Unter Druck die beste Kunst

Der Altgeringswalder Ralf Schneider ist eigentlich Bauingenieur. Doch in seiner Freizeit widmet er sich der Kunst. Und das ziemlich erfolgreich.

Altgeringswalde.

Bei dem Begriff "Hobbykünstler" verzieht Ralf Schneider schmerzhaft das Gesicht. Nein, so möchte er nicht bezeichnet werden. Und betrachtet man seine Werke, ist dies nachvollziehbar: Das, was der 54-jährige Brückenbauingenieur aus Altgeringswalde in seiner Freizeit auf handgeschöpftes Büttenpapier bringt, verrät eine Perfektion und einen Blick für das Detail, die längst über das viel strapazierte Wort "Hobby" hinausgehen.

Es ist eine mühsame und zeitraubende Arbeit, der sich Schneider hingibt. Statt mit breitem Pinsel auf der Leinwand zu hantieren, fasziniert den verheirateten Familienvater die einfache Linie als Grundelement. Der akribische Entstehungsprozess verlangt eine intensive Auseinandersetzung mit dem Motiv. Für Schneider der ideale Gegenpol zu einer Umwelt, die, wie es scheint, von Oberflächlichkeit und Reizüberflutung geprägt ist. Sich in Radierungen auszudrücken, ist für ihn "Kunst auf ehrliche Art". Und das seit Jahrzehnten. Bereits in den 1980er-Jahren hat er im Mal- und Zeichenzirkel von Eberhard Heinicker seine Passion entdeckt. "Man kann nicht schummeln oder improvisieren. Und ein Motiv herauszuarbeiten, dauert so lange, wie es eben dauert." Überraschungen beim ersten Andruck eingeschlossen.

Die bleiben vor allem beim Verfahren, das als Aquatinta bekannt ist, nicht ausgeschlossen. Dieser Technik bedient sich Schneider seit rund einem Jahr, wenn es um großformatige Arbeiten wie etwa auf 40 mal 60 Zentimeter geht. Dabei wird eine Kupferplatte mit Kolophoniumstaub bestäubt und erhitzt. "Dadurch schmelzen die Staubpartikel und bilden punktuell eine Schutzschicht. Danach kommt Eisendreichlorid zum Einsatz", beschreibt der Künstler den Entstehungsprozess. Die Säure greife die Bereiche zwischen den Kolophoniumkörnchen an. Das eigentliche Motiv entsteht durch Auftragen von Asphaltlack, der, je nach gewünschtem Effekt, Flächen abdeckt oder freilässt. Abhängig vom Motiv werde die Kupferplatte bis zu achtmal dem Säurebad ausgesetzt. "Ich sehe erst nach dem letzten Ätzdurchgang und dem ersten Andruck das Endergebnis, und so bleibt der gesamte schöpferische Vorgang bis zum Ende spannend." Einflüsse wie zum Beispiel die Struktur des Kupferbleches, Luftfeuchtigkeit, Korngröße des Kolophoniums oder die Ätzflüssigkeit spielten ebenfalls eine wesentliche Rolle. "So trägt jedes Motiv eine eigene Handschrift", erklärt er. Dabei faszinieren ihn zunehmend Details: die Äderung eines Eschenblattes, eine Amaryllis kurz vor dem Verblühen, aufplatzende Knospen, die Struktur borkiger Baumrinde oder skurrile Gebilde aus Totholz. "Der Prozess des Werdens und Vergehens lässt sich mittels Radierungen wunderbar einfangen", fährt Schneider fort.

Fragt man in Geringswalde nach dem Künstler, erntet man meist Schulterzucken oder Kopfschütteln. Eine Ausstellung in seinem Heimatort war bisher nur in der Martin-Luther-Kirche zustande gekommen. Das Interesse: mäßig. "Geringswalde ist in Sachen Kunst und Kultur ein schwieriges Pflaster", kommentiert Schneider. Hoffnung macht ihm derzeit der Malwettbewerb der François-Maher-Presley-Stiftung, an dem die Kindereinrichtung "Pfiffikusland" teilnimmt. Der Altgeringswalder wird der Jury angehören, die die Arbeiten der Kinder bewertet, die im Foyer und den Treppenaufgängen des Rathauses präsentiert werden. "Diese Plattform ließe sich ausweiten", wünscht sich Schneider.

Bis sich in Geringswalde etwas auftut, beteiligt er sich an Ausstellungen des Waldheimer Kunstkreises. Radierungen von ihm sind zudem derzeit auf Gut Haferkorn zu sehen. Weitere Schauen befinden sich in Planung, und für 2019 hat er die Zusagen der Zwickauer Domgalerie und der Rathausgalerie Roßwein.


Radierung als Form des Tiefdrucks

Der Altgeringswalder Autodidakt Ralf Schneider bedient sich hauptsächlich der Radierung als einer Form des Tiefdrucks. Kaltnadelradierungen entstehen durch Einritzen der Zeichnung mit der Radiernadel, vorzugsweise in Kupferplatten. Auch Zink und Messing sind üblich.

Bei einer Strichradierung entstehen Vertiefungen durch Ätzen. Die Metallplatte wird dabei mit einer säurebeständigen Schicht überzogen und das Motiv eingeritzt. Bei dem Ätzen löst sich das Metall an den freigelegten Stellen.

Varianten beider Verfahren, die eine flächige und malerische Wirkung erzielen, sind die unter anderem als Mezzotinto bekannte Technik oder Aquatinta. (grün)

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