Atom-Endlager: Erste Ergebnisse 2020

Das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungs- sicherheit klärt in Leipzig Vertreter von Kreisen, Städten und Gemeinden über den aktuellen Stand des Suchverfahrens auf.

Leipzig.

Im nächsten Jahr sollen erste Ergebnisse der vor anderthalb Jahren neu gestarteten Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll vorliegen. Das sagte am Dienstag der Präsident des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit, Wolfram König, bei einer Veranstaltung in Leipzig. Die in Berlin ansässige Behörde hatte Vertreter von Kreisen, Städten und Gemeinden aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Bayern und Brandenburg eingeladen. Es war ein erster Informationsaustausch über die neue Suche, für die bewusst das Prinzip einer "weißen Landkarte" gewählt wurde. Ähnliche Runden sollen sich in Hamburg, in Frankfurt/Main und in Ulm anschließen.

Alle Regionen in Deutschland würden für die Suche betrachtet, so König. "Wir werten gerade alle vorhandenen geologischen Daten aus." Ganz bewusst habe man diesmal kein Verfahren gewählt, bei dem man sich von vorn herein auf eine Gesteinsart festlege. "Alles muss im Rahmen des Verfahrens fachlich abgewogen werden, damit sich keine Region übervorteilt fühlt", schilderte der Chef der Behörde, die für die Suche und die spätere Standorterkundung die Aufsicht innehat.

"Transparenz und frühzeitige Beteiligung der Bevölkerung" seien das A und O. Das lehre die Erfahrung mit dem über Jahrzehnte allein im Endlager-Fokus stehenden Erkundungsstandort im niedersächsischen Gorleben, so König. Das ist der Grund dafür, dass zunächst auch jene sogenannten kristallinen Gesteinsformationen wieder in die Suche einbezogen sind, die man bei der vorangegangenen Standortbestimmung schon vor Jahrzehnten ausgeschlossen hatte. Der Grund: Die Zerklüftung, also jene Ritzen etwa in Granitformationen, durch die Wasser, und damit schlimmstenfalls in der Tiefe eingelagerte Radionuklide, über Jahrtausende wieder an die Erdoberfläche dringen könnten. "Aber Finnland und Schweden gehen ja mit ihren Endlagern auch in kristallines Gestein. Ein Vorteil von Kristallin ist, dass es unheimlich stabil ist", sagt König. Als weitere geeignete Gesteinsarten gelten Tonformationen, da sie besonders gute Barrieren gegen Wasser darstellen, sowie Salz, das Radioaktivität gut abzuschirmen und von selbst zu fließen vermag, wodurch es Lücken schließen kann. Ein Nachteil von Salz ist seine Wasserlöslichkeit.

"Wir brauchen eine Formation, die über eine Million Jahre stabil bleibt. Das ist ziemlich unvorstellbar", sagt König. Durch die Wiedereinbeziehung von kristallinem Gestein neben Ton und Salz sind auch Standorte in Sachsen wieder in der Diskussion, die bereits seit Jahrzehnten als ausgeschlossen galten.

"Man kann nicht ausblenden, dass wir seit 30 Jahren Erfahrungen gesammelt haben. Es gibt so viele Unwägbarkeiten bei Kristallin", sagte Gerd Meyer, der bei der gestrigen Runde die Stadt Zwickau vertrat. Dort leitet er die Stabstelle für Wismut-Angelegenheiten, die jahrelang über die Sanierung radioaktiver Altlastenflächen im Stadtgebiet wachte. "Klar hat jeder Angst, dass er das Ding vor die eigene Haustür kriegt", so Meyer, doch müsse die Entscheidung auf Erkenntnissen, dürfe nicht auf Befindlichkeiten beruhen. Dass man alle früh mit einbeziehe, empfindet er als gut. Seine Einschätzung deckt sich mit der des sächsischen Umweltministeriums. Auf "Freie Presse"-Anfrage bezeichnete das Ministerium die gestrige Runde als "wichtigen Baustein" auf dem Weg, die Endlagersuche "im Konsens aller Beteiligten voranzutreiben".

Allerdings machte Bundesamts-Chef Wolfram König eins klar: "Beteiligung heißt nicht Mitentscheidung." Ein Veto-Recht für die Region, die bis zum Jahr 2031 als Endlagerstandort bestimmt sein soll, werde es nicht geben. Sie trage danach die Verantwortung für das Vermächtnis des deutschen Atomenergie-Zeitalters. Bis zu dessen Ende 2022 wird es rund 1900 Castorbehälter mit hoch radioaktivem Müll hinterlassen haben.

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