Zeitzeugin berührt mit ihrer Lebensgeschichte

Henriette Kretz gehört zu einer Generation, von der es nicht mehr viele gibt. Sie ist Jüdin und hat den Zweiten Weltkrieg überlebt. Am gestrigen Montag sprach sie darüber mit Schülern in Rochlitz.

Rochlitz.

Die Aula des Rochlitzer Johann-Mathesius-Gymnasiums ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. Rund 220 Schülerinnen und Schüler hören gespannt dem Vortrag einer kleinen, zierlichen, alten Dame zu. Sie spricht leise, aber selbstbewusst in ein Mikrofon und erzählt den vielen Anwesenden ihre Lebensgeschichte. "Mit fünf Jahren habe ich meinen Vater das erste Mal vom Krieg sprechen gehört. Ich wusste bis dahin nichts davon. Ich hatte eine schöne behütete Kindheit", sagt die 85-Jährige.

Henriette Kretz ist Jüdin. 1934 wurde sie als Tochter eines Arztes und einer Juristin in der damals polnischen Stadt Stanisławów geboren. Nach dem Einfall der Deutschen in Polen 1939 floh die Familie erst nach Lemberg, dann nach Sambor. Der Vater wurde Direktor in einem Sanatorium für Tuberkulosepatienten. Aber auch aus Sambor wurde die Familie vertrieben, musste in ein jüdisches Ghetto umsiedeln.

Mehrmals habe der Vater seine Tochter bei Bekannten verstecken können. Das kleine Mädchen wurde entdeckt, kam ins Gefängnis. Der Vater konnte sein Kind befreien, die Familie tauchte unter. Nach einem Verrat sollte die ganze Familie eines Nachts inhaftiert werden, doch der Vater weigerte sich. Er wies seine Tochter an "Lauf!", während er und die Mutter noch vor dem Gefängnis erschossen wurden. Henriette Kretz fand Zuflucht in einem katholischen Waisenhaus, kurz drauf wurde sie von der sowjetischen Armee befreit. Sie fand ihren Onkel, einen polnischen Soldaten wieder, der sie adoptierte. Beide waren die einzigen Überlebenden der Familie. Gemeinsam gingen beide nach Antwerpen, wo Henriette Kretz auch heute wieder lebt. Die Schüler verfolgen aufmerksam den Vortrag und applaudieren Henriette Kretz im Anschluss an ihre Berichte. "Mich hat überrascht, wie offen sie spricht und wie vorurteilslos sie ist. Und sie hat über zwei Stunden vor uns gestanden und gesprochen - das fand ich sehr bemerkenswert", sagt die 17-jährige Schülerin Miriam Schünemann. Es sei wichtig, solche Gespräche auch außerhalb des Unterrichts zu etablieren, denn mit dem Wissen könne man besser gegen rechte Auffassungen argumentieren, so die Schülerin.

Luise Hentschell fand die Beschreibung der Ermordung von Henriette Kretz' Eltern sehr emotional. "Sich vor fremde Menschen zu stellen und so etwas zu erzählen, erfordert Kraft", sagt die 17-jährige Schülerin.

Seit 20 Jahren spricht Kretz vor Schulklassen, Vereinen und Organisationen über ihre Erlebnisse, seit zehn Jahren gemeinsam mit der Maximilian-Kolbe-Stiftung, die die Veranstaltung gemeinsam mit dem Kultusministerium für Schulen organisiert. Aufhören will sie erst, wenn sie nicht mehr reden kann. "Wir leben in beunruhigenden Zeiten. Und ich sehe diese vielen jungen, aufgeschlossenen Menschen, sie sollen nicht verderben", so Kretz.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...