Antisemitismusbeauftragter warnt Juden vor Tragen der Kippa

Die kleine kreisförmige Mütze wird von jüdischen Männern als Zeichen ihres Glaubens traditionell den ganzen Tag lang getragen. Doch geht das überall in Deutschland gefahrlos? Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung verneint das - und zieht Kritik auf sich.

Berlin (dpa) - Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung rät Juden davon ab, sich überall in Deutschland mit der Kippa zu zeigen. «Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen.

Das muss ich leider so sagen», sagte Felix Klein den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Der Publizist Michel Friedman kritisierte die Äußerung am Samstag scharf, auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) widersprach.

Die Kippa, eine kleine kreisförmige Mütze, wird von jüdischen Männern als sichtbares Zeichen ihres Glaubens traditionell den ganzen Tag lang getragen. Das Tragen einer Kopfbedeckung ist nach Angaben des Zentralrats der Juden verpflichtender religiöser Brauch, Basecap oder Hut gehen auch.

Bundesinnenminister Horst Seehofer mahnte zu hoher Wachsamkeit und einem entschlossenen Handeln der Sicherheitsbehörden. «Es wäre nicht hinnehmbar, wenn Juden ihren Glauben in Deutschland verstecken müssten. Der Staat hat zu gewährleisten, dass die freie Religionsausübung ohne Einschränkungen möglich ist», erklärte der CSU-Politiker. «Angesichts der Entwicklung antisemitischer Straftaten müssen wir besorgt und wachsam sein.»

2018 war die Zahl antisemitischer Straftaten bundesweit stark angestiegen. Der jüngste Jahresbericht zur politisch motivierten Kriminalität wies 1799 Fälle aus, 19,6 Prozent mehr als 2017.

Der Antisemitismusbeauftragte Klein forderte gleichzeitig auch Schulungen für Polizisten und andere Beamte im Umgang mit Antisemitismus. Es gibt deswegen viel Unsicherheit. Das Thema gehöre auch in die Ausbildung der Lehrer und Juristen.

Der Zentralrat der Juden warnt immer wieder vor wachsendem Antisemitismus und hat auch vom Tragen der Kippa in Teilen von Großstädten abgeraten. So sagte Zentralratspräsident Josef Schuster im Juli 2017 der «Bild am Sonntag: «In einigen Bezirken der Großstädte würde ich empfehlen, sich nicht als Jude zu erkennen zu geben.» Die Erfahrung habe gezeigt, dass das offene Tragen einer Kippa oder einer Halskette mit Davidstern verbale oder körperliche Bedrohungen zur Folge haben könne.

Der Publizist Michel Friedman bezeichnete die Äußerungen Kleins als «Offenbarungseid des Staates». Friedman verwies auf Artikel 4 des Grundgesetzes, der unter anderem die Religionsfreiheit garantiert. «Anscheinend versagt der Staat, dies allen jüdischen Bürgern im Alltag zu ermöglichen», sagte der 63-Jährige der Deutschen Presse-Agentur.

Friedman kritisierte: «Wenn ein Beauftragter der Bundesregierung offiziell der jüdischen Gemeinschaft mitteilt, «ihr seid nicht überall in Deutschland vor Judenhass und Gewalt sicher», dann ist das ein Armutszeugnis für den Rechtsstaat und die politische Realität in Deutschland.» Der Staat müsse gewährleisten, dass Juden sich überall angstfrei zu erkennen geben können, sagte der frühere Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland.

«Ich empfehle allen, diese Aussagen sehr ernst zu nehmen», sagte Friedman zu dem Interview von Klein. «Dort, wo Juden nicht sicher und frei leben können, werden es bald auch andere nicht mehr können.» Er forderte Herrn Klein und die Bundesregierung konkret auf, der Öffentlichkeit mitzuteilen, an welchen Orten Juden nicht sorgenfrei leben könnten.

Bayerns Innenminister Herrmann ermutigte dazu, eine Kippa zu tragen. «Jeder kann und soll seine Kippa tragen, egal wo und egal wann er möchte», erklärte Herrmann am Samstag. Die Kippa zu tragen sei Teil der Religionsfreiheit. «Wenn wir vor dem Judenhass einknicken, überlassen wir rechtem Gedankengut das Feld», sagte der CSU-Politiker.

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) zeigte sich besorgt: «Die immer häufigeren Gewalttaten gegen Jüdinnen und Juden sind beschämend für unser Land», sagte sie dem «Handelsblatt». «Rechte Bewegungen greifen unsere Demokratie an und zielen auf unser friedliches Zusammenleben.» Polizei und Justiz seien jedoch wachsam. Wachsam müsse aber auch die gesamte Gesellschaft sein. «Jüdisches Leben müssen wir mit allen Mitteln unseres Rechtsstaats schützen und Täter unmittelbar zur Verantwortung ziehen.»

Mehrere antisemitische Vorfälle hatten zuletzt bundesweite Aufmerksamkeit bekommen. So war im August in Chemnitz ein jüdisches Restaurant mit Flaschen und Steinen angegriffen worden. In Berlin attackierte im April 2017 ein Syrer einen Kippa tragenden Israeli. Der nicht jüdische Israeli filmte dies und stellte die Aufnahme ins Netz. Der Angreifer wurde zu vier Wochen Arrest verurteilt. In Bonn war im vergangenen Jahr ein israelischer Professor, der eine Kippa trug, von einem jungen Deutschen mit palästinensischen Wurzeln attackiert worden.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
10Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    1
    Malleo
    27.05.2019

    Der Antisemitismusbeauftragte provoziert mit seiner Feststellung, dass Juden in Deutschland potentiell gefährdet sind, natürlich sofort die Frage: Von oder durch wen?
    Gibt es trotz der gewohnt nichtssagenden, ausschweifenden Statements der zitierten Personen, die die Antwort eigentlich kennen, eine erschöpfende Auskunft?
    Natürlich nicht.
    Als es Ende 2017 auf Berliner Straßen zu antisemitischen Ausschreitungen kam, musste man damals schon gezielt suchen, wer überhaupt für diese Exzesse verantwortlich ist.
    Offensichtlich ist es auch heute wieder einmal der politischen Korrektheit geschuldet, dass man Menschen, in deren Glaube der Antisemitismus fest verankert ist, nicht als solche benennen darf.
    Vielmehr wird der Eindruck erweckt, es sei ein gesamtgesellschaftliches, „deutsches“ Problem.
    Klein kam aber letztlich nicht umhin und ist geradezu peinlich berührt, einer Berliner Zeitung zu offerieren, dass „ der Hass auf Juden und Israel in einigen Herkunftsländern(!) zur Staatsräson“ gehört.
    Das sei eine große Integrationsaufgabe!
    Herr Klein, sollen die Menschen muslimischen Glaubens ihrer Religion entsagen?
    Wieviel Naivität wird uns Lesern mit dieser Floskel zugemutet?
    Als 2018 Frau Eva Quistorp(Grüne) ihre 10 Thesen für ein weltoffenes Deutschland veröffentlichte, benannte sie schonungslos typische Konfliktpunkte mit Muslimen (ohne die zentralen salafistischen).
    Es sind diese: Stellung zur Frau, zu den Juden, den Homosexuellen, jenen, die sich vom Glauben abwenden(Todesstrafe), das Verhältnis zum säkularen Staat und die generelle Staatsverachtung zugunsten der Clans.(siehe Ralph Ghadban)
    Alles gesellschaftlich hochbrisante Konfliktfelder, die man keinesfalls mit der gewohnt ethnisch reingewaschenen Berichterstattung mal so am Rande erwähnt aber auf diese Weise impliziert, als keime der Antisemitismus in Deutschland wieder auf.
    Nach dem bewährten Muster: mea culpa (für die Deutschen)
    Auch deshalb sind die Wahlergebnisse so wie sie sind!

  • 3
    3
    Malleo
    26.05.2019

    ...deLuxe
    Weil es moralisierenden Haltungsjournalismus in D gibt.
    Da sind I- Worte sehr unbeliebt.

  • 3
    3
    Deluxe
    26.05.2019

    Die hohe Schule der Berichterstattung:
    Viel Text zu einem Problem, ohne eine der Hauptursachen für dieses Problem zu nennen.

    Der Text suggeriert, es gäbe eine Art pauschalen Antisemitismus und Judenhass in Deutschland. Es sei also ein deutsches Problem.

    Fraglich, ob es wirklich so ist oder ob es nicht doch auch importierte Probleme dieser Art gibt, die möglicherweise in direkter Proportion mit der steigenden Menge bekennender islamischgläubiger Bevölkerungsteile stehen.

    Warum wird das nicht klar benannt und warum wird lieber verklausuliert und faktisch verschwiegen?

  • 3
    2
    Freigeist14
    25.05.2019

    Die fette Schlagzeile wird weiter im Text wieder geerdet . Die Frage , ob man ÜBERALL in Deutschland die Kippa gefahrlos tragen kann ,wurde verneint . Das kann man nachvollziehen . Auch andere Religionen in Deutschland können nicht überall die Symbole des Glaubens erkenntlich machen .

  • 7
    1
    Malleo
    25.05.2019

    Blacksheep
    Darf man den importierten Antisemitismus überhaupt benennen?
    Ist man da nicht gleich islamophob?
    Mal schauen, ob nach 700 Jahren endlich die " Judensau" von der Kirche in Wittenberg runtergeklagt wird.Die erste Klage wurde abgewiesen.
    Aber das BVG wird es schon noch richten.

  • 5
    1
    BlackSheep
    25.05.2019

    @Freigeist14, wiedermal verpasst zu lesen was ich geschrieben habe? Kein Wort von mir zu dieser Bewegung, aber so tun als hätte ich das getan, ziemlich billig und oberflächlich.

  • 6
    2
    Hinterfragt
    25.05.2019

    @Distelblüte; Ihr Hut sitzt wohl noch ziemlich tief in den Augen ...

  • 1
    9
    Freigeist14
    25.05.2019

    Na, Blacksheep@ , wieder verpasst ,das gerade die "BDS - Bewegung " als antisemitisch ,als linker Antisemitismus, diffamiert wurde ? Dabei spielte es keine Rolle ,das viele israelische Staatsbürger die Kampagne unterstützen .

  • 4
    4
    Distelblüte
    25.05.2019

    @Hinterfragt: Der Antisemitismusbeauftragte fordert genau das: ein Einschreiten gegen Antisemitismus, egal woher dieser kommt. Dass Polizei und Behörden da noch nachholebedarf haben, ist ein Ärgernis.
    Vergessen zu erwähnen hat er allerdings, dass es zusätzlich zu amtlichem Eingreifen genauso wichtig ist, als Nachbar, Kollege und besonders als Chef klipp und klar Stellung zu beziehen, wenn man oder frau Zeuge solcher Beleidungen wird.
    Worte haben Macht, viel mehr als man sich denken kann. Ein klares "nein. Hier bei uns erlauben wir nicht, dass jemand wegen seiner Herkunft oder Religion beleidigt wird." wi?rde ich mir öfter wünschen.
    Und nein, das ist keine Einschränkung der Meinungsfreiheit.

  • 18
    3
    BlackSheep
    25.05.2019

    Und, das ist alles was dem Antisemitismusbeauftragten einfällt? Deswegen bin ich schon immer gegen Beauftragte, wie man hier sieht völlig nutzlos diese Typen.
    Hier hilft nur humanistische Bildung und Bestrafung von Tätern die Antisemitismus verbreiten, allerdings darf man da nicht nur von Rechten schwafel, sondern muss auch über linken Antisemitismus und muslimischen Antisemitismus reden und dagegen auch vorgehen.



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