Auf Rekordfahrt in der Grünen Hölle

Für stolze 35 Jahre galt die Zeit von Stefan Bellof als unschlagbar. Doch jetzt wurde eine neue schnellste Runde auf dem Nürburgring gefahren. Mit einem Wagen, der eigentlich schon ausrangiert ist.

Nürburg.

Für viele Fanatiker des Rennsports war es schon fast eine magische Zeit: 6:11,13 Minuten. Eine Marke, die so seit 35 Jahren für die perfekte Runde auf einer der schwersten Rennstrecken der Welt steht. Als Stefan Bellof diese Runde 1983 in einem Zeittraining mit seinem Porsche 956C aufstellte, da ahnte wohl noch keiner, dass dieser Rekord in die Geschichte der Nordschleife eingehen würde.

Seitdem hat sich viel getan auf dem über 20 Kilometer langen Kurs in der Vulkaneifel. Die Streckenführung wurde verändert und verkürzt, die Nordschleife gilt heute als traditioneller Teil des Nürburgrings neben dem neuen Grand-Prix-Kurs. Doch die Zeit von Stefan Bellof, der 1985 in Spa tödlich verunglückte, sollte nicht gebrochen werden. Bis Timo Bernhard kam. Der zweifache Gesamtsieger der Langstrecken-Weltmeisterschaft WEC und mehrfache Gewinner des berühmten 24-Stunden-Rennens von Le Mans konnte auch auf dem Nürburgring die 24-Stunden-Rennen bereits fünf Mal gewinnen. Kein Wunder also, dass Porsche sich bei der Rekordjagd in der sogenannten Grünen Hölle für ihn entschied. "Er kennt die Strecke und und ist sich auch über die Balance zwischen Attacke und Sicherheit bewusst", so Andreas Seidl, Teamchef des Le-Mans-Prototyp-Programms der Ingolstädter. Die sogenannten LMP-Fahrzeuge gelten als die schnellsten geschlossenen Rennwagen überhaupt und treten besonders im Langstreckensport auf. Porsche dominierte diese Klasse in den letzten Jahren, entschied sich aber nach der vergangenen Saison zum Rückzug zugunsten der Formel E - wohl auch aus Imagegründen.

Anstatt das Programm einfach zu beenden, traf man aber die Entscheidung, mit dem 919 LMP-Hybrid noch einige Ehrenrunden zu drehen. "Wir wollten den Wagen nicht einfach ins Museum stellen, sondern noch einmal vor unseren Fans fahren", sagt der in Bayern lebende Andreas Seidl zu der Aktion. Im Zuge der Planungen der "Porsche 919 Tribute-Tour", wie die Ehrenrunde genannt wird, kam man auf die Idee, den Rennwagen von allen Regularien befreit so schnell wie möglich zu machen und auf Rekordjagd zu schicken. Man hat das Auto so umgebaut, dass es jetzt insgesamt 260 PS mehr Leistung bei 39 Kilogramm weniger Gewicht hat. Wie groß der Zeitunterschied durch diese Veränderungen tatsächlich ist, kann Andreas Seidl aber nicht sagen.

"Wir wollten das Potenzial eines LMP-Wagens zeigen. Im Winter haben wir uns dann überlegt, welche Rekorde wir brechen wollen", so Seidl. Die Wahl fiel auf zwei Strecken, die legendärer kaum sein könnten. "Auf jeden Fall wollten wir einen Formel 1-Streckenrekord brechen. Und das an einem Ort, der auch in der Königsklasse eine große Geschichte hat", meint der Teamchef. Gesagt, getan. Man entschied sich für Spa-Francorchamps in Belgien - Formel-1-Strecke seit 1950. Die Bestzeit von Lewis Hamilton aus dem Jahr 2017 konnte das Team dann tatsächlich um etwa sieben Zehntel unterbieten - im Motorsport ein beeindruckender Abstand.

Doch die eigentliche Herausforderung stand noch bevor. "Wir entschieden uns auch für den Nürburgring, wegen seiner engen Verbindung mit Porsche und unseren vielen Erfolgen dort", verrät Seidl. Die Nordschleife gilt als eine der schwierigsten und gefährlichsten Rennstrecken der Welt. "Im Winter war ich noch skeptisch, ob wir das schaffen können. In der Entwicklung hat sich aber gezeigt, dass es durchaus möglich ist", so der Teamchef. Mit dem Homburger Timo Bernhard fand man dafür einen Fahrer, der die 73 Kurven kennt, wie kaum ein Zweiter. Am Ende stand eine Zeit von 5:19,55 min. Fast eine Minute schneller als Uwe Bellof. "Das ist für uns eine Riesenfreude und auch eine große Erleichterung, dass nichts passiert ist", sagt Seidl.

Der LMP-Chef ist sich aber auch bewusst, dass der neue Rekord kaum mit der Leistung von Stefan Bellof zu vergleichen ist: "Das war damals eine ganz andere Technologie - wir sind heute mit hoch entwickelten und sehr komplizierten Hybridwagen unterwegs. Außerdem sind wir unter Laborbedingungen gefahren." Tatsächlich war Timo Bernhard allein auf dem Ring unterwegs und sein Auto frei von allen Regularien, während das Auto von Bellof den damals geltenden Regeln entsprechen musste und er unterwegs auch mit anderen Fahrern auf dem Weg zu kämpfen hatte.

Für den Porsche 919 Evo Hybrid soll es der letzte Rekord sein. Für weitere Jagden fehlen Zeit und Geld. Ein Teil des Teams wird bald weiterziehen zur Formel E. Auch Andreas Seidl wird sich dieser neuen Herausforderung widmen - als Teamchef. "Es war pure Freude, das anzugehen. Ich verbinde mit dem Auto eine zwar kurze, aber erfolgreiche und großartige Zeit", blickt er zurück. Noch ein paar mal will man den LMP-Hybriden den Fans bei Veranstaltungen zeigen, zuletzt am 29. September in den USA. Danach wandert das Rekordauto dann wirklich ins Museum.

Eine der herausforderndsten Rennstrecken der Welt

Die Länge von 20,832 Kilometer ist allein schon eine beeindruckende Zahl. Der Grand-Prix-Kurs des Nürburgrings ist zum Beispiel nur etwa fünf Kilometer lang. Allein die längste Gerade auf der Nordschleife misst bereits 2,6 Kilometer.

Eingeweiht wurde die Nordschleife am 18. Juni 1927. Der Sieger des ersten Autorennens nannte den Kurs danach "bärig schwer". Damals erstreckte sich die "Grüne Hölle" noch auf 22,8 Kilometer und wurde schnell für ihren hohen Anspruch berühmt.

Die Formel 1 war auf der Strecke von 1951 bis 1976 unterwegs. Die schnellste Runde fuhr in dieser Zeit Niki Lauda. Im letzten Rennen verunglückte dieser schwer. Schon vor diesem Unfall stand fest, dass das Rennen wegen Sicherheitsbedenken aus dem Kalender gestrichen werden sollte.

Heute ist das wichtigste Event auf dem Kurs das 24-Stunden-Rennen. Dabei wird auf einer abgeänderten Streckenvariante gefahren, die auch über den 1984 eingeweihten Grand-Prix-Kurs führt. (luka)

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