Auf Posten im verlorenen Dorf

Im Hinterland der Ostsee haben Rechtsextreme das Dorf Jamel durch Zuzug übernommen. In Sachsen gibt es so etwas nicht. Trotzdem ist Jamel nur "die Spitze des Eisbergs", sagt die Frau, die sich den Nazis dort entgegenstellt.

Jamel/Dresden.

Ein Wegweiser als Sinnbild für den Kampf ums Nazidorf: Angezeigt sind Hitlers Geburtsort Braunau, Narvik, die Ostmark. Eine Provokation. Als vor Jahren eine Behörde den Spuk entfernen ließ, drehten die Nazis der Zivilgesellschaft eine Nase. Als Malerei an einer privaten Garagenwand erstand der Schandpfahl wieder auf.

"Wer nach Jamel kommt, sieht zuerst diese Wand", sagt Birgit Lohmeyer. Sie lebt seit 2004 mit ihrem Mann im 40-Seelen-Ort, neben sieben Nazifamilien und zwei passiven, die sich scheuen, Position zu beziehen. Ihr Widerstand machte die Lohmeyers bundesweit bekannt. Hundert Journalisten aus zwei Dutzend Ländern besuchten das Dorf. Der Altpräsident des Deutschen Bundestags kam, Wolfgang Thierse, und die Rockband Die Toten Hosen mit Campino. Dass die Lohmeyers sich nicht abfinden mit ihren Nazi-Nachbarn, und das seit fast zwölf Jahren, ist eine persönliche Leistung und ein starkes Symbol. Allerdings wurde kürzlich, nach einem Rechtsstreit, der Wegweiser nach Braunau wieder aufgerichtet.

Für Birgit Lohmeyer ist der Gruselort bei Wismar zwar extrem, doch nur "die Spitze des Eisberges". In Sachsen findet sich Vergleichbares nicht, sagt Martin Döring vom Landesverfassungsschutz. In Sachsen fehlten die Schwerpunktregionen. Frühere Hotspots wie die Sächsische Schweiz ragten nicht hervor. Einiges hat die Zivilgesellschaft also in den vergangenen Jahren doch erreicht - wiewohl es flächendeckend rechtsextreme Strukturen gibt.

Das Ehepaar Lohmeyer zog 2004 von Hamburg-St. Pauli nach Jamel bei Grevesmühlen. "Es gab dort einen Nazi namens Sven Krüger, der ein Abrissunternehmen betrieb, einschlägig vorbestraft, eine Führungsfigur der Hammerskins", berichtet Birgit Lohmeyer. "Wir dachten, wir halten schwierige Nachbarn aus, zumal wir in Hamburg unweit der Hafenstraße gewohnt hatten, um die es jahrelang Krawalle gab."

Was sie nicht vorhersahen, war eine Art Besiedlungspolitik, die das Dorf binnen weniger Jahre zum Kippen brachte. Eine rechtsextreme Familie nach der anderen übernahm Häuser und Höfe, von Krüger angelockt und orchestriert. 2009 war die heutige Bewohnerschaft so gut wie beisammen. Nun gestalteten die Nazis das Dorf. Es kamen der Wegweiser, ein Wandbild, ein Findling mit Plakette: "Frei-sozial-national".

Bei Jamel allein ließen es die Extremisten nicht bewenden. 2010 baute Krüger eine alte Betriebskantine des Betonwerks Grevesmühlen zum "Thinghaus" aus: ein zentraler Ort der Neonaziszene nicht nur in Mecklenburg. Bis zu 450 Extremisten, teils aus Schweden, Finnland, Litauen und Österreich strömten dort schon zusammen, berichtet Michael Peters, der Wismarer Polizeichef. Die Hammerskins um ihren Boss aus Jamel seien organisiert wie eine Rockergang: "Drückt der eine auf den Knopf, kommen die alle."

Der ehemalige Ortsbürgermeister von Jamel sagte 2007 der "Zeit" über sein Dorf: "Wir haben Jamel aufgegeben." Die Gemeinde Gägelow, zu der Jamel gehört, kauft inzwischen die letzten freien Grundstücke, um den Zuzug weiterer Extremisten zu verhindern. Mit dem Nebeneffekt, dass auch andere nicht mehr hinziehen und die Verhältnisse ändern können. Der "Kulturradweg Schweriner See-Ostseestrand" wurde über Jamel geführt, in der Hoffnung, das Sackgassendorf, das über eine einzige Straßenzufahrt verfügt, mindestens für Freizeitradler zum Durchgangsort zu machen. Jedes Jahr am 1. Mai halten SPD, Grüne und Linke eine Fahrradsternfahrt nach Jamel ab. "Zuletzt sind da die Nazikinder auf den letzten Kilometern mitgeradelt und haben die anderen mit Dashcams gefilmt", sagt Birgit Lohmeyer.

Die Hauptverteidigungslinie des demokratischen Anstands in Jamel sind die Lohmeyers selbst. Ihre Taktik lautet, möglichst viele Menschen für Jamel zu interessieren. Dafür halten sie Vorträge, wie vor einigen Tagen in der Dresdner Landeszentrale für politische Bildung. In Jamel schaffen sie Anlässe, an denen man gefahrlos ins Dorf und ins Gespräch kommen kann - etwa das Musikfestival "Jamel rockt den Förster" am letzten Wochenende im August. Eigentlich hatten Lohmeyers einen riesigen Speicher neben ihrem Haus zur "Kulturscheune" umbauen wollen. Im August vorigen Jahres ging die Scheune in Flammen auf. Brandstiftung, sagt Frau Lohmeyer mit einem gequälten Lächeln.

Das Paar sieht in dem Feuer, das auf ihr Haus hätte übergreifen können, eine neue Stufe der Eskalation: einen Mordanschlag. Bisher war niemand gegen sie handgreiflich geworden. Die braune Dorfsippe und die Demokraten gehen sich aus dem Weg. Ihr Grundstück lassen letztere nie allein: Einer bleibt, wenn der andere geht. Und wenn beide gehen, springen Freunde ein. Die direkte Konfrontation mit Krügers Anhang mache keinerlei Sinn. Indoktriniert seien selbst schon die Kinder. "Nach uns wird in Jamel nichts mehr passieren", sagt Birgit Lohmeyer. Aufgeben, zermürbt und wundgekämpft? "Wir sind uns bewusst, dass es ein schlechtes Signal wäre, wenn wir aus Jamel weggehen würden."

Orte wie Jamel, das sind für Martin Döring vom Sächsischen Verfassungsschutz "Angst-Räume". Kein Einzelfall in Deutschland. Aus dem Raum Güstrow und dem niedersächsischen Wendland wird seit Jahren von völkischen Siedlern berichtet, die abgelegene Höfe kaufen und Dörfer unterwandern. Auch die Lüneburger Heide gilt als Zentrum neurechter Siedler. Was dagegen hilft? Engagierte, kompetente und widerständige Bürger wie die Lohmeyers, sagt Martin Döring.

Und diese Bürger brauchen engagierte Behörden nebst einer klugen Polizei. Seit es in Wismar einen Polizeichef gibt, der sich deutlich engagiert, ist es für Neonazis in Jamel und in Grevesmühlen etwas ungemütlicher geworden, erzählt Frau Lohmeyer. Die Polizeiinspektion im Nordwesten Mecklenburgs wurde vor fünf Jahren von Michael Peters übernommen. Inzwischen kommt einmal täglich eine Streife nach Jamel, manchmal öfter. Der Kontakt zu Lohmeyers ist eng. Im "Thinghaus" wurden über Jahre mehrere Rechtsrockkonzerte verboten. Michael Peters sagt, Behörden müssten sich abstimmen und von der Frage leiten lassen: Was können wir Gutes für den Rechtsstaat tun? Ein weiteres wichtiges Prinzip von ihm sei, dass "Führung vorangeht": dass man sich zeigen und den eigenen Leuten den Rücken stärken muss.

Extremismus macht sich dort breit, wo die Zivilgesellschaft Raum dafür lässt, sei es in den Köpfen, sei es in der Fläche. "Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg", sagt Verfassungsschützer Döring. "Das zieht andere an." Verbote gegen Extremisten packten die Ursachen nicht. Es gehe um Vorbeugung, um rassistische Karrieren zu verhindern.

Dass eine Gesellschaft auch Räume zurückerobern kann, zeigt in Sachsen das Beispiel Sächsische Schweiz. Nach den dunklen Jahren des Treibens einer inzwischen verbotenen Skinheadtruppe sei heute das Netz zivilgesellschaftlicher Initiativen sehr dicht, sagt Sebastian Reißig, der junge Geschäftsführer der Pirnaer Aktion Zivilcourage. Das Netz reiche bis in die Dörfer hinein. "Als wir neulich Helfer für die Heidenauer Flüchtlingsunterkunft suchten, haben wir mit 30 Freiwilligen gerechnet. Es meldeten sich 80."

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7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    1
    Blackadder
    10.01.2016

    @alwin: Zweitnick von geiluc?

  • 2
    1
    alwin
    10.01.2016

    bei den wenigen braunen,die ja bekannt sind,hätte ich weniger angst. große sorgen sollte man sich um die hundert tausende unregistrierte,untergetauchte jungen flüchtlinge machen.nach köln kommt nun vielleicht mehr an die öffentlichkeit was sich so abspielt.bisher wurde ja vertuscht .

  • 0
    1
    Blackadder
    08.01.2016

    @Ruediger: Ach, den Lohmeyers wurde ja nur die Scheune abgebrannt von den Braunen, kein Grund, Angst zu haben, was?

  • 1
    2
    Ruediger1683
    08.01.2016

    Ganz mutige Menschen, die Lohmeyers, in ihrem antifaschistischem Widerstandskampf, 70 Jahre, nachdem die Gefahr vorüber ist. Die einen sind mir zuwider, die anderen nicht weniger suspekt.

  • 1
    2
    Blackadder
    08.01.2016

    @Freigeist: Hier haben so Einige nicht nur heimliche Sympathie, sondern verteidigen diese ganz offen.

  • 2
    2
    Freigeist14
    08.01.2016

    Langweilig ist vor Allem die permanente Verharmlosung,Tatsachen verdrehende und heimliche Symphatie für neonazistische Umtriebe.Nazis sind immer die Anderen.......

  • 4
    2
    gdz
    08.01.2016

    Was regt man sich denn so auf ? In Leipzig gibt es den gleichen Spuk, nur aus der linken Ecke. Komischer Weise stört das niemanden, wenn Linke dem Rechtsstaat an den Kragen wollen. Immer nur bei "Rechts". Das langweilt.



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