Vom Bauernmädel zur Bürgermeisterin

Renate Naumann feiert am Sonntag 74. Geburtstag. Sie ist die älteste ehrenamtliche Gemeindechefin in Sachsen. In 34 Jahren hat sie viel bewegt.

Wechselburg.

"Ich hatte als Kind immer lange und dichte Haare, zusammengebunden zu einem Pferdeschwanz. Das war damals modern", erinnert sich Renate Naumann. Dann habe sie sich als junge Frau für eine Kurzhaarfrisur entschieden. "Meine Mutter hat versucht, mir das auszureden. ,Du wirst nie wieder so schöne und lange Haare haben', hat sie gesagt. Ich habe mich nicht abbringen lassen, aber sie hatte leider Recht, mein Haar war ab da kurz und fein", sagt die Wechselburger Gemeindechefin heute. Sie feiert morgen ihren 74. Geburtstag und ist damit nach Angaben des Statistischen Landesamtes Sachsen die älteste ehrenamtlich tätige Bürgermeisterin im Freistaat.

Dass Renate Naumann einmal ein solches Amt bekleiden wird, war ihr keineswegs in die Wiege gelegt. Sie wuchs in einfachen Verhältnissen auf einem Vierseithof im heutigen Wechselburger Ortsteil Seitenhain auf. Ihre Eltern waren Bauern. "Ich bin mit Tieren groß geworden. Wir hatten alles, von der Kuh bis zum Huhn. Und man musste damals schon alle Arbeiten machen, die man als Kind erledigen konnte, also Rüben verziehen, Kartoffeln lesen, ausmisten, melken, Tabak schneiden", erzählt Renate Naumann aus ihrer Kindheit. "Die Landwirtschaft habe ich nicht gemocht, aber das Leben auf dem Land. Ich hatte eine schöne Kindheit. Mit meinen Freundinnen habe ich draußen gespielt oder in der Scheune getobt." Gern sei sie auch Fahrrad gefahren. Sie habe einen klapprigen Drahtesel mit Vollgummireifen besessen. "Ich hatte immer aufgeschlagene Knie."

Ein Ereignis ist ihr im Gedächtnis geblieben. "Wir Mädels haben draußen rumgealbert, halt einfach Quatsch und Faxen gemacht. Das hat der Dorfpolizist gesehen und hat uns verhauen. Wir haben Zeter und Mordio geschrien. Danach gab es mächtigen Ärger. Er kam zu uns nach Hause, hat sich entschuldigt", berichtet sie. Der Hintergrund wurde ihr später klar. Der Polizist hatte einen behinderten Sohn. "Er hat wohl gedacht, wir äffen ihn nach."

Eine Ohrfeige fing sie sich auch in Seitenhain in der Schule von ihrer Lehrerin ein. "Ich war nie ein ruhiges, stilles Kind", sagt sie. Sicher habe sie gequatscht oder nicht aufgepasst. "Aber dass ich geohrfeigt wurde, habe ich nicht verstanden und der Lehrerin nie verziehen." Ihre Mutter habe das Ganze nicht dramatisch gesehen. "Wer weiß, was du angestellt hast", habe sie gesagt.

In der kleinen Dorfschule, die sie seit 1951 besuchte, seien drei Klassen unterschiedlichen Alters zusammen unterrichtet worden. "Ich war eine gute Schülerin und habe von Kindheit an viel gelesen. Mit einem Buch konnte man mir immer eine Freude machen. Das ist bis heute so."

Gut erinnern kann sie sich auch an ein schlesisches Ehepaar, Kriegsflüchtlinge, das neben ihrer Schwester, ihren Eltern und der Oma mit im Haus wohnte. Die beiden seien für sie wie Großeltern gewesen. Zum Leidwesen ihrer Oma, die immer Mittagessen gekocht habe. Sie habe sich häufig an ihr vorbeigeschlichen und sei zum Essen zu dem Ehepaar gegangen. Seither liebt Renate Naumann die schlesische Küche und schwärmt von Mohnklößen.

Im Alter von 15, 16 Jahren, während ihrer Lehrzeit zur Landwirtschaftskauffrau, ging es mit anderen Mädchen aus dem Dorf zum Tanz in umliegende Orte. Anfang der 1960er-Jahre lernte sie dabei in Topfseifersdorf Fritz Naumann, ihre späteren Ehemann, kennen. 1963 brachte sie ihre erste Tochter zur Welt. 1964 wurde geheiratet, im gleichen Jahr kam die zweite Tochter. Die Familie zog nach Corba, wo sie zuerst in einem Bauernhaus wohnte, später dann das Haus von Fritz Naumanns Eltern ausbaute.

Bis die Kinder in die Schule kamen, blieb sie bei ihnen zu Hause, dann war Renate Naumann als Arztsekretärin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wechselburg tätig. "Die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe aber auch gesehen, was es für schlimme Schicksale und Krankheiten gibt. Das hat mich schon mitgenommen, aber auch animiert, zu tun, was möglich ist, um zu helfen."

Als 1983 ihre dritte Tochter geboren wurde, - "wir wollten gern noch einen Nachzügler" - verabschiedete sie sich ins Babyjahr, um nach dessen Ablauf 1984 als Bürgermeisterin von Göhren und Corba wieder ins Arbeitsleben einzusteigen. "Der damalige Bürgermeister Helmut Engert hatte einen Nachfolger gesucht, kam zu mir und meinte, das könnte ich doch machen." Also übernahm sie, damals eben in die CDU eingetreten, die Aufgabe. Eine der ersten Aktionen, für die sie als Bürgermeisterin verantwortlich war, sei der Bau der öffentlichen Wasserleitungen in Göhren und Corba gewesen. "Da habe ich in Gummistiefeln mit auf der Baustelle gestanden."

Im Jahr 1994, inzwischen hatten sich Wechselburg, Nöbeln, Göhren, Zschoppelshain und Mutzscheroda freiwillig zu Wechselburg zusammengeschlossen, kandidierten sie und zwei Männer zur Kommunalwahl. Naumann wurde im zweiten Wahlgang zur Bürgermeisterin gewählt. Ihr Anliegen sei es stets gewesen, "etwas zum Besseren zu ändern und das Dörfliche zu erhalten. Denn ich liebe das ländliche Leben."

Trotz allen Tatendrangs waren die letzten Monate für Naumann nicht einfach. Debatten über die Schließung der Grundschule und eine Bürgerinitiative, die einen Zusammenschluss mit der benachbarten Stadt Rochlitz forderte, sorgten in Wechselburg für Aufregung. Inzwischen ist die Schule geschlossen und bei einem Bürgerentscheid hat sich die knappe Mehrheit der Wechselburger für die weitere Eigenständigkeit entschieden.

Geburtstag gefeiert werde mit Familie und Freunden. Ihre Wünsche? "Gesundheit, Kraft, weiter Harmonie in der Familie und, dass es allen gut geht", so die zweifache Großmutter und bald zweifache Urgroßmutter. Wann sie in den Ruhestand geht und sich ganz ihrer Familie widmet, lässt sie offen.


Amtskollegen zollen Respekt

Thomas Eulenberger (CDU, 65), Bürgermeister von Penig: "Ich weiß, was es bedeutet, jeden Tag präsent zu sein, oft auch am Abend und am Wochenende. Respekt, dass Renate Naumann das in ihrem Alter meistert. Sie arbeitet noch, wenn andere längst auf dem Sofa sitzen und die Beine hochlegen. Ich schätze ihre Heimatliebe, sie setzt sich mit viel Herzblut für Wechselburg ein. Sie hat viel erreicht und ist an den Vorhaben immer dran geblieben. Als Frau packt sie Probleme anders an als ein Mann und hat auf ihre Weise so auch andere Lösungswege gefunden. Sie ist aber auch jemand, der nach Rat fragt und Rat annimmt. Was ich ebenso an ihr schätze, ist ihre Verlässlichkeit."

Ronny Hofmann (CDU, 50), Bürgermeister von Lunzenau: "Zunächst wünsche ich Renate Naumann alles Gute! Ich ziehe den Hut vor ihr, vor dem, was sie in ihrem relativ hohen Alter noch leistet. Sie ist nicht nur als Bürgermeisterin aktiv, sondern setzt sich auch im Kreistag für die Belange ihrer Gemeinde ein. Das ist schon ein Kraftakt, für den ich ihr weiterhin Gesundheit und den Rückhalt aus ihrer Familie wünsche. Sie brennt für Wechselburg. Ich schätze ihre Hartnäckigkeit. Wenn sie sich einmal in ein Thema verbissen hat, kämpft sie es durch. Sie engagiert sich für Wechselburg, ist mit ganzer Seele dabei. Schätzenswert an Renate Naumann ist zudem ihre Offenheit. Wir arbeiten schon lange und gut zusammen. (bp)

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