30 Jahre Einheit - letzter DDR-Außenminister kritisiert Jammertum und Überheblichkeit

Markus Meckel war 1989 der Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei in der DDR und saß mit am Runden Tisch. Nach der ersten freien Wahl in der DDR verhandelte der frühere Pfarrer als Außenminister die Deutsche Einheit mit. Seine Bilanz nach 30 Jahren ist mahnend und ernüchternd zugleich.

Chemnitz.

"Es bleibt festzuhalten: die DDR ist nicht untergegangen, sondern das kommunistische Regime. Sie wurde in der Friedlichen Revolution zu einer Demokratie", sagt Markus Meckel. Die neugewählte DDR-Regierung hatte wichtige Aufgaben zu bewältigen: Sie hatte die Transformation zu einer Demokratie und Marktwirtschaft zu gestalten, die Länder zu konstituieren, mit der Aufarbeitung der Vergangenheit zu beginnen und - das stand im Zentrum - die Verhandlungen zur Einheit zu führen. "In den wenigen Monaten haben wir viel geschafft", betont der ehemalige Pfarrer, der nach der Wende 131 Tage lang Außenminister der DDR war.

"Leider haben wir auch 30 Jahre nach der Einheit immer noch keine gemeinsame Erzählung in Ost und West gefunden, die den Realitäten entspricht." Man müsse deutlich machen, dass eine Revolution im Osten die Diktatur und die SED hinweggefegt und der Runde Tisch zu freien Wahlen in der DDR geführt hatte. "Die Deutsche Einheit ist das Ergebnis zweier gleichermaßen legitimierter deutscher Regierungen, von denen die eine immer wieder vergessen wird. Es hat ja noch eine demokratische DDR gegeben. Eine demokratische DDR-Regierung hat schließlich in demokratischer Selbstbestimmung den Beitritt beschlossen, weil es die Bevölkerung so wollte", sagt Meckel und wirbt um historische Genauigkeit.

Die Ostdeutschen seien selbstbewusst und aufrecht in die deutsche Einheit gegangen. "Ich kritisiere heute einerseits ein gewisses Maß an ostdeutschem Jammertum, andererseits die Dominanz und Überheblichkeit des Westens", sagt Meckel. "Oft wird so getan, als ob die Einheit das Werk der Bundesregierung war. War es aber nicht."

Ja, die Verhandlungen seien damals vom Westen und dessen Interessen dominiert gewesen, aber Markus Meckel vermisste als Teil der DDR-Regierung auch die Unterstützung der Ostdeutschen: "Die Verhandlungen, die wir ja für sie geführt hatten, wurden als Verzögerung einer schnellen Einheit gesehen. Dadurch haben sie die eigenen Leute geschwächt und damit die Wahrnehmung der Ost-Interessen. Wir standen nicht nur unter dem Druck der Bundesregierung in Bonn, sondern auch unter dem der eigenen Leute." Dass müsse man denen mal deutlich sagen, die sich heute so lautstark darüber beschweren, damals und heute zu kurz gekommen zu sein.

Die deutsche Geschichte nach 1945 war eine geteilte, aber immer eine aufeinander bezogene. Bundesrepublik und DDR können laut Meckel nicht ohne den jeweils anderen Staat verstanden werden: Für viele im Westen gab es nur die westliche deutsche Geschichte, die der DDR wurde als eine Sondergeschichte gesehen, die nur für Betroffene und Historiker interessant war.

"Aber beide Staaten können nur mit dem ständigen Bezug aufeinander verstanden werden. Bei der DDR war es mit dem Mauerbau eindeutig. Im Westen waren es unter anderem die rund zwei Millionen Menschen, die aus der SBZ/DDR kamen. Die westdeutsche Innenpolitik ist doch gar nicht verständlich ohne Blick auf die DDR: Das wird oft vergessen. Das 20. Jahrhundert war eine geteilte deutsche Nachkriegsgeschichte."

1990 wurden nach Meckels Meinung viele Fehler gemacht, wie zum Beispiel die Eigentumsrückgabe vor Entschädigung oder die Altschuldenregelung. In den 90er-Jahren führte das zu vielfältigen Investitionshindernissen. Über lange Zeit galt die Entwicklung im Osten nur als eine der Angleichung der Lebensverhältnisse an den Westen. Meckel: "Dass man gemeinsam fit werden muss für die Zukunft, wird erst seit etwa zehn Jahren diskutiert. Klimaschutz, Europas Zukunft oder der Umgang mit Migration - diese Fragen sind zu spät angepackt worden, Gerade der Osten hatte diese konservative Grundhaltung bestärkt."

Als protestantischer Pfarrer organisierte Meckel im Revolutionsherbst 1989 zusammen mit Martin Gutzeit die konspirative Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP). 1990 war er für vier Monate Außenminister der Republik. Nach der deutsch-deutschen Vereinigung saß er bis 2009 für die SPD im Bundestag. 2016 scheiterte er als Reform-Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge am rückwärtsgewandten Mainstream. Über sein bewegtes Leben schrieb Meckel jetzt eine Bilanz. Das Buch mit dem Titel "Zu wandeln die Zeiten. Erinnerungen", erschienen in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, ist eine ungeschönte politische und persönliche Autobiografie.

Die Gründung der SDP, die dann später in SPD umbenannt wurde, sei eine klare Entscheidung Ende der 1980er-Jahre gewesen, sagt er. Der Pfarrer wollte keine christliche Partei gründen - aus theologischen Gründen. "Jede christliche Partei ist in der ständigen Gefahr, den christlichen Glauben für parteipolitische Zwecke zu missbrauchen. Wir wollten uns damals lieber in die Tradition der SPD stellen, in der aus Untertanen selbstständige Bürger werden, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir konnten so auch die SED infrage stellen, indem wir quasi die eine Hand aus dem Parteiabzeichen herausnahmen."

Meckel ist heute noch enttäuscht, dass die SPD bei den ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 das Nachsehen hatte. "Damals setzten die DDR-Bürger ihre Hoffnungen auf die unionsgeführte Bundesregierung. Es sollte ja alles schnell gehen. Die früheren Blockparteien hatten ihre Büros noch, ihre Zeitungen und gute Finanzen. Das alles hatten wir nicht." Hinzu kam, dass die SPD sich lange Zeit auch "als Westpartei dargestellt hat und so im Osten schwer Fuß fassen" konnte. Er nennt das eine gewissermaßen selbstgemachte Tragödie.

Als Außenminister war Meckel vor allem mit den Gesprächen zum "Zwei-plus-Vier-Vertrag" befasst. Das Verhältnis zu seinem westdeutschen Amtskollegen Hans-Dietrich Genscher beschreibt er nüchtern: "Er bot mir anfangs eine enge Zusammenarbeit an. Daran war ich sehr interessiert und ging davon aus, dass dem eine intensive gegenseitige Information und Absprache folgen würde. Das sollte sich jedoch als nicht realistisch erweisen."

Meckel merkte schnell, dass er als DDR-Außenminister auf Zeit keine Macht hatte und sein Wort in diplomatischen Kreisen nicht viel zählte. Man habe nicht gewollt, dass mit einer nun demokratischen DDR noch ein Akteur auf das diplomatische Spielfeld trat. Er eckte aber auch mit so manchen seiner Positionen an. Helmut Kohl zum Beispiel hatte er damit verärgert, dass er schon sehr früh die Anerkennung der polnischen Westgrenze gefordert hatte. Auch seine Meinung, dass ein vereintes Deutschland nicht nur den Besitz von Atomwaffen, sondern auch deren Stationierung ablehnen müsse, kam nicht gut an.Den "Zwei-plus-Vier"-Vertrag vom 12. September 1990 hält Meckel aber auch heute noch für den besten Vertrag der deutschen Einheit. Er selbst fehlte bei der Unterzeichnung in Moskau. Seine Partei, die SPD, hatte drei Wochen zuvor ihre Minister und Staatssekretäre aus der Regierung abgezogen, nachdem der DDR-Regierungschef Lothar de Maizière den SPD-Finanzminister Walter Romberg entlassen hatte. De Maizière amtierte in Moskau selbst als Außenminister.

Es wurde damals kein Friedensvertrag abgeschlossen, weil man einen solchen Vertag mit allen Staaten hätte abschließen müssen, mit denen sich Deutschland vor mehr als vier Jahrzehnten im Krieg befunden hatte - über 50 Staaten. Meckel: "In dieser konkreten Situation wäre es nicht vernünftig gewesen: Viele Staaten hätten die Hände aufgehalten. Das hätte den Prozess immens hinausgezögert. Man konnte nach 45 Jahren nicht so tun, als ob der Krieg gerade zu Ende gegangen war. Man hätte um Geld gefeilscht, statt über die Zukunft Europas zu sprechen. Es war damals eine richtige Entscheidung. Was nicht heißt, dass man nicht mehr hätte tun müssen für die Entschädigung der Opfer."

Man beließ es also bei dem Kreis der vier Siegermächte, die völkerrechtlich für Deutschland im Ganzen verantwortlich waren, plus den beiden deutschen Staaten. Das Ergebnis hat man dann in der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) vorgestellt und damit auch die Nachbarn und die anderen europäischen Staaten miteinbezogen. Michail Gorbatschow habe schon damals unter großem Druck der innenpolitischen Verhältnisse gestanden, so Meckel.

"Ich selbst habe ihn nicht als Verhandler erlebt, aber ich bin ihm begegnet. Er nannte die Dinge klar beim Namen und war nicht einfach zu gewinnen. Seine Rede vom 7. Dezember 1988 vor der UNO bedeutet für mich heute noch das Ende des Kalten Krieges. Diese Rede gehört in jedes Schulbuch - hier bekannte er sich zum internationalen Recht und der gemeinsamen Verantwortung für die globalen Herausforderungen, er kündigte eine sowjetische Truppenreduzierung in Europa um 500.000 Soldaten an und sprach den Satellitenstaaten ein Recht auf die Wahl des politischen Systems zu. Das bedeutete die Rücknahme der Breschnew-Doktrin."

Bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen wollte Meckel eine europäische Sicherheit gestalten, die die Sowjetunion nicht ausschloss. Die Amerikaner wiederum machten die Nato-Mitgliedschaft Deutschlands zur Bedingung der Unterstützung der deutschen Einheit. "Die Nato war ja das Instrument, um auch zukünftig den Einfluss der USA auf Europa zu gewährleisten. Und in diesem Punkt waren sowohl wir, als auch die Sowjetunion skeptisch. Gorbatschow hat sich dann darauf eingelassen, weil die Nato angekündigt hatte, sie würde sich ändern", schreibt Meckel in seiner Biografie.

Das legendäre Treffen im Kaukasus vom 14. bis 16. Juli 1990 hat übrigens nicht die Entscheidung gebracht, sagt er. "Das war eine typisch deutsche Überhöhung." Vielmehr habe Gorbatschow schon bei seinem Treffen mit US-Präsident Bush am 31. Mai in Washington dessen Kompromissformel zugestimmt, dass nach den KSZE-Prinzipien jeder Staat das Recht habe, über seine Bündniszugehörigkeit selbst zu entscheiden. "Im Kaukasus wurde dieses Ergebnis nur implementiert."

Meckel hofft, dass "wir Deutsche nie vergessen, dass diese Ereignisse vor 30 Jahren "eine Glückstunde der Deutschen im 20. Jahrhundert gewesen sind". Die Zukunft dürfe man aber nicht nur nationalstaatlich sehen, sondern nur im Verbund mit Europa. "Wir müssen an den demokratischen Grundwerten festhalten. Dafür sind wir damals eingetreten."

Der Zwei-plus-Vier-Vertrag

Die Vereinbarung wurde am 12. September 1990 in Moskau unterzeichnet. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag machte den Weg frei für die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. In der Übereinkunft wurden das Staatsgebiet des vereinten Deutschlands definiert und dessen Grenzen endgültig festgeschrieben.

Deutschland verzichtete auf den Besitz von ABC-Waffen und reduzierte und begrenzte seine Truppenstärke auf 370.000 Mann. Die sowjetischen Truppen sollten das Territorium der ehemaligen DDR bis zum 31. Dezember 1994 verlassen. Die Stationierung von Kernwaffen oder ausländischen Truppen dort wurde ausgeschlossen. Entscheidend war aus deutscher Sicht, dass die Viermächte-Verantwortung in Bezug auf Berlin und Deutschland als Ganzes beendet wurde. Die Hauptsiegermächte verzichteten auf noch bestehende Rechte aus dem Potsdamer Abkommen von 1945 und übertrugen diese auf die Bundesrepublik. Das Ergebnis war die Wiedererlangung der vollen Souveränität Deutschlands über seine inneren und äußeren Angelegenheiten. Als der Vertrag nach der Ratifikation durch alle beteiligten Staaten am 15. März 1991 in Kraft treten konnte, wurde die Nachkriegsordnung mit abschließender Gültigkeit beseitigt.

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2424 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    Interessierte
    02.10.2020

    Gestern sprach einer von einem karnevaleskem Treiben , das war gut getroffen .

  • 4
    0
    Nixnuzz
    02.10.2020

    @censor: Sie haben gerade den Lebensweg meiner Mutter beschrieben...1grüner. Die Grundmauern der Auffangbaracken standen noch neben der Giesserei, in der ich mein Praktikum absolvierte.

  • 6
    0
    Haju
    01.10.2020

    @censor
    Da muß ich mich auch mal einbringen. Meine Tante erzählte, daß unter den Katholiken Westpreußens (haben vorher übrigens richtig gewählt - wenn alle so gewählt hätten..) und ihren "Parallelgesellschaften" niemand nach dem Krieg verhungert ist (also meist alte, gebrechliche Leute ohne Anhang) - das gab es nur bei anderen .

  • 7
    1
    censor
    01.10.2020

    Nixnuzz und Malleo - ich muss mich mal in die Vertriebenen-Diskussion mit einbringen. Ich bin in der Nachkriegszeit geboren und kann mich erinnern, dass die Vertriebenen zunächst in Holzbaracken hausten (diese standen noch bis in die 70er Jahre und wurden irgendwann abgerissen). Viele kamen in zwangsweise "Einquartierung" oder später in Mietwohnungen unter und bildeten oft kleine Parallelgesellschaften - schon wegen ihres meist katholischen Glaubens.

    Die Kinder integrierten sich schnell, spielten mit uns, aber die alten Frauen mit ihren schwarzen Kopftüchern waren uns Kindern manchmal unheimlich.

    Es war für beide Seiten nicht einfach - die einen hatten Heimat UND Hab und Gut verloren, die anderen waren zT ausgebombt, hatten aber ihre Heimat noch.

    Da gab es auch unschöne Dinge, zB. die hässliche Bezeichnung der Vertriebenen als "Rucksackdeutsche" - und das gegenüber Landsleuten.

    Aber wir haben auch diese schlimme Übergangszeit überwunden, und heute spielt es keine Rolle mehr, ob (Ur)Oma und (Ur)Opa als Kinder aus Ostpreußen oder Schlesien fliehen mussten - höchstens, wenn sie ihre Erlebnisse erzählen - was man gar nicht oft genug tun kann, denn es sind die letzten Zeugen dieser Zeit.

  • 2
    1
    Nixnuzz
    01.10.2020

    @Malleo: Kein Widerspruch. Warum sollte ich da anders darüber in aller Freundlichkeit reden und deren westliche wie östliche Arbeits- und Lebensleistung "herunter machen"?? Mir ging es um das "Wir" diesseits und jenseits des heutigen grünen Bandes. Von mir werden Sie keine Herabsetzung der Bevölkerung des damaligen "Arbeiter und Bauernstaates" bzw. seiner heutigen Bewohner hören. Ausser wenn Sie der "bessere Deutsche" sein wollen...Einseitigkeit als Lebensphilosphie - muss das sein? Die heutige Weltwirtschaft hinterläst überall hässliche Spuren - nicht ausschlieslich in Mittel-/Ostdeutschland.

  • 5
    0
    klapa
    01.10.2020

    Natürlich meine ich nicht den Untergang des deutschen Volkes.

    Aber der Staat als politische Organisaton wohl doch - ob Kaiserreich, Drittes Reich oder DDR

  • 7
    1
    Malleo
    01.10.2020

    Nixx
    Halten Sie sich nicht zurück.
    Auch in Mitteldeutschland blieben Menschen aus Ostpreußen,Pommern oder Schlesien und packten mit an.
    Stellen Sie sich das vor.
    Und sie beschwerten sich nicht über die "Unterkünfte" , die ihnen zugewiesen wurden.

  • 3
    1
    Nixnuzz
    01.10.2020

    @Malleo: Ich hatte mich nur an der früheren Sprachregelung für die Vertriebenen im Westen orientiert?? Diese entwurzelten Menschen waren mein Umfeld. Das waren die "Ausländer" und "Vertriebenen" denen via alliierter Besatzungsverwaltung Wohnungen oder Lebensräume gegenüber den Einheimischen zugewiesen wurden. Von anderen Benennungen für die Flüchtlinge aus dem ferneren Osten sehe ich mal ab.

  • 4
    2
    Malleo
    01.10.2020

    nix
    Ihre infame Beschreibung jener Binnenvertriebenen aus deutschen Gebieten ist einfach nur erschreckend.

  • 7
    2
    Malleo
    01.10.2020

    klapa
    Stalin: "Die Hitler kommen und gehen aber Deutschland bleibt bestehen."
    Er kannte Merkels Politik nicht.

  • 2
    1
    Haju
    01.10.2020

    @klapa
    Sehe ich genauso: nicht Deutschland wird untergehen, wie manche "Verschwörungstheoretiker" jetzt befürchten, sondern nur eine gewisse politische Strömung.

  • 4
    1
    klapa
    01.10.2020

    Es bleibt festzuhalten: Nicht die DDR ist untergegangen, sondern das kommunistische Regime.

    'Das Kriegsende bedeutete das Ende des nationalsozialistischen Regimes. Aber der deutsche Staat ging nicht unter.'

    - https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ist-das-deutsche-reich-nie-untergegangen-14530954.html

    Sehr eigenartige Geschichtsauffasung.

  • 1
    4
    Nixnuzz
    01.10.2020

    Keine Ahnung welche Propaganda all die Jahre bis zur "Wende" intensiver und desinformativer war. Sogesehen gab es bis zur Wende in der Welt nur 2 deutsche Staaten - losgelöst von allem Großmachtgehabe und Wirtschaftsentwicklung umliegender Weltmächte. Soweit mein Westgedächtnis noch nicht ganz verfallen ist, kam doch ein Mr. Churchill aus Jalta zurück und nannte Genosse Stalin als den größten Dekorateur der Nachkriegszeit. Es wurde doch dieser Eiserne Vorhang aufgehängt und genutzt, um das vor neugierigen Blicken zu schützen, was dahinter sich noch lange abspielte. Neben der Angst, das restliches braunes Gedankengut im Westen zu neuer Blüte sich entwickeln würde - was es im kleinen auch tat und in homöopathischen Dosen weiter durch die Republik wabert - war die Wirkung von Reparationszahlungen nach dem 1. Weltkrieg noch gut in Erinnerung. Erste Informationen aus der damaligen SBZ bestätigten dies. Es war die Frage: Lassen wir den uns zugeschusterten westdeutschen Teil zur Wüste verdorren und selber auf nutzlosem rausgeholtem Kriegsschrott sitzen oder sollen diese Menschen ihren "Mist" selbst zum Nutzen einer Weltwirtschaft kontrolliert auf-/mitarbeiten? Keine Ahnung, wann das beschränkende Trizonen-Reiseverbot aufgehoben wurde. Mit dem Einsetzen von Industrieproduktion und verbundenem Behausungsaufbau mit ausländischer Geldunterstützung ging es irgendwie aufwärts. Altes Militärgelände wurde z.B. aus der brit. Verwaltung an das Land überstellt und z.T. an in Löchern hausende Pommern oder Oberschlesiern übertragen, damit die ihre Kleingehöfte - Wohnhaus-Waschkaue-Ziegenstal plus Wiesen-/Gartenfläche - aufbauen konnten. Dauerte so bis in die 70er Jahre. Es war der Stolz dieser Leute, nach dem Verlust an Menschen und Hab und Gut in der Kalten Heimat zwar innerlich damit noch verbunden und gelegentlich in den "revanschistischen Vertriebenenvereinen" diesen Verlust zu beklagen aber eine erneute Rückwanderung nicht mehr anzustreben. Die Vermischung - fraternisierung - mit den Ursprungseinheimischen sei es beruflich oder familiär verminderte diesen Schmerz. Stolz, das jetziger Hände Arbeit etwas zuwege brachte. Das Reisen über die Staatsgrenzen mit einem grünen Reisepass mit harter, akzeptierter Währung ohne Fremdnationenzulassungsstempel ging. Ok - Grenzkontrollstempel zierten die Reiseziele im Pass. Man akzeptierte auch die neuen Gräber in "fremder Erde" neben den Alteinheimischen. Traurig aber es war in Ordnung. Schade, das nur noch hier eine deutsche stolze Republik in diesem Europa gibt...

  • 11
    3
    j35r99
    30.09.2020

    Wenn ich diese Überschrift lese, kommen mir bittere Erinnerungen wieder.
    Tausende Menschen wurden arbeitslos. Es gab keine Perspektive für viele. Die Suizidrate stieg stark an. In Karl-Marx-Stadt/Chemnitz entstanden die sog. Zenti-Kids. Das waren aus der Bahn geworfene Kinder/Jugenliche, wo das Elternhaus auf Grund Arbeitslosigkeit zerrüttet, durch Alkohol und anschließende Gewalt zerstört wurde.
    Die Pfarrer, wie Meckel, Eppelmann, Eggert u.a. wechselten damals sofort die Seiten
    und hatten mit der Wende keine Probleme.

  • 11
    2
    j35r99
    30.09.2020

    Meckel,Eppelmann, Eggert u.a., alles Pastoren/Pfarrer. Sie haben nur das Glück, ihren Chef erst nach dem Tode kennen zu lernen.

  • 7
    2
    Freigeist14
    30.09.2020

    censor@ Danke für Ihre Ausführungen . Diese werden gern bei "History "& Co . weggelassen . Darüber hinaus war die Stalin-Note von 1952 eines vereinigten ,neutralen Deutschlands ernst gemeint . Das zu leugnen gehört zur Geschichtsschreibung der "Sieger " .

  • 10
    4
    Freigeist14
    30.09.2020

    Meckel : Ein Kronzeuge für das (falsche) Versprechen , die NATO nicht nach Osten auszudehnen . Der Westen wollte nicht aufhören zu siegen .

  • 7
    3
    Malleo
    30.09.2020

    censor
    "Die Regulierung von Sprache, Themen, Meinungen sind wie Stacheldraht im Gehirn."
    B.B.
    Sie hat in die Glaskugel geschaut!
    Merkt man hier jeden Tag.

  • 8
    2
    Malleo
    30.09.2020

    censor
    ..Danke.
    Wir sind wieder da angekommen.
    Aber..
    " Gedanken, die richtig sind, können auf Dauer nicht niedergelogen werden."
    O.v. B.

  • 13
    2
    censor
    30.09.2020

    Malleo - ja, und BB hat auch noch etwas anderes gesagt (zur Überwachung der Bürger durch den Staat):

    „Man wird sie ein wenig adaptieren, damit sie zu einer freien westlichen Gesellschaft passen. Man wird die Störer auch nicht unbedingt verhaften. Es gibt feinere Möglichkeiten, jemanden unschädlich zu machen. Aber die geheimen Verbote, das Beobachten, der Argwohn, die Angst, das Isolieren und Ausgrenzen, das Brandmarken und Mundtotmachen derer, die sich nicht anpassen – das wird wiederkommen, glaubt mir. Man wird Einrichtungen schaffen, die viel effektiver arbeiten, viel feiner als die Stasi. Auch das ständige Lügen wird wiederkommen, die Desinformation, der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert.“ (1991)

  • 13
    8
    Malleo
    30.09.2020

    censor
    ....Fehlende Bürgerrechtler in der Politik....
    Ein Satz mag das erklären:
    "Wir wollten Demokratie und bekamen den Rechtsstaat"
    B. Bohley

  • 13
    6
    censor
    30.09.2020

    @DTRFC2005
    "Meiner Ansicht nach, war es nie der Plan Deutschland in Ost und West zu teilen"

    Zumindest von Seiten der SU war das zutreffend, denn Stalin bot bereits im März 1953 die Wiedervereinigung an - allerdings unter der Bedingung, dass das vereinte Deutschland (wie Österreich) militärisch neutral bleibt.

    Adenauer lehnte das ab, angeblich mit den Worten: Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutshcland halb. - Er befürchtete im Wahljahr 1953 einen Verlust der absoluten Mehrheit der CDU.

    1955 trat die BRD der Nato bei - und erst dann bildete sich der Warschauer Pakt als Antwort darauf. Die NATO, die sich "Verteidigungspakt" nannte, war also Aggressor und Ursache für die milit. Blockbildung.

    Nicht auszudenken, was uns allen erspart geblieben wäre, hätte Adenauer damals
    zugestimmt. DDR-Aufstand am 17.Juni, Mauerbau - alles wäre unterblieben.

    Im Übrigen war es nicht im Interesse der BRD und des Westens, dass die DDR in irgendeiner Form wirtschaftlich auf die Beine kommt.

    Seit 1945 behinderte der Westen die SBZ, wo es ging. Reparationen an die SU zahlten wir allein. Der Westen hatte das ERP (Marshallplan).

    Der Westen führte 1948 die D-Mark ein. Der Osten blieb auf der wertlosen R-Mark sitzen und musste nachziehen. Die DDR-Mark (damals MDN) wurde im Westen nie gehandelt, sondern stand unter Embargo. Die Berlinblockade war die Antwort der Russen auf die Währungsreform in den Westzonen.

    Die BRD gründete sich im Mai 1949 - die DDR zog im Oktober nach.

    Immer war es der Westen, der die Eskalation und Spaltung tiefer trieb.

    Man sieht also, bei diesen Behinderungen und Sanktionen seitens des Westens war es ein kleines Wunder, dass die DDR überhaupt die Kriegsschäden halbwegs beseitigen und den Menschen wieder ein wenig Wohlstand (wenn auch nicht annähernd mit dem Westen vergleichbar) bieten konnte.

    Und das Wirtschaftswunder des Westens war letztlich auch nur ein politisches Schaustück , um die Vorzüge des Kapitalismus zu präsentieren. Ohne das Geld der USA hätte es die Westbevölkerung (bei allem Willen zum Wiederaufbau, der sicher dem der Ostbevölkerung gleichkam) genauso schwer gehabt.

    Nach alledem bin ich der Meinung, dass der Westen die Teilung nicht nur wollte, sie sogar zementierte, denn außer medienwirksamer Propaganda tat er nichts dagegen. Der Westen brauchte den Osten als "warnendes Beispiel vor dem Sozialismus".

    Selbst beim Mauerbau mauerte Adenauer, indem er das ganze Wochenende den toten Mann spielte - was ihn 1961 bei den BTW die absolute Mehrheit kostete.

  • 14
    6
    DTRFC2005
    30.09.2020

    @censor:Wie Sie wissen, gehe ich nicht mit all Ihren Kommentaren mit, doch diesmal haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen, gleichwohl ich meine, daß ist vorsichtige kratzen an der Oberfläche. Meiner Ansicht nach, war es nie der Plan Deutschland in Ost und West zu teilen und ich vermute, der Westen hat von Anfang an am Ostdeutschen Ast gesägt, wohl wissend und gewollt. Das die DDR nicht wirklich umsetzen konnte, was ursprünglich an schönen Ideen für die Bürger gedacht war, hatten sicherlich einige vorausgeahnt. Ich möchte Geschichtlich nicht weiterfabulieren, da es wenig Sinn macht. Ich kann nur jedem raten, sein Potenzial so gut wie er es vermag zu nutzen, für sich und für die Gesellschaft, und zwar so, daß unsere Kinder und Enkel eine Zukunft haben, eine die nicht auf Neid, Egoismus und Hass aufbaut.

  • 26
    12
    censor
    30.09.2020

    "Es wurde damals kein Friedensvertrag abgeschlossen, weil man einen solchen Vertrag mit allen Staaten hätte abschließen müssen, mit denen sich Deutschland vor mehr als vier Jahrzehnten im Krieg befunden hatte - über 50 Staaten."

    Da haben wir die Bestätigung einer Tatsache, über die gerade kürzlich wieder heiß diskutiert wurde.

    Auch die sowjetischen Bedenken hinsichtlich der NATO waren, im Nachhinein betrachtet, nicht unbegründet, denn die vergrößerte BRD wurde bzw blieb Bestandteil des westlichen Mächtesystems, das dadurch sogar seinen Machtbereich vergrößerte.

    Insofern ist es widersprüchlich zu behaupten, mit dem 2+4Vertrag sei die Nachrkiegsordnung abschließend beseitigt worden. Es wurde lediglich die Sowjetunion daraus entfernt - und folgerichtig löste sie sich ja auch bald darauf selbst auf und gab den gesamten Ostblock frei.

    Meckel spricht eine Menge Themen an, auf die es sich sonst noch einzugehen lohnt.

    Er kritisiert ostdeutsches "Jammertum", nachdem die DDR-Bürger "aufrecht" in die Einheit gegangen sind. Ja, das sind sie, und gleich danach wurde dem Großteil die Würde genommen, indem man nicht nur ihre Existenz zerstörte, sondern gleich noch die Erwerbsbiografien mit entwertete. Ich höre es noch, das westdeutsche Narrativ, wir müssten "erstmal arbeiten lernen".

    Es gab sogar Denkansätze der Kohlregierung, den Osten künftig über die Sozialsysteme zu alimentieren, d.h., die Industrie gar nicht wieder aufzubauen. Das konnte sich zum Glück nicht ganz durchsetzen, aber immerhin teilweise.

    Was gemeinhin als Ossi-Jammertum bezeichnet wird, ist wohl eher Ausdruck einer mehr als berechtigten Benachteiligung, die sich schon durch die gewaltige Vermögensumverteilung im Zuge der Wende belegen lässt. (mdr-Doku"Wem gehört der Osten?"

    Diese Ungerechtigkeiten sind es, die auch heute noch viele Ossis mit der Einheit hadern lassen. Es wurde zu vieles versäumt. Und eine Teilschuld daran tragen auch Politiker wie M. Meckel - die ob ihrer Unerfahrenheit von den westdeutschen Berufspolitikern gnadenlos ausgebootet wurden. (man könnte auch sagen: über den Tisch gezogen)

    Die SPD "West" spielte 1990 eine recht zwiespältige Rolle im Einigungsprozess.
    Die Gründung einer DDR-SPD passte den West-Sozen nicht, und sie verhinderten via Namensschutz, dass sich die Ossis "SPD" nennen durften. Daher der Name "SDP".

    Der damalige Kanzlerkandidat Lafontaine zweifelte die Bezahlbarkeit der Einheit an (wo er recht hatte), aber die SPD als Partei zweifelte auch an der Einheit selbst. Sie hatte sich mit der Zweistaatenlösung längst abgefunden und trat ihr ziemlich gespalten gegenüber. Das haben die Ossis gespürt.

    Sie wählten die Parteien, "wo das Geld sitzt"- die CDU und die FDP, die 1990 auch ganz ordentliche Ergebnisse hatte.

    Was ich am bedauerlichsten finde, ist die Tatsache, dass so wenige der damaligen Bürgerrechtler in der Politik festen Fuß fassen konnten. Sie haben die schwere Vorarbeit geleistet, die Wende vorbereitet und geleitet - um danach in der Versenkung zu verschwinden, weil die Berufspolitiker ihnen das Heft aus der Hand nahmen - und sie es sich nehmen ließen.

    Und schlussendlich: die DDR war kein "kommunistisches Regime". Sie war ein "entwickeltes sozialistisches System." Kommunismus hätte komplette Gleichheit mit faktischer Klassenlosigkeit der Gesellschaft bedeutet, in der alle Produktionsmittel vergesellschaftet sind und nach dem Prinzip gewirtschaftet wird:"Jeder nach seinen Möglichkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen".

    Das ist es wohl, was den politischen Artefakten der DDR-Führung heute noch (oder wieder) vorschwebt, aber ihnen sei gesagt: Kommunismus bleibt für immer eine Utopie, denn das menschliche Individuum ist dafür nicht geeignet. Und das ist gut so.