Tabuthema Suizid

Ein Mensch nimmt sich das Leben. Für die Angehörigen ist das ein harter Schicksalsschlag. Und immer wieder kommt die Frage nach dem Warum auf - auch noch nach Jahren.

Rochlitz/Chemnitz.

Tatjana R.* und Ruth K.* haben lange überlegt, ob sie über ihr Schicksal reden wollen. Doch dann haben die Frauen den Schritt gewagt und sich für ein Gespräch mit "Freie Presse" bereit erklärt. Denn sie wollen das Tabuthema Suizid in die Öffentlichkeit rücken. Und sie wollen anderen betroffenen Angehörigen helfen. Denn Freunde, Kollegen, Nachbarn und Verwandte wissen oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. Das kennen Tatjana R., eine Frau um die 40, und Ruth K., Anfang 60, aus Erfahrung. Die Witwen lernten sich über die Selbsthilfegruppe Angehörige um Suizid (Agus) in Chemnitz kennen.

68 Mittelsachsen haben sich 2015 das Leben genommen. Das sind die aktuellsten Angaben des Statistischen Landesamtes. Bei Tatjana R. ist es ein Jahr her, dass sich ihr Mann, der unter Depressionen litt, das Leben nahm. Er stieg in sein Auto und kam nie wieder zurück. "Mein Freundeskreis hat sich danach sehr verändert. Viele konnten nicht damit umgehen", erzählt sie. Übrig geblieben sei nur noch ein harter Kern. Allerdings seien neue Kontakte hinzugekommen. Denn mitunter fänden Außenstehende die richtigen Worte eher als die Nahestehenden.

Ruth K.s Mann beging vor 14 Jahren Suizid. Doch wenn sie von ihren damaligen Erlebnissen spricht, spürt man, dass sie noch nicht darüber hinweg ist. "Nach einer Veranstaltung, die wir besucht hatten, stieg er aus dem Auto aus und lief einfach in den Wald", sagt sie und ringt um Fassung. Zehn Tage lang suchte die Polizei nach dem Vermissten. Ruth K. schwebte zwischen Hoffen und Bangen. Schließlich die Gewissheit: Ihr Mann hatte sich das Leben genommen. Auch sie berichtet davon, wie schlimm es war, dass viele Freunde, Bekannte und Verwandte einen Bogen um sie machten. "Wir hatten einen großen Freundeskreis. Doch der ist nach dem Tod meines Mannes völlig zusammengebrochen", so die Witwe. Sie denkt kurz nach und fügt hinzu: "Selbst mein Bruder konnte nicht mit mir darüber reden."

Laut Internetseite des Arbeitskreises Leben lässt jeder Suizid statistisch gesehen sechs nahe Angehörige zurück. Viele von ihnen seien traumatisiert. Die Gefahr bestehe, dass ein Hinterbliebener aus Verzweiflung ebenfalls Suizid begeht.

Psychosomatische Reaktionen wie Atemnot, Schlafstörungen und Magenbeschwerden seien die Regel, nicht selten kämen psychische Erkrankungen wie Depressionen und Ängste hinzu. Auch weil der Tod durch Suizid noch ein Tabuthema sei, ziehe sich der Betroffene oft zurück. Unabhängig von Psychotherapien und anderen therapeutischen Maßnahmen sei deshalb die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe für viele Betroffene wichtig "für einen gelingenden Trauerprozess", so der Arbeitskreis Leben.

Auch Tatjana R. und Ruth K. halten den Austausch unter Betroffenen für ausgesprochen wichtig. Denn immer wieder taucht die Frage nach dem Warum auf, Schuldgefühle kommen hoch. Tatjana R. sagt: "Jeden Tag grübele ich, warum er sein Leben beendet hat und was ich hätte anders machen können?" Ruth K. nickt: "Darüber zermartere ich mir auch heute noch den Kopf." In der Selbsthilfegruppe können die Angehörigen darüber reden und sich gegenseitig stärken. Mario Irmscher, der Leiter der Chemnitzer Angus-Gruppe, betont: "Als Hinterbliebener muss man auf sich aufpassen. Auch die Gruppenmitglieder geben untereinander auf sich Acht und fragen beispielsweise nach, wenn jemand nicht zum Treffen da war."

Die Trauer indes bleibt. Ruth K. spürt auch nach 14 Jahren noch eine "tiefe Traurigkeit, dass ich nicht helfen konnte." Tatjana R. sagt: "Das Gefühl der Trauer gehört zu mir."

*Namen geändert

Agus-Selbsthilfegruppe, Treff jeden 2.Montag im Monat ab 16 Uhr im Bürgerhaus, Müllerstraße 12 in Chemnitz. Hilfe für Menschen mit Suizid-Absichten unter Ruf 112 und 03431 656-0.www.agus-chemnitz.de


Männer sind stärker gefährdet

In Mittelsachsen verstarben 2015 49 Männer und 19 Frauen nach Suizid. Das teilt das Statistische Landesamt mit. 1990 begingen 89 Männer und 56 Frauen im heutigen Kreisgebiet Selbstmord, im Jahr 2000 60Männer und 21 Frauen, 2010 waren es 41 Männer und 12 Frauen.

Seit 2013 gibt es im Landkreis den Präventionsflyer "Suizid ist kein Ausweg". Laut einem Kreissprecher handelt es sich um eine gemeinsame Initiative des Fachkrankenhauses Bethanien Hochweitzschen mit dem Kreis-Gesundheitsamt, um gefährdete Personen und ihre Angehörigen frühzeitig auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen. Beratung wird unter anderem vom Sozialpsychiatrischen Dienst in Freiberg, Mittweida und Döbeln angeboten. (hh)

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