Warum ein Instrumentenschleifer nicht musikalisch sein muss

Christian Thurm freut sich jeden Montag, wenn er wieder auf Arbeit gehen kann. Dort ist Fingerspitzengefühl gefragt.

Rochlitz.

So wie schon sein Vater, Großvater und Urgroßvater ist Christian Thurm Instrumentenschleifer. Wer dabei an Blechbläser denkt, liegt falsch. Die Bezeichnung stamme vielmehr von chirurgischen Instrumenten, vermutet der 70-jährige Rochlitzer, deren Schärfung früher zu seinem täglichen Geschäft gehörte. Oder von dem Begriff Schneidinstrumente für Messer und Scheren. Die liegen heutzutage zumeist auf seiner Werkbank. Heute steht Christian Thurm allerdings nur noch an zwei Tagen pro Woche in der Werkstatt. Nicht wegen seines Alters, sondern aufgrund der Auftragslage.

"Ich freue mich immer auf Montag, da kann ich wieder arbeiten", sagt der 70-Jährige. Seit der Wende sind die Schleifaufträge immer mehr zurückgegangen, sodass er mit seiner Werkstatt in den Hinterhof seines Hauses an der Kunigunden-straße in Rochlitz zog und an deren Stelle einen Laden aufmachte. Vor allem seine Frau verkauft dort Messer und Küchenzubehör, Angelausrüstung und frei verkäufliche Waffen.

Warum Thurm sich so auf die Arbeit in der Werkstatt freut? "Man muss dabei nicht messerscharf mit Zahlen rechnen", sagt er, vielmehr ist Fingerspitzengefühl gefragt, wenn er professionelle Messer, Friseurscheren, Sägeblätter oder Schlittschuhkufen schleift. Und er schätzt die Ruhe, wenn er allein mit den etwa 15 Maschinen in der Werkstatt ist. Nicht, weil die Maschinen so leise wären. Sondern, wenn er mit einem Messer über den Schleifstein der Schleifmaschine fährt, bekommt er den Kopf frei, plant das Wochenende mit den Enkeln oder die Fahrradtour mit seiner Frau, denkt an die Arbeit im Garten. Wenn er aus der Werkstatt kommt, fühlt er sich nicht ausgelaugt, vielmehr gibt ihm die Arbeit Kraft.

Später wird sein Sohn das Geschäft übernehmen. Er hat bei ihm gelernt, betreibt jetzt ein Geschäft in Mittweida. Wann es so weit sein wird? "Das steht noch in den Sternen", sagt Thurm. Solange er noch kann, werde er weitermachen. Die Arbeit scheint ihn jung zu halten.

Als Christian Thurm noch zur Schule ging, beschrieb er in einem Aufsatz, wie er sich sein Leben im Jahr 2000 vorstellt: Er würde den Betrieb seines Vaters übernehmen und Messer schleifen. Schon als Schüler hat er in der Werkstatt mit poliert oder geschliffen. "Ich bin da so reingewachsen", sagt er. 1969 übernahm er den väterlichen Betrieb. Die Maschinen stammen zum Teil noch vom Großvater und werden auch noch ewig halten, sagt Thurm.

Die Bezeichnung seines Berufes hat die Zeit hingegen nicht überdauert. Instrumentenschleifer hieß der Beruf in der DDR, heute nennt er sich Schneidwerkzeugmechaniker. Ein Azubi hat in diesem Fach in diesem Lehrjahr im Kammerbezirk Chemnitz mit der Ausbildung begonnen. "Es will sich niemand die Finger dreckig machen", sagt Jörg Höfler, Vorsitzender der Innung des Schneidwerkzeugmechanikerhandwerks Chemnitz, zu deren Einzugsgebiet auch Rochlitz gehört. Es werden zunehmend billige Messer gekauft und weggeschmissen, sobald sie stumpf werden. Viele Schleifer-Betriebe gibt es seit Jahrzehnten. Wenn kein Familienmitglied den Betrieb übernimmt, mache er zu. In Mittelsachsen gibt es fünf Schneiderwerkzeugmechaniker, laut Statistik der Handwerkskammer.

Musikalisch ist Christian Thurm übrigens trotzdem: Seit über einem halben Jahrhundert spielt er im Posaunenchor.

Im nächsten Teil der Serie lesen Sie am Freitag, wie es in einem ganz anderen Familienbetrieb zugeht: Bei einer Steinmetzmeisterin.

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