Artenschutz: Bayern zeigen großes Herz für kleine Tiere

Was für ein Rekord: 1,75 Millionen Bayern fordern mehr Artenschutz. Experten sehen eine Chance für Vielfalt in Fauna und Flora. Wie aber reagiert Regierungschef Markus Söder auf das Votum?

München/Chemnitz.

Seit Donnerstag ist der Erfolg der Umwelt- und Naturschützer in Bayern amtlich: Etwa 1,75 Millionen Menschen haben innerhalb von zwei Wochen für das Volksbegehren zum Artenschutz gestimmt. Mit dem griffigen Slogan "Rettet die Bienen" hatten die Initiatoren für ihr Volksbegehren zum Erhalt der Artenvielfalt geworben. Und die Menschen sind den Aufrufen in Scharen gefolgt. "Wir haben fest mit dem Erfolg gerechnet und sind doch überwältigt", sagte die Beauftragte des Volksbegehrens, Agnes Becker (Ökologisch-Demokratische Partei). Damit steht fest: Es wird in Bayern voraussichtlich nach den Sommerferien einen Volksentscheid für mehr Natur-, Umwelt- und Artenschutz geben.

Seit 1946 wurden die Wahlberechtigten in Bayern 21-mal dazu aufgerufen, sich an einem Volksbegehren zu beteiligen. Das aktuelle Bienen-Volksbegehren hat mit 18,4 Prozent Beteiligung nun gleich einen neuen Rekord aufgestellt. Prozentual die meisten Unterstützer (17,2 Prozent) hatte bis dato ein Volksbegehren zur Reform des Schulartikels in der bayerischen Verfassung 1967. Beim emotional geführten Volksbegehren zum strengeren Rauchverbot 2009 trugen sich 13,9 Prozent ein.

Die Sorge um die Artenvielfalt schlägt alles. In ihrem Gesetzesentwurf geht es den Initiatoren nicht nur um die Bienen, der Freistaat soll generell die Entwicklung der Artenvielfalt von Flora und Fauna dauerhaft sichern: Von 2030 an sollen mindestens 30 Prozent der Anbauflächen in Bayern ökologisch bewirtschaftet werden - zuletzt waren es laut Agrarministerium rund zehn Prozent. Bis 2025 sollen es schon 20 Prozent sein. Zudem sollen zehn Prozent aller Wiesen in Blühwiesen umgewandelt werden. Und staatliche Flächen sollen künftig komplett pestizidfrei bewirtschaftet werden.

Teile der bayerischen Landwirtschaft sind deshalb in heller Aufregung. "Stoppt das Bauernbashing", fordert der Bauernverband. Statt das bäuerliche Engagement für den Umwelt- und Naturschutz anzuerkennen und weiter zu stärken, werde Stimmung gemacht und nach neuer Reglementierung gerufen, klagt Verbandschef Walter Heidl. Das Ziel von Regierungschef Markus Söder (CSU) ist deshalb ein alternativer Gesetzentwurf, mit dem alle leben können, von den Initiatoren bis zum Bauernverband. Er will bei einem Runden Tisch Kompromissmöglichkeiten ausloten. "Rettet die Bienen und die Bauern" ist sein Slogan.

Das sei aber auch der Ansatz des Volksbegehrens gewesen, sagt Matthias Nuß, Insektenforscher am Senckenberg-Museum in Dresden. "Es ging nicht darum, verschiedene Klientel gegeneinander auszuspielen. Es ist ja kein Geheimnis, dass auch die EU-Subventionen für die Landwirtschaft das Bauernsterben nicht aufgehalten haben. Die rund sechs Milliarden Euro jährlich allein für Deutschland könnte man auch so einsetzen, dass der Niedergang der Landwirte aufgehalten und gleichzeitig die Natur gerettet wird." In den kommenden drei Monaten entscheiden das EU-Parlament und die EU-Mitgliedsstaaten über die künftige Ausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik der Jahre 2021 bis mindestens 2027. Verteilt werden knapp 60 Milliarden Euro Agrarsubventionen jährlich.

Das Volksbegehren in Bayern sieht der Insektenforscher daher auch als Chance: "Es freut mich, dass das Thema so breites Interesse in der Bevölkerung findet. Das erlebe ich jedes Mal auch bei öffentlichen Veranstaltungen." Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf das Aktionsprogramm "Insektenschutz", das im Juni im Bundestag verabschiedet werden soll.

In der bayerischen Gesetzesnovelle sieht Nuß wichtige konkrete Vorschläge: "Wenn ich den Anteil an ökologisch genutzten Landwirtschaftsflächen erhöhe, kann ich somit den Einsatz synthetischer Pestizide verringern und auch das Problem mit der Nitrat-Anreicherung in der Landschaft und im Trinkwasser angehen. Da geht es um den Flächenbezug zwischen der Zahl der Tiere und der Fläche, die ich zur Verfügung habe. Je weniger Tiere im Verhältnis, desto geringer die Nitratbelastung." Bayern soll Mittel bereitstellen für Maßnahmen, die gut sind für die Artenvielfalt.

Nuß weist auch auf das Verbot in der vorgeschlagenen Novelle hin, "vorhandene Kleinstrukturen in der Landschaft negativ zu beeinträchtigen". Gemeint sind Feldgehölz, Hecken, Baumreihen, Natursteinmauern, Feldraine, Kleingewässer und vieles mehr. "Diese Kleinstrukturen sind der Hort der Artenvielfalt. Sie sind Garant dafür, dass immer ein Teil der Insektenpopulation überlebt und dann die Ackerflächen wieder besiedeln können."

In Sachsen gebe es laut Nuß beim Naturschutz "ein paar zaghafte Pflänzchen". "Beim Thema Mahd im Grünland sind wir in Sachsen weiter. Während man in Bayern noch über Mahdtermine debattiert, praktizieren wir in Sachsen vielerorts bereits eine partielle Mahd, die stets das Überleben von Teilen der Insektenpopulationen ermöglicht. Wir sind eben manchmal auch besser." Auf ökologischen Vorrangflächen dürfen auch keine Pestizide mehr eingesetzt werden. Nuss: "Es tut sich etwas, aber es muss noch viel mehr kommen."

Doch Sachsen steht nicht allein da. Vor der globalen Dimension des Artensterbens warnt jetzt eine neue Meta-Studie aus Australien, die weltweit 73 Arbeiten zum Rückgang der Insektenvielfalt verglichen hat. Danach könnten in den nächsten Jahrzehnten mehr als 40 Prozent aller weltweit vorkommenden Insektenarten aussterben. "Die Studienergebnisse sind alarmierend. Man kann einen globalen Trend erkennen, der für fast alle Regionen gilt", so Nuß. "Beispiel: In vielen Regionen sind zehn Prozent der Tagfalterarten ausgestorben. In Sachsen etwa 13 Prozent. Das sind fast identische Größenordnungen."

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...