Angriff am jüdischen Feiertag

Mitten in Deutschland versucht ein Mann in Kampfmontur in die Synagoge von Halle einzudringen. Die Attacke misslingt. Auf der Straße und an einem Döner-Imbiss in der Nähe eröffnet er das Feuer. Zwei Menschen sterben.

Halle/Berlin.

Es sind Szenen von Handykameras, die fast unwirklich wirken - weil mit Bildern von solch kalter Brutalität in der ganz normalen Welt eines Mittwochnachmittags in Deutschland keiner rechnet: Wie ein Krieger sieht der Mann aus, der in einer Einstellung aus einem dunklen Auto steigt, in einer anderen hinter einem Wagen hervorschießt. Ob es ein und dieselbe Person ist oder ob es mehrere sind, ist lange unklar. Erst am Abend verdichten sich die Hinweise auf einen Einzeltäter. Auf den Bildern ist er in Kampfmontur zu sehen mit einem Helm, versehen mit einer Kameravorrichtung. Er trägt mehrere Gewehre. Augenzeugen werden später berichten, wie er sich unweit des Tatorts in aller Seelenruhe einen Tragegurt für seine Waffen umgeschnallt habe. Dann schlägt der Täter von Halle an der Saale los.

Binnen weniger Minuten wird die Synagoge angegriffen, der Friedhof daneben, ein Dönerimbiss in der Gegend. Es ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag, etwa 70 bis 80 Menschen feiern Gottesdienst in der Synagoge. Zwei Menschen werden vor der Synagoge und im Imbiss getötet, ob es weitere Opfer gibt, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Und wenig später kommt ein dritter Tatort hinzu: im 15 Kilometer entfernten Städtchen Landsberg wird nach einer Schießerei alles abgeriegelt. Offenbar kapert der Täter hier das Taxi, mit dem er später gen Süden flüchten wird in Richtung Zeitz.

Um 12.48 Uhr meldet die Stadt Halle eine "Warnung Sonderfall" wegen "Schusswaffengebrauch im Stadtgebiet", sie bittet die Bewohner, Gebäude und Wohnungen nicht zu verlassen, von Fenstern und Türen fern zu bleiben. Die Behörden sprechen von einer Amoklage.

Was sich im Detail hinter der kühlen Katastrophenwarnung verbirgt, ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Aber was die Behörden am Nachmittag wissen, reicht aus, damit der Generalbundesanwalt die Ermittlungen wegen "Mordes mit besonderem Hintergrund" übernimmt. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagt in Berlin, die Hintergründe der Tat seien noch nicht bekannt. Der Schutz von Synagogen wird in der kompletten Bundesrepublik verschärft.

Bisher sind es Augenzeugenberichte, die einen Einblick in das Geschehen geben. Kurz nach der Tat berichtet der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privo- rozki, wie er die Situation erlebt hat. Er spricht von der Synagoge aus am Telefon mit ruhiger Stimme. Hinter ihm, im Synagogenraum, wird der Gottesdienst gefeiert. Die Gläubigen, sie beten und singen an gegen den Horror, der vor ihrer Tür war. Sie ist immer noch verbarrikadiert. "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki unserer Zeitung. "Der Mann sah aus wie von einer Spezialeinheit. Aber unsere Türen haben gehalten." Durch die Kameralinse hat Privorozki auch den Körper des ersten Todesopfers gesehen. Wie soll man jemanden, der gerade in einer Synagoge steht, die angegriffen wurde, fragen, wie es ihm geht? Privorozki antwortet auf seine Weise: "Ich bin dem Ewigen sehr dankbar, dass wir so gute Türen haben."

Er sagt, die Täter hätten auch versucht, das Tor des jüdischen Friedhofs aufzuschießen. In anderen, unbestätigten Berichten heißt es, eine Handgranate sei auf den Friedhof geworfen worden und explodiert.

Von einem granatenartigen Gegenstand berichtet einer Fernsehreporterin von n-tv auch ein Augenzeuge, der als Opfer den Angriff auf den Dönerimbiss überlebt hat. Es ist das Interview mit einem offensichtlich traumatisierten Menschen, der gerade miterlebt hat, wie neben ihm ein Mensch durch Schüsse starb. Der Überlebende, ein junger Mann mit Hoodie und Kopfhörern, schildert, wie er durchs Fenster einen Bewaffneten mit Sturmmaske gesehen habe. Der Mann habe eine mit Klebeband umwickelte Granate auf die Tür geworfen. Diese sei aber abgeprallt und auf der Straße detoniert. Dann, so der Augenzeuge, "hat er sein Gewehr erhoben und geschossen". Außer ihm selbst seien noch etwa fünf sechs weitere Gäste im Raum gewesen. "Ein Mann hinter mir ist wohl verstorben. Ich habe mich versteckt." Andere seien durch den Hinterausgang gerannt. "Ich habe mich in der Toilette eingeschlossen und meiner Familie geschrieben, dass ich sie liebe." Schließlich habe die Polizei den Raum gesichert.

Im politischen Berlin breitet sich Entsetzen aus, der Magdeburger Ministerpräsident Reiner Haseloff reist vorzeitig von Brüssel zurück. Politiker aller Parteien twittern, schreiben, sprechen über die Tat, die sich mitten in Deutschland gegen Juden richtete. Und gegen einen Döner-Imbiss mit seinen Gästen - ein Ziel, das jeden an den rechtsextremen Terror des NSU erinnert.

Am Nachmittag wird dann eine Festnahme vermeldet, wie sich später herausstellt auf der B 91 in der Nähe von Zeitz. Dort hat die Polizei laut dem Bericht eines Augenzeugen mit einem Lkw in einer Baustelle die Straße blockiert und anschließend das Taxi mit dem mutmaßlichen Täter gestoppt. Zahlreiche Spezialkräfte waren im Einsatz.

Am Abend, Stunden nach der Festnahme, hebt die Polizei die Gefahrenwarnung für Halle auf. Die Behörden gehen zu dem Zeitpunkt nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur von einem Einzeltäter aus, ermitteln jedoch weiter. Demnach handelt es sich mutmaßlich um Stephan B., 27 Jahre alt. Seine Taten soll er gefilmt und die Videos ins Internet gestellt haben. Laut "Süddeutscher Zeitung" liegen sie den Ermittlungsbehörden mittlerweile vor. Das Vorgehen erinnert an den Täters, der im neuseeländischen Christchurch im März zwei Moscheen angegriffen und 50 Menschen getötet hat. Auch für den Hallenser Fall gilt am Abend ein rechtsextremistischer Hintergrund als höchstwahrscheinlich.

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