis zu den Osterferien nun einen hauseigenen Kleinbus einsetzt, um die Kinder, die noch immer unter dem Schock des Unfalls zu leiden haben, ins Dorf zu transportieren. Sie plädiert dafür, dass jeder Schulbus direkt, ohne dass Kinder umsteigen müssen, ins Dorf fährt.

Und die Eltern haben noch weitere Vorschläge, derer sich die Verantwortlichen annehmen sollen: Falls die Haltestelle doch bleibt, sollte die Kreuzung zu einem Kreisverkehr umgebaut werden. Das würde die Kraftfahrer veranlassen, die Geschwindigkeit zu drosseln. Die Haltestelle selbst sollte ihrer Meinung nach verbreitert und mit Wartehäuschen und Zebrastreifen versehen werden. Dass Busse die Warnblinker anschalten, sei ein Thema. Die aktuelle Geschwindigkeitsreduzierung auf 70 km/h sowie die Beschilderung "Kinder" und "Schulbus" reicht den Eltern nicht aus.


Kommentar: Am Ball bleiben

Eltern aus Peniger Ortsteilen haben schon einmal die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, zu kämpfen. Fünf Jahre dauerte es, bis 2018 endlich eine zusätzliche Beförderungsmöglichkeit eingerichtet wurde, um Schüler, die das Rochlitzer Gymnasium besuchen, nachmittags direkt ins Dorf zu fahren. Die Behörden können sich auch diesmal darauf einstellen, dass die Eltern hart am Ball bleiben.


Stellungnahmen

Andrzej Rydzik, Sprecher bei der Polizeidirektion Chemnitz: Nach der Geschwindigkeitsreduzierung auf 70 km/h werde mit dem Verkehrszeichen "Kinder" auf die besondere Gefahr an der Stelle aufmerksam gemacht. "Konkret darf dort nur so schnell gefahren werden, dass eine Gefährdung oder Schädigung ausgeschlossen werden kann. Bei Erfordernis ist in Schrittgeschwindigkeit zu fahren." In diesem speziellen Fall bestehe die Gefahr im Zusammenhang mit der Schülerbeförderung. Das betreffe den Schulbus werktags von 6 bis 8 Uhr und 13 bis 17 Uhr, außer samstags. Darüber hinaus steht in der Straßenverkehrsordnung: "Wer ein Fahrzeug führt, muss sich gegenüber Kindern, hilfsbedürftigen und älteren Menschen, insbesondere durch Bremsbereitschaft, so verhalten, dass eine Gefährdung dieser Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist."

Michael Tanne, Regiobus Mittelsachsen: "Bei der Tragik dieses Unfalls, der großes Leid für die Familie gebracht hat, fällt es mir schwer, sachlich zu argumentieren", so Tanne. So viel lasse sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber sagen: "Es gab in den vergangenen Tagen sehr enge Abstimmungen zwischen Regiobus und dem Landratsamt Mittelsachsen, was die Situation in diesem Bereich, wo sich der Unfall ereignet hat, betrifft. Dabei ging es auch um das Anschalten der Warnblinkanlage an unseren Bussen. Dies ist nur an Stellen erlaubt, wo es verkehrsrechtlich angeordnet wird, wie beispielsweise in unübersichtlichen Bereichen. Man darf die Warnblinkanlage nicht inflationär verwenden. Viele wissen gar nicht, dass das Schild ,Achtung, Kinder' viel höherwertiger ist. Dort muss man in der Lage sein, sein Fahrzeug umgehend zum Stehen zu bringen. Das ist den meisten nicht bewusst." (ule)

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 2 Bewertungen
3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    VaterinSorge
    29.03.2019

    Es wird darauf hinaus laufen, dass allein dem 21 Jährigem Autofahrer die Schuld gegeben wird, der ohnehin sein Leben lang mit einer unendlichen Last zu tun haben wird, während sich kopfschüttelnd die (Mit)verantwortlichen aus der Verantwortung stehlen. Man kann wirklich nicht so viel essen, wie man ko... möchte.

  • 6
    0
    saxon1965
    29.03.2019

    Es macht einen Vater und Großvater immer wieder traurig und zugleich wütend, zu erleben, was diesem Staat unsere Kinder, Enkel und "seine Zukunft" wert sind.
    Man kommt nicht umhin Vergleiche zu ziehen, wofür Steuergelder verprasst werden und an welchen Stellen dann gespart werden muss!

  • 6
    0
    VaterinSorge
    29.03.2019

    Es ist so viel Tragik in diesem Fall, dass einem der Atem stehen bleibt und man sich immer wieder fragt: Was tun wir unseren Kindern tagtäglich an? Die öff. Diskussion endet immer mit den Worten; " Eltern würden ihre Kinder in Watte packen", oder "früher hatten wir ganz andere Schulwege zu bewältigen" usw. Fakt ist, dass die jeweiligen Schulträger, also Landkreis für das Gymnasium Rochlitz, die Stadt Penig für die Grund- und Oberschule, und der freie Schulträger für das Gymnasium Penig die Verantwortung tragen. Verantwortung heißt auch, die Sicherheit regelmäßig zu prüfen, um Gefahren abtzuwenden. Es reicht eben nicht aus, die Aufgabe der Beförderung an einen Zweckverband abzugeben, der in seinen Satzungen die Schulwegsicherheit nicht einmal erwähnt, sondern im Gegensatz zu Satzungen anderer Landkreise in Sachsen, Begriffe wie Mindestgehwegbreite, Mindestanforderungen an Umsteige- und zumutbaren Wartezeiten abgeschafft hat. Selbst das Sächsische Schulgesetz und der sächs. Landesentwicklungsplan wurden und werden aus Rentabilitätsgründen auf Kosten der Sicherheit regelmäßig missachtet. Die leidtragenden sind die Kinder in oft ländlichen Regionen, ihre Eltern und Großeltern, die dann oft als Taxi fungieren und das Problem erst wieder auftaucht, wenn was passiert. Es ist grundsätzlich eine Frage der Gesellschaft hin - oder wegzuschauen, eine Frage der Verantwortung von Stadt- und Stadträten und auf keinen Fall eine Frage von Regiobus oder Zweckverband. Das sind Dienstleister und haben wie das Wort schon sagt, ihren Dienst zu leisten und weder Bushaltestellen oder Satzungen zu organisieren. Ich würde mir sehr wünschen, wenn wir mit Hilfe der Medien, den Kindern und deren Eltern mehr Aufmerksamkeit schenken würden, damit solche Dinge nicht mal ansatzweise passieren, wie sie in Lgl.-Oberhain aber auch an vielen anderen Stellen passieren oder passieren könnten.



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