"Schwester Agnes" fährt immer noch übers Land

Mobile Gemeindeschwestern wie in DDR-Zeiten sind längst wieder in Mode gekommen. Die Allgemeinmediziner werden durch den Service spürbar entlastet.

Geringswalde.

Übervolle Wartezimmer und mitunter stundenlanges Ausharren für einen kurzen Check des Blutdrucks oder den Wechsel eines Verbandes: Mit solchen Verhältnissen hat der Geringswalder Allgemeinmediziner Thomas Damm längst gebrochen. Er investierte stattdessen in eine Gemeindeschwester, die vor allem ältere Patienten zu Hause aufsucht.

Marion Kormann ist seit vier Jahren als Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (Verah) rund um Geringswalde und in der Rochlitzer sowie Zettlitzer Region unterwegs. Als medizinische Kraft mit Zusatzausbildung betreut sie Damms Patienten, etwa um Blutdruck und Blutzuckerspiegel zu messen, verabreicht Spritzen und wechselt Verbände. "Mitunter kommen die Patienten mit ihren Medikamenten nicht klar und bitten um Hilfe", beschreibt die Gemeindeschwester eine ihrer Aufgaben. "Dann ziehe ich den Medikamentenplan hinzu, und bespreche mich mit Doktor Damm, wenn die Medikation angepasst werden muss."


Doch Marion Kormann leistet beim Weitem nicht nur medizinische Dienste. Einer der Schwerpunkte ist aus ihrer Sicht ein genauso entscheidender: "Es sind die sozialen Aspekte. Das Gespräch mit dem Menschen statt einer schnöden Hilfeleistung unter Zeitdruck." Der Altersdurchschnitt derer, die sie betreut, liegt bei 75 bis 80 Jahren. "Oft wollen die Patienten einfach nur reden", sagt sie. "Etliche von ihnen schaffen die Treppen hinaus ins Freie nicht mehr, sind quasi in ihrer Wohnung gefangen. Dann gerät der Termin der Gemeindeschwester zu einem Erlebnis." Sie sei mitunter eines der wenigen Bindeglieder zur Außenwelt.

Begann die 56-Jährige mit fünf, sechs Patienten, betreut sie inzwischen etwa 35. "Ich schaue mich auch im Haus um, etwa nach Stolperstellen oder Unfallgefahren, die alten Menschen gefährlich werden könnten. Und kläre Fragen wie etwa, ob es mit dem Toilettengang klappt." Dezent fragt sie auch nach, ob die Patienten wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag bekommen oder wer für sie einkauft.

Allgemeinmediziner Thomas Damm steht hinter dieser Art Betreuung, die seine Praxis anbietet. "Die stellt für mich eine spürbare Entlastung dar. Eine feine Sache." Die Patienten würden häufiger besucht, chronische Erkrankungen seien dadurch besser unter Kontrolle zu halten.

Verah bildet eine zusätzliche Qualifikation für erfahrene medizinische Fachangestellte. Initiiert wird die Initiative vom Institut für hausärztliche Fortbildung unter dem Dach des Deutschen Hausärzteverbandes.

Laut dem Geringswalder Allgemeinmediziner Uwe Stolz, zugleich im Verbandsvorstand aktiv, nutzt Sachsen das Programm seit 2009. Aktuell arbeiten 295 Personen als Verah, 40 weitere befinden sich sachsenweit in Ausbildung.

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