AfD wirbt in Brandenburg mit Willy Brandt

Der frühere SPD-Kanzler Brandt auf einem AfD-Wahlplakat? In Brandenburg machen die Rechtspopulisten so Werbung für sich. Die SPD verbittet sich das. Es ist nicht die einzige Kritik an der AfD-Kampagne in Ostdeutschland.

Potsdam (dpa) - Im Wahlkampf in Brandenburg sorgt die AfD mit einem Plakat mit dem Konterfei des ehemaligen SPD-Kanzlers Willy Brandt und dessen Slogan «Mehr Demokratie wagen» für Empörung.

«Willy Brandt hätte für Rechtspopulisten nur eines übrig gehabt: abgrundtiefe Verachtung», twitterte Außenminister Heiko Maas (SPD) am Donnerstag. «Wenn Spalter und Hetzer ihn heute missbrauchen, ist das einfach widerlich.» Auch die Berufung der AfD in den drei Ost-Landtagswahlkämpfen auf die friedliche Revolution in der DDR stößt auf scharfe Kritik. FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg warf der Partei «Geschichtsverfälschung» vor.

Mit Blick auf Brandt sagte der Generalsekretär der Brandenburger SPD, Erik Stohn, er verbitte sich den Missbrauch von dessen Person. «Ich fordere die AfD auf, diese Vergewaltigung seines Erbes zu beenden.» Brandt würde sich heute «aktiv gegen die AfD engagieren».

Laut AfD-Landesgeschäftsführer Lars Hünich läuft die Aktion mit 400 Wahlplakaten nur im brandenburgischen Landkreis Potsdam-Mittelmark. Auf den Plakaten ist im Vordergrund der berühmte Slogan aus der ersten Regierungserklärung Brandts im Jahr 1969 und dahinter sein Foto zu sehen. Brandt stehe für das, was die Partei wolle, begründete Hünich das Motiv.

Brandt war von 1969 bis 1974 Regierungschef einer sozialliberalen Koalition aus SPD und FDP. Er war mehr als zwanzig Jahre lang SPD-Vorsitzender.

Außenminister Maas betonte, Brandt bleibe ein Versöhner und Friedensstifter. Er verwies auf den berühmten Kniefall des Kanzlers am 7. Dezember 1970 am Denkmal für die Helden des jüdischen Ghettos in Warschau. Damit gedachte Brandt aller Opfer der Nazi-Herrschaft. Ein Foto davon hängte Maas an seinen Tweet an.

Die kommissarische SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig bezeichnete die AfD-Kampagne auf Twitter als schäbig. «Es ist unsäglich, dass die AfD das Erbe von Willy Brandt benutzt und beschmutzt», schrieb die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern.

«Die Berufung auf Willy Brandt ist ein grober Missbrauch und schlicht obszön», sagte der langjährige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) dem «Tagesspiegel» (Donnerstag).

Am 1. September werden in Brandenburg und Sachsen neue Landtage gewählt, am 27. Oktober in Thüringen. Die AfD fährt eine Wahlkampagne unter dem Motto «Wende 2.0». Die AfD-Landesvorsitzenden von Brandenburg und Thüringen, Andreas Kalbitz und Björn Höcke, stammen zwar aus Westdeutschland und hatten mit der friedlichen Revolution von 1989 überhaupt nichts zu tun, machen damit aber nun im Osten Wahlkampf.

«Das ist natürlich absurd und auch eine ziemliche Unverschämtheit, sich anzumaßen, allein für Ostdeutschland zu sprechen und die Deutungshoheit haben zu wollen über die friedliche Revolution und über das, was in Ostdeutschland passiert», sagte FDP-Generalsekretärin Teuteberg der Deutschen Presse-Agentur.

Auch von Seiten der SPD wurde kritisiert, dass die AfD mit Slogans wie «Wir sind das Volk!» oder «Vollende die Wende» auf die Straße geht und sich damit auf die DDR-Bürgerrechtsbewegung beruft. «Die Gleichsetzung der Bundesrepublik von heute mit der DDR von damals ist eine unglaubliche Verharmlosung der DDR», sagte Thierse dem «Tagesspiegel».

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 2 Bewertungen
8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    3
    Distelblüte
    09.08.2019

    "Und wenn man die Gesellschaft wieder vom Kopf auf die Füße stellen möchte,..."
    Jetzt muss schon Karl Marx für die Unterstützung der AfD herhalten?
    Eher wird die Katastrophe für Deutschland alles auf den Kopf stellen.

  • 4
    3
    Lesemuffel
    09.08.2019

    Das volle Zitat steht nicht im Widerspruch zur AfD, kurz und knapp wirkt besser als zum Beispiel "1000 Polizisten mehr" Und wenn man die Gesellschaft wieder vom Kopf auf die Füße stellen möchte, ist man doch nicht rückwärtsgerichtet. Es war ja bisher nicht alles schlecht. Dass Brandt einst von der CDU FDP beschimpft worden ist, darf man nicht vergessen.

  • 5
    5
    Distelblüte
    09.08.2019

    Die AfD hat die Hälfte des Brandt-Zitates weggelassen, wohl aus gutem Grund. In ausführlicher Form lautet es: "Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert."
    Das dürfte dann im Gegensatz zum Regieruingsprogramm der sogenannten Alternative stehen.
    Ebenfals überliefert ist folgender Satz von Willy Brandt:
    "Die Zukunft wird nicht gemeistert von denen, die am Vergangenen kleben."

  • 4
    5
    Freigeist14
    08.08.2019

    Alle Programmpunkte der Reformvorhaben ,die die Sozialliberale Koalition unter Willy Brandt 1969 umsetzten wollte , stehen im Gegensatz zum Selbstverständnis der heutigen AFD . Nicht zu vergessen : Auf eine konservative Wende ,die den Zeitgeist nach 1968 rückgängig machen will ,haben sich die AFD-Granden ,wie Meuthen , schon öfters berufen .

  • 7
    8
    Lesemuffel
    08.08.2019

    Die AfD will und würde die Aussage von Willy Brandt umsetzen. Weder Text noch Bild sind urheberrechtlich geschützt. Wenn sich die SPD schon nicht an die Ideen ihres ehemaligen Vorsitzenden erinnert, dürfen es andere tun. Ja, es tut Not "mehr Demokratie zu wagen".

  • 8
    3
    BlackSheep
    08.08.2019

    Mal unabhängig von dem Bild, was halten Sie den von dem Slogan "mehr Demokratie" wagen?

  • 12
    5
    Freigeist14
    08.08.2019

    Ganz schön dreist und geschichtsvergessen . (Höcke ?) Gerade Willi Brandt wurde von den Deutschen Konservativen nach 1969 massiv als "Verräter" und " Erfüllungsgehilfe Moskaus" diffamiert . Sie konnten es nicht überwinden ,das ein Gegner des Naziregimes,der nach Norwegen floh , Deutscher Kanzler wurde.

  • 11
    13
    Distelblüte
    08.08.2019

    Vielleicht muss die AfD bei den angesehenen Politikern Deutschlands wildern. Selbst haben sie ja wenig Substantielles zu bieten.
    Mal sehen, wenn der erste Grüne misszitiert wird.



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