«Agrargipfel»: Merkel sichert Bauern Respekt und Gehör zu

Bei den Bauern brodelt es seit Wochen. Nun setzt die Kanzlerin ein Zeichen und spricht drei Stunden mit der Branche. Im neuen Jahr soll auch ein Dialog mit Verbrauchern kommen - mehr als Symbolik?

Berlin (dpa) - Wenn die Kanzlerin die Wirtschaft empfängt, ging es zuletzt oft um die Autoindustrie. Nach Traktoren-Protesten quer durch Deutschland lud Angela Merkel (CDU) aber zum «Agrargipfel» - und versicherte den Bauern, sie bei weiteren Vorgaben zum Natur- und Klimaschutz einzubeziehen.

Dazu signalisierte sie gleich mehrfach Anerkennung für die aufgebrachten Landwirte, die «ein ganz wichtiger Teil der Gesellschaft» seien. Im neuen Jahr soll ein großer Dialog über gesellschaftliche Erwartungen an die Bauern folgen. Umstrittene Billig-Angebote für Lebensmittel sollen ebenfalls stärker ins Visier.

Knapp eine Woche nach dem Protest Tausender Bauern mit einer langen Traktoren-Kolonne am Brandenburger Tor betonte die Kanzlerin gleich zu Beginn: «Großer Respekt für ihre Arbeit, die schwierig ist.» Es müssten in vielen Bereichen neue Antworten gefunden werden. «Aber das wollen wir mit Ihnen machen, und das wollen wir nicht gegen Sie machen», sagte Merkel in die Runde. Dabei waren Vertreter mehrerer Landwirtschaftsverbände von Bauern und der Ökobranche über Imker und Landfrauen bis zur Bioenergie - und auch die Initiative «Land schafft Verbindung», die für die jüngsten Demonstrationen mobilisiert hatte.

Akuten Ärger ausgelöst hat vor allem ein «Agrarpaket», das das Kabinett im September auf den Weg gebracht hatte. Unter anderem zum Insektenschutz soll der Einsatz von Unkraut- und Schädlingsgiften stark eingeschränkt werden. Für einen besseren Grundwasserschutz müssen auf Druck der EU auch Düngeregeln erneut verschärft werden. Aus den wichtigen EU-Agrarzahlungen an die Höfe wird im neuen Jahr mehr Geld für Umweltmaßnahmen reserviert. Viele Bauern sind auch frustriert über Beschuldigungen und fordern mehr Wertschätzung.

Merkel sparte denn auch nicht mit Zuspruch. Landwirtschaftliche Tätigkeit sei «Teil unserer Kultur». Und: «Wenn andere schon fröhlich ihren Feierabend genießen oder im Sommer am Badesee sind, dann sitzen Sie auf dem Mähdrescher oder stehen im Stall und arbeiten, und zwar rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr.» Zugleich rückte die Kanzlerin nicht davon ab, dass Handlungsbedarf beim Umweltschutz bestehe.

Es gebe «ein dramatisches Problem bei der Artenvielfalt». Da seien Landwirte «nicht die einzigen Verursacher», aber natürlich Teil des Gesamtsystems. Auch den Klimaschutz nannte Merkel als «gemeinsames Anliegen». Die Bauern seien aber auch ein Wirtschaftszweig, der rentabel wirtschaften müsse. Beides müsse zusammengebracht werden - partnerschaftlich und berechenbar. «Wir wollen regionale Produkte und zu Hause Landwirtschaft haben. Das bedeutet, dass Sie eine Zukunft haben müssen», argumentierte die Kanzlerin.

Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) sagte, das Thema Landwirtschaft solle wieder in die Mitte der Gesellschaft gerückt werden. Nach dem Gipfel kündigte sie dazu mehrere Foren an, die im neuen Jahr starten sollen: Ein Treffen mit dem Handel wieder bei Merkel zu Lockangeboten mit Billigpreisen für Fleisch, Wurst und Milch im Supermarkt. Eine «Wertschätzungskampagne» für Lebensmittel. Anlaufen sollen außerdem bundesweite «Dialogforen» mit Verbraucher- und Umweltschützern am Tisch. Die Kultusminister sollen dafür sensibilisiert werden, in Schulen kein zu romantisches Bild von Landwirtschaft zu vermitteln.

Nach dem dreistündigen Gespräch gab es verschiedene Reaktionen. Bauernpräsident Joachim Rukwied sprach von einem «guten Auftakt für einen notwendigen Dialog, den wir jetzt intensivieren und fortsetzen müssen». Konkret bedeute das, das Aktionsprogramm Insektenschutz neu zu diskutieren. Die Milchbäuerin Ursula Trede, die Merkel in einer TV-Wahlkampfsendung angesprochen und im vergangenen Jahr auf ihren Hof in Schleswig-Holstein eingeladen hatte, sagte: «Dass es auf den Betrieben "brennt", kam viel zu kurz.»

Umweltverbände und die mitregierende SPD forderten einen breiten Dialog. Die Kommission für den Kohleausstieg habe gezeigt, dass auch bei strittigen Themen Interessen ausgeglichen werden könnten und ein konstruktiver Kompromiss möglich sei, sagte SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch. So etwas sei auch in der Landwirtschaft nötig.

Von der Opposition kam Kritik. FDP-Agrarexperte Gero Hocker verlangte eine «Kurskorrektur». Maßnahmen müssten wissenschaftlich belegt sein und wirtschaftliche Folgenabschätzungen haben. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter forderte, Agrarsubventionen an gesellschaftliche Leistungen für Umwelt- und Tierschutz zu binden. Stephan Protschka (AfD) nannte den Gipfel eine «Beruhigungspille für die Bauern».

Merkel machte deutlich, dass Landwirtschaft nunmehr auch als eine Art Chefsache zu verstehen sei - vielleicht ähnlich wie die Autobranche. Sie stellte ein nächstes Treffen in der Runde des «Agrargipfels» im Herbst 2020 in Aussicht. Dann solle man sehen, wo man stehe. «Und wenn's brennt, bin ich auch zwischendurch zu Gesprächen bereit.»

4Kommentare
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  • 6
    1
    Echo1
    03.12.2019

    Die Mehrheit der Bevölkerung kann erhöhte
    Preise für Lebensmittel bezahlen. Also Handel zahlt den Bauern mehr. Wenn eine Vielzahl von Normalbürgern sich Panzerautos leisten können und dann das
    Stück Butter für 1,29 aussuchen, dann muss sich etwas ändern. Es soll ja zu Gesprächen
    mit den Handelskonzernen kommen. Das wird in der Berichtserstattung nur am Rande
    erwähnt. Nach dem Motto, mit denen muss
    man auch mal reden. Mit denen zuerst!! Das ist der Pudels Kern.

  • 5
    1
    Inke
    03.12.2019

    Bei Lebensmitteln darf keine "Geiz-ist-geil-Mentalität" herrschen. Den Bauern müssen Mindestabnahmepreise garantiert werden. Es kann doch nicht sein, dass die Leute, die die Ernährung der Bevölkerung absichern, selbst ums Überleben kämpfen müssen. Hochwertige Lebensmittel zu angemessen hohen Preisen. Dahin müssen wir kommen.

  • 8
    1
    Echo1
    02.12.2019

    Die Handelsriesen machen Druck auf die Bauern. Es ist richtig, Lebensmittel müssen
    gesund sein, nach Möglichkeit ökologisch erzeugt werden. Und das geht nur mit höheren Preisen. Und da müssen Mindestpreise für landwirtschaftliche Produkte gelten. Damit können auch kleinere landwirtschaftliche Betriebe überleben. Warum nicht 1,20 € für einen Liter Milch bezahlen. Da gehen die Konsumenten schon mit.

  • 8
    3
    ralf66
    02.12.2019

    Respekt ist wichtig und gut, Gehör schenken ist auch wichtig und gut, aber wenn man jemanden Gehör schenkt dann wäre es noch besser, auch seine Probleme zu sehen und vor allen Dingen sie zu lösen, sonst macht Gehör schenken keinen Sinn.



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