Stille Invasion? - Schildkröten sonnen sich im Muldental

Offenbar ausgesetzte Tiere haben sich am Fluss niedergelassen. Sie scheinen es gemütlich zu haben - doch der Umwelt tun sie nicht gut.

Rochsburg.

Patrick Walther ist ein begeisterter Radler und oft im Muldental unterwegs. "Ich komme von Burgstädt und fahre fast täglich mit dem Rad nach Rochsburg zur Arbeit", sagt er - und, dass er im vergangenen Frühjahr seinen Augen kaum getraut hätte. "An der Mulde und auf Steinen nahe dem Ufer habe ich Schildkröten gesehen." Nachdem er diese Entdeckung gemacht hatte, schaute er aufmerksamer auf und neben den Fluss und sah die Tiere immer öfter - bis in den Herbst hinein.

"Dann waren sie weg. Ich dachte, dass sie es wohl nicht über den Winter schaffen", so Patrick Walther, der auf noch mehr Tiere aufmerksam macht, die sich im Muldental tummeln. Verschiedenen Reihern, Eisvögeln, Rehen und Hasen begegne er zum Beispiel. Und zu ihnen gesellten sich im Frühjahr zu seiner großen Überraschung erneut die Schildkröten. "Wie viele es sind, kann ich nicht sagen, meist sehe ich ja nur eine oder zwei. Aber sie haben verschiedene Größen - von faustgroß und etwas kleiner bis etwa 25, 30 Zentimeter Panzerdurchmesser", sagt er und, dass man leise sein müsse, um sie zu sehen. Das sei zwar ein schöner Anblick. Aber Patrick Walther meint, dass die Tiere, die bevorzugt bei Hitze und Sonnenschein kommen, nicht an diesen Ort gehören.


Dieser Meinung sind auch zwei Züchter aus Sachsen - obwohl sie, wie sie betonen, auf Basis eines von Walther gemachten Handy-Fotos nur mutmaßen könnten. "Erst mal müsste man wissen, ob es sich um Land- oder Wasserschildkröten handelt", sagt Heike Müller, Züchterin aus Gersdorf bei Hohenstein-Ernstthal. Landschildkröten stünden generell unter Naturschutz. Sie tippe bei dem fotografierten Exemplar aber auf eine Wasserschildkröte, da es an der Mulde aufgenommen wurde. "Die Schildkröten lieben solche Sonnenplätze, wie auf dem Foto zu sehen. Aber sie gehören dort nicht hin, weil sie unsere Flora und Fauna kaputt machen", sagt Heike Müller.

Sie glaubt, dass es sich bei den Tieren um Rotwangen-Schmuckschildkröten handeln könnte. Sie kommen in Nord- und Südamerika vor. "Sie fressen zwar vor allem pflanzliche Nahrung, jagen aber auch Fische, Kröten und Insekten. Das könnte zur Folge haben, dass diese einheimischen Arten aussterben", befürchtet die Züchterin. In der Regel handele es sich um ausgesetzte Tiere, die sich irgendwann dem hiesigen Klima anpassen und sich vermehren könnten.

Von der Gefahr einer sogenannten Faunenverfälschung durch diese Schildkröten spricht Michael Richter, ein Züchter aus dem Erzgebirge. "Faunenverfälschung ist, wenn Tiere, die eigentlich hier nicht vorkommen, die heimische Flora und Fauna gefährden, indem sie diese bedrängen, fressen oder deren Lebensraum streitig machen", erklärt er.

Auch er geht davon aus, dass die Tiere ausgesetzt wurden und es sich um Schmuckschildkröten handelt. "Sie wurden in den vergangenen Jahren zu Tausenden aus amerikanischen Zuchtfarmen importiert und hier relativ billig verkauft. Zu groß fürs Zimmerterrarium gewordene Exemplare werden oft ausgesetzt", sagt er. In Deutschland gebe es nur eine einzige Schildkrötenart, die europäische Sumpfschildkröte. Sie sei in Sachsen jedoch ausgestorben. Einzig in Brandenburg gebe es noch kleinere Vorkommen, die unter strengstem Schutz stehen und gezielt vermehrt werden.

"Das Aussetzen von Tieren geschützter Arten ist unzulässig", heißt es aus dem mittelsächsischen Landratsamt. Über den Verbleib derartiger Tiere entscheide die Untere Naturschutzbehörde. Was im konkreten Fall der Schildkröten im Muldental nun passieren soll, sei noch unklar. Denn unter anderem sei der genaue Aufenthaltsort der Tiere nicht bekannt.

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