Ärzte reagieren besorgt auf Einstieg von Finanzinvestoren

Im Gesundheitswesen geht es um das Wohl von Millionen Menschen - und um ein Milliardengeschäft. Das lockt immer mehr Branchenfremde an.

Berlin.

Ärztepräsident Klaus Reinhardt hat vor wachsendem wirtschaftlichen Druck auf die Behandlung von Patienten in Deutschland gewarnt. "Wir wollen ein humanes Gesundheitswesen haben, das nicht so durchökonomisiert ist wie ein Industriebetrieb", sagte der Chef der Bundesärztekammer. "Das ist unangemessen für die Versorgung von Kranken und mit dem ärztlichen Ethos nicht vereinbar." Es verschärfe sich der Trend zu einer Kommerzialisierung durch Finanzinvestoren, die medizinische Einrichtungen als Geldanlagen in den Blick nehmen. "Die Strukturen im Gesundheitswesen müssen auch nach wirtschaftlichen Kriterien ausgerichtet sein, keine Frage", sagte Reinhardt. "Es ist aber auch dem berechtigten Anspruch der Erkrankten zu entsprechen, dass sie in einem Staat wie Deutschland angemessen behandelt werden. Nicht nur technisch, sondern auch menschlich."

Investitionen in Kliniken sollten eigentlich die Bundesländer finanzieren, so der Ärztepräsident. Da dies oft nur unzureichend passiere, versuchten viele Häuser, es aus den Betriebserlösen zu stemmen und engagierten Unternehmensberater. Die versuchten dann mit Methoden wie aus der Autoindustrie, Krankenhausversorgung zu rationalisieren - mit Folgen: "Der Zeitmangel verschärft sich, vor allem die so wichtige Kommunikation zwischen Arzt und Patienten kommt oft zu kurz."

Reinhardt forderte: "Es muss dringend Abhilfe geschaffen werden, um das Vertrauen der Menschen in das System zu sichern." Dafür müsse sich auch die Kommunalpolitik Gedanken machen, ob wirklich alle Klinikstandorte erforderlich sind. "Wenn Krankenhäuser in benachbarten Landkreisen allein nicht überlebensfähig sind, könnte man doch beide Standorte zusammenführen - und zwar mit dem gesamten Personal." Das brächte Freiraum für Investitionen und vernünftige Arbeitsbedingungen. Es müsse auch Schluss damit sein, dass Standort-Entscheidungen in der Politik sofort angeprangert werden.

Beim bedenklichen Trend zur Kommerzialisierung gehe es nicht um private Krankenhausträger oder Ärzte, die sich zu einer Gruppenpraxis zusammentun. "Aber es ist problematisch, wenn Finanzinvestoren oder Pensionsfonds in Einrichtungen wie Medizinische Versorgungszentren (MVZ) einsteigen mit dem einzigen Ziel der Kapitalanlage", sagte Reinhardt. "Es gibt Grund zur Sorge, dass dann Ärzte zur Erfüllung von Renditezielen bedrängt werden, gezielt medizinische Leistungen vorzunehmen."

Wie interessant der deutsche Gesundheitsmarkt für kapitalstarke private Finanzinvestoren ist, zeigt eine Studie des Instituts Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule (IAT) aus dem vergangenen Jahr. Das IAT zählte rund 130 Übernahmen von Unternehmen im Gesundheitssektor seit 2013, wobei mehr als 60 Prozent davon in den Jahren 2017/18 erfolgten. Das Geschäftsmodell der sogenannten Private-Equity-Gesellschaften basiere darauf, Krankenhäuser, Arztpraxen, Pflegeheime und -dienste zu kaufen, diese zu restrukturieren und wieder zu verkaufen. Der Gesundheitssektor sei laut Studie bereits 2017 zur wichtigsten Zielbranche der Finanzinvestoren geworden. "Die Dynamik hat insbesondere in den letzten Jahren zugenommen. Wichtig ist es daher, die weitere Entwicklung zu beobachten und potenzielle Auswirkungen zu analysieren", sagte Sebastian Merkel aus dem IAT.

Bis zum Jahr 2014 gab es noch kein einziges MVZ mit Beteiligung von Finanzinvestoren. Bis Ende 2018 rechnete die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Anfrage der Linkspartei mit einem Anstieg auf 70 MVZ bundesweit. Zum Vergleich: Die Anzahl der MVZ belief sich 2017 insgesamt auf 2821, davon waren 1163 Krankenhaus-MVZ. Aktuellere Daten lagen zum Zeitpunkt der Anfrage noch nicht vor. (dpa/uli)

4Kommentare
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    1
    Malleo
    27.11.2019

    Gesundheit ist eine Ware und damit kann man Geld verdienen.
    Und nur so funktioniert das System Gesundheit, siehe USA- das Vorbild!

  • 0
    1
    Zeitungss
    27.11.2019

    Ich gestehe meine totale Fehleinschätzung und werde in Zukunft keine Schnellschlüsse mehr ziehen. Gelernt habe ich , dass der eingeschlagene Weg der Privatisierung in Sachen Daseinsfürsorge vom Volk so gewollt ist. Man lernt eben bis zur Bahre, was bekanntlich gewollt ist.

  • 1
    1
    Zeitungss
    26.11.2019

    Was erwartet ein Bürger von seinem Land, wo die Daseinsfürsorge in allen Bereichen privatisiert wird und man hart daran arbeitet die letzten Lücken noch zu schließen ? Den betroffenen Bürger interessiert es allerdings erst wenn es zu spät ist, was ebenfalls Normalität ist. So wird nun aus der einstigen Daseinsfürsorge die besagte Gelddruckmaschine. Bitte nicht jammern, erst nachdenken warum es so ist und wer den Nährboden dafür geschaffen hat. Das Ergebnis dürfte ernüchternd sein.

  • 5
    1
    Freigeist14
    25.11.2019

    Ein Staat und Gesundheitsminister , die das zulassen , kann man nur als Türöffner und Erfüllungsgehilfen des Finanzkapitals bezeichnen .



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