Psychisch Kranke brauchen langen Atem

Bis zu acht Monate müssen sich Patienten in Mittelsachsen gedulden, bis sie eine ambulante Therapie beginnen können. Doch es gibt auch andere Angebote.

Freiberg/Rochlitz.

Warten auf eine Psychotherapie: Jonas L. * zuckt mit den Achseln. "Im Oktober kann ich noch mal anrufen, hat mir die Psychologin gesagt. Vielleicht sagt ja jemand ab und ich bekomme einen Termin", sagt der 29-jährige Freiberger. Jonas L. leidet unter Epilepsie und ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Der Umgang mit anderen Menschen ist für ihn nicht einfach. Denn er hat soziale Ängste, befürchtet immer gleich, dass er anderen auf die Nerven gehen könnte. Jeden mürrischen Gesichtsausdruck, jede abfällige Bemerkung bezieht er auf sich. Jonas weiß, dass ihm eine Psychotherapie helfen könnte, mit sich und den anderen besser zurecht zu kommen. Doch erst mal muss er warten.

So wie Jonas L. geht es vielen psychisch Kranken in Mittelsachsen. 19,1 Wochen muss ein Patient im Schnitt in Sachsen auf eine Psychotherapie warten - wobei die Wartezeiten in ländlichen Regionen deutlich höher liegen. Das sagt Nadine Mahnecke-Windhövel von der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer, die für Sachsen 300zusätzliche Psychotherapeuten-Planstellen fordert. 53 Psychotherapeuten gab es laut Verband im Mai im Kreis Mittelsachsen mit knapp 309.000 Einwohnern. Zum Vergleich: In Chemnitz mit 232.000 Einwohnern sind 92Psychotherapeuten zugelassen.

Laut Katharina Bachmann-Bux, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS), sind in Mittelsachsen 59 Psychotherapeuten tätig - aber schon das seien mehr als theoretisch benötigt. Wie die unterschiedlichen Zahlen zu Psychotherapeuten zustande kommen, kann sie nicht erklären. Sowohl Freiberg (127 Prozent) als auch Döbeln (139 Prozent) und Mittweida (174 Prozent) gelten als "überversorgt". Für nichtärztliche Psychotherapeuten gibt es deshalb Zulassungsbeschränkungen. Nur bei Ärztlichen Psychotherapeuten gebe es freie Stellen: 3,5Stellen in Freiberg, 2,5 in Mittweida und 2 in Döbeln.

Ralf Brauksiepe ist der Patientenbeauftragte der Bundesregierung. Er schätzt auf Anfrage von "Freie Presse" ein: "Die Wartezeiten sind zu lang, insbesondere außerhalb von Großstädten." Der Gemeinsame Bundesausschuss sei vom Gesetzgeber beauftragt, die Arztsitze bedarfsgerechter zu verteilen. Zudem sehe ein Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn das Aufheben der Zulassungsbeschränkungen für Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie vor.

Fachreferentin Mahnecke-Windhövel verweist indes auf die Sprechstunde, die seit April 2017 jeder Psychotherapeut anbieten muss. Dabei stellt der Therapeut zunächst fest, ob es einen Verdacht auf eine seelische Erkrankung gibt und eine Therapie nötig ist oder ob mit anderen Angeboten, mit Prävention oder einer Ehe- und Familienberatungsstelle, geholfen werden kann. "Auch eine erste therapeutische Intervention ist möglich", so die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Das Erstgespräch erfolgt in Sachsen im Schnitt nach 4,9 Wochen - zuvor waren es 13,9 Wochen. "Somit liegt zeitnah eine erste Einschätzung der Schwere der Krankheit vor", so Fachreferentin Mahnecke-Windhövel. Zum Überbrücken der Wartezeiten empfiehlt sie auch Selbsthilfegruppen.

Eine Selbsthilfegruppe für psychisch belastete Menschen trifft sich monatlich im Tagestreff "Blitzableiter" des Diakonischen Werks in Freiberg. Ihre Mitglieder sind meist seit längerer Zeit in psychologischer Behandlung. Doch sie berichten von Problemen, im Freiberger Raum einen Psychiater zu finden, der im Gegensatz zum Psychologen Medikamente verordnen und eine Krankschreibung ausschreiben kann. "Ich fahre jedes Mal nach Frankenberg", so eine Oederanerin. Die KVS bestätigt die schwierige Situation.

Jonas L. suchte sich anderweitig Hilfe. Denn zu Hause fiel ihm die Decke auf den Kopf, als er sich ein Bein gebrochen hatte. Der Endzwanziger konnte nicht in seinen Reitverein Reiten gehen, ihm fehlte der Kontakt zu anderen Menschen. Schließlich fand er den Weg zum Tagestreff "Blitzableiter". Die Besucher des Treffs im Alter von 18 bis 83 Jahren haben alle psychische Probleme. Jonas L. geht einmal pro Woche hin. "Der Tagestreff ist zurzeit mein wichtigstes Standbein

Susanne Hunger ist die Leiterin der Psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle der Diakonie in Freiberg, die auch den Tagestreff "Blitzableiter" betreut. Gewissermaßen sind die Psychologin und ihr Team auch Ersthelfer bei seelischen Notfällen. Hunger: "Wenn psychisch Kranke auf Wartelisten stehen, bieten wir stabilisierende Gespräche an. Das ist keine Psychotherapie, sondern eine Stabilisierung im Hier und Jetzt." Dabei gehe es um Fragen wie: Was tut gut im Alltag? Welche Termine muss ich einhalten? Im Gegensatz zur Psychotherapie, die wöchentlich möglich ist, erfolgen die Gespräche nur alle drei Wochen. Hunger berichtet von Hilfesuchenden, denen stabilisierende Gespräche - oft in Kombination mit Tagestreff oder Selbsthilfegruppe - so gut halfen, dass die Betroffenen auf eine Psychotherapie verzichteten. Mitunter vermittele man die seelisch Kranken auch in eine Tagesklinik oder eine stationäre Einrichtung. (mit dpa) *Name geändert


Im akuten Fall Fachklinik in Hochweitzschen aufsuchen

Psychotherapeutische Sprechstunde: Therapeuten müssen pro Woche mindestens 100 Minuten für zusätzliche Sprechstunden bereit stellen. Eine 25-minütige Sprechstunde kann sechsmal je Krankheitsfall bei Erwachsenen, zehnmal bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt werden.

Wer keinen Termin bekommt und eine Überweisung mit Dringlichkeit hat, kann sich an die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS), Ruf 0341 23493733, wenden. Auch Krankenkassen helfen weiter.

Angespannte Lage bei Psychiatern: In Mittelsachsen praktizieren fünf Nervenärzte. Dies entspricht einem Versorgungsgrad von 114 Prozent. In Freiberg gibt es derzeit keinen niedergelassenen Nervenarzt. L

Der Psychiatrieplan des Landkreises weist für die stationäre psychiatrischen Versorgung das Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie Bethanien in Hochweitzschen aus. In Einzelfällen können auch die Klinik für Psychiatrie, Verhaltensmedizin und Psychosomatik am Klinikum Chemnitz sowie die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Diakoniewerk Zschadraß aufgesucht werden.

Auskünfte zu Selbsthilfegruppen gibt es im Internet. (hh) www.kiss-mittelsachsen.de

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