Der Guido Knopp von Plauen

Mit Imagefilmen und 3D-Animationen für die Industrie verdient Tino Peisker sein Geld. Doch das Schicksal seines Vaters im Zweiten Weltkrieg machte ihn zum Hobby-Historiker. Sein neuer Dokumentarfilm zeichnet nach, wie eine Großstadt im Vogtland in einer Nacht ausgelöscht wurde.

Plauen.

Tief im Berg, wo die Menschen sich vor den Bomben verkrochen, steht heute ein Grabstein. Darauf sechs Namen: eine Mutter, ihre vier Kinder und die Großmutter. Sie starben am späten Abend des 10. April 1945 - zusammen mit vielen anderen Menschen in Plauen, weil sie die rettenden Luftschutzkeller nicht aufgesucht hatten. Doch es gab in dieser Familie noch ein fünftes Kind. Peter Peisker, sechs Jahre alt, überlebte als Einziger. Er wohnt heute in Bayreuth. Sein Sohn Tino ist in Plauen geblieben. Die Stadt und ihr Schicksal lassen ihn nicht los. "Die Geschichte meines Vaters hat mich zum Hobby-Historiker gemacht", sagt er.

Plauen/Vogtland Anfang 1945. Immer wieder wird die Großstadt mit 125.000 Einwohnern von der US-Luftwaffe bombardiert. Die Angriffe richten sich vor allem gegen die Vogtländische Maschinenfabrik Vomag. Der Betrieb ist Alleinhersteller des Jagdpanzers IV, der wegen seiner niedrigen Bauform, der starken Panzerung und der hohen Feuerkraft als einer der stärksten Panzerjäger in der Endphase des Krieges gilt. Ende März kommt die Produktion zum Erliegen, die Zerstörungen in der Stadt sind bereits massiv.

Doch für die Alliierten gibt es hier noch immer strategische Ziele: etwa den Oberen Bahnhof, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Und, so analysiert der Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Universität Potsdam, am Ende des Krieges habe die britische Luftwaffe noch Bomben loswerden wollen. "Sachsen war im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland besonders schlecht geschützt." Zugleich habe Plauen das Kriterium für ein Flächenbombardement erfüllt. "Die Bomber Commands haben vier Jahre lang nichts anderes gemacht", sagt Neitzel zur Logik des Krieges. Und: "Wir schonen jetzt deutsche Leben - diese Kategorie gab es damals gar nicht." Sönke Neitzel ist ein bekanntes Fernsehgesicht. In vielen Dokus erklärt er den deutschen TV-Zuschauern den Zweiten Weltkrieg, Strategie und Taktik von Wehrmacht und Alliierten. Nun auch zu Plauen. Tino Peisker hat ihn interviewt - für einen Film, in dem detailliert beschrieben wird, wie die Stadt am 10. April 1945 ihr Inferno erlebte - als sie von den Briten mit 304 Lancaster-Bombern und sechs Mosquito-Schnellbombern "aus der Landkarte radiert" werden sollte. 75 Prozent der Stadt waren hinterher zerstört.

Tino Peisker ist Filmemacher. Seine Firma MPC lebt bislang vor allem von Imagefilmen und Animationen, die sie für Industriefirmen herstellt. Dazu gehören auch Bilder von Orten, wo keine Kamera hinkommt, etwa aus dem Inneren einer 50 Tonnen schweren Stanze für die Automobilindustrie. "Wir besorgen uns die CAD-Daten von den Firmen und erstellen 3D-Animationen", berichtet der 46-Jährige. Das sei für die Betriebe die einzige Möglichkeit, etwa auf Messen zu demonstrieren, wie ihre Technik funktioniert.

Es war im Jahr 2005, als in Plauen an den 60. Jahrestag der Zerstörung der Stadt erinnert wurde. Tino Peisker war auf einer Gedenkveranstaltung. Damals bekam der MPC-Chef den Anstoß, einen Film über die Luftangriffe zu machen. Mit seinem GbR-Partner Torsten Schad knüpfte er Kontakte zu einem englischen Produzenten. So erhielten sie aus amerikanischen und britischen Archiven bis dahin unveröffentlichte Aufnahmen von militärischen Aufklärungsflügen über Plauen. Daraus entstand 2009 der Dokumentarfilm "Codename Brisling". Brisling, auf deutsch Sprotte, war der Tarnname Plauens bei der britischen Luftwaffe. In einem "Fish Code" hatte sie allen deutschen Städten, die zur Flächenbombardierung vorgesehen waren, Fischnamen zugeordnet. Mehr als 30 Zeitzeugen wurden für "Codename Brisling" interviewt, darunter Tino Peiskers Vater. Für das einstige Kriegsopfer, so berichtet der Sohn, sei das ein wichtiger Schritt bei der Aufarbeitung der persönlichen Geschichte gewesen. "Mein Vater fühlte sich gehört."

Der Film wurde ein Riesenerfolg: 5000 Menschen sahen ihn bei öffentlichen Aufführungen, über 5000 DVDs wurden verkauft, aus aller Welt gab es Reaktionen. Inzwischen wird die Dokumentation auch an Plauener Schulen im Unterricht eingesetzt - der Zweite Weltkrieg mit Authentischem aus der Region, statt nur trockener Fakten aus Geschichtsbüchern.

Sieben Jahre später legt Tino Peisker jetzt mit "Codename Brisling 2" nach. Der erste Teil, so erklärt er, sei vor allem von subjektiven Zeitzeugenberichten geprägt. Nun gehe es darum, so exakt wie möglich darzustellen, was damals wirklich geschah. 2011 hatte der Plauener Historiker Gerd Naumann das Buch "Plauen im Bombenkrieg 1944/45" veröffentlicht, es gab neue Erkenntnisse aus Archiven in Großbritannien, die sich öffneten. "Da hat es mich wieder gepackt", erzählt Peisker.

Ihr Knowhow aus den Industriefilmen ließen die MPC-Mitarbeiter in 3D-Animationen einfließen, die den Angriff der britischen Bomber ebenso zeigen wie den Abtransport von Jagdpanzern aus der Vomag - über jene Stahlbrücke, in der bis heute die Einschusslöcher von Maschinengewehren und Bordkanonen sichtbar sind. Hinzu kommt die inzwischen verfügbare Drohnentechnik. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Loreen Zacher filmte Peisker mit einem Quadrokopter das ehemalige Vomag-Gelände und die Plauener Innenstadt aus der Luft. Schließlich die Experten: Neben Sönke Neitzel treten auch Jens Wehner vom Militärhistorischen Museum in Dresden und Thomas Langer, Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Sachsen in Zeithain, auf.

Die Dokumentation ist eine Gemeinschaftsproduktion der MPC Filmproduktion GbR mit dem Bergknappenverein zu Plauen. Der betreibt das Luftschutzmuseum "Meyerhof", jene einstigen Bierkeller, in denen die Plauener im Krieg Schutz vor den Bomben fanden. Der Verein wird den Film für gemeinnützige Zwecke einsetzen, so gab es Geld vom Kulturraum Vogtland. Nur dadurch war die Produktion finanzierbar, an der MPC zweieinhalb Monate lang intensiv arbeitete. Sogar die Filmmusik komponierte Tino Peisker, der mit seiner Lebensgefährtin auch gemeinsam Musik macht.

Am 12. September hat "Codename Brisling 2" Premiere im Theater Plauen - die Veranstaltung ist lange ausverkauft. Einen Tag später beginnt dann der Verkauf der DVD. Später soll zudem eine Blue-ray hinzukommen, die auch eine Version auf Englisch enthält.

Tino Peisker selbst denkt inzwischen bereits einen Schritt weiter: Er will aus "Codename Brisling" eine Multivisionsshow gestalten und auf Tour gehen. Der Guido Knopp von Plauen hat noch viel vor.

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