Bildungsoffensive gegen den Judenhass

Was kann man tun gegen den wachsenden Antisemitismus in Deutschland? Im Chemnitzer "Schalom" wurde über neue Wege im Umgang mit judenfeindlichen Vorfällen diskutiert. Zweifel am Erfolg blieben.

Chemnitz.

"Vorurteile und Hass gegen Juden können nur mit einer gewaltigen Bildungsoffensive abgebaut werden." Das hält der Potsdamer Antisemitismus-Forscher Olaf Glöckner, geboren in Karl-Marx-Stadt, für einen wichtigen Weg, den man jetzt gehen müsse - in Sachsen und in ganz Deutschland. Glöckner: "Bildungsprogramme, nicht nur für Schüler, sondern auch für Erwachsene und für die verschiedensten Berufsgruppen, sowie Aufklärung sind nötig - immer und immer wieder, selbst wenn sich die Wissenschaft darüber streitet, ob Bildung gegen Antisemitismus wirklich hilft."

Der Historiker war am Montagabend Gast einer Veranstaltung des Chemnitzer Vereins "Schalom" im gleichnamigen Restaurant, das in der Vergangenheit immer wieder Ziel von Anfeindungen und Drohungen war und im September 2018 vermutlich von Rechtsextremisten angegriffen wurde. Der Anschlag eines bekennenden Antisemiten in Halle vor zwei Wochen brachte das Problem der Judenfeindlichkeit überall in Deutschland in die Schlagzeilen. Nahezu wöchentlich gibt es Nachrichten über antisemitische Vorkommnisse.

Im "Schalom" in Chemnitz wurde daher am Montagabend im kleinen Kreis über neue Wege gegen den Judenhass mit dem Historiker Glöckner und dem neuen Landesbeauftragten für Jüdisches Leben, Thomas Feist, diskutiert. Der Leipziger war früherer Bundestagsabgeordneter für die CDU und wurde erst im Frühjahr zum Landesbeauftragten ernannt. Er arbeitet ehrenamtlich.

Er schlug vor, ein effektives und nutzerfreundliches Meldesystem für antisemitische Vorfälle einzuführen - nach dem Berliner Modell der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias). Der Bundesverband Rias initiiert und unterstützt den Aufbau regionaler Melde- und Unterstützungsnetzwerke. Ziel ist eine möglichst breite zivilgesellschaftliche Erfassung antisemitischer Ereignisse in Deutschland. Feist sieht darin auch für Sachsen Vorteile, weil damit auch Vorfälle gemeldet würden, die keine strafrechtliche Relevanz haben. "Rias hat Erfahrungen, wie etwa mit den Sicherheitsbehörden zusammengearbeitet werden kann. Oder Beispiel Schule: Wie kann jemand einen antisemitischen Fall melden, ohne damit gleich den Ruf der Schule zu gefährden?" Man suche daher in Sachsen geeignete Leute vor Ort, die verlässlich sind und die Szene kennen. "Es müssen geschulte Ansprechpartner bei der Polizei, bei der Staatsanwaltschaft oder an den Schulen gefunden werden."

Feist ist auch die Aufklärung im Bereich der schulischen Bildung über den Stellenwert jüdischen Lebens in Sachsen wichtig: "Juden haben schließlich ihren Beitrag zur wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Blüte unseres Freistaates geleistet."

Der 53-Jährige engagiert sich zudem seit vielen Jahren für deutsch-israelische Projekte. "Begegnungen von Deutschen und Israelis oder Fahrten nach Israel können viel zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Es geht darum, Gemeinsamkeiten von Juden und Nichtjuden zu erkennen und sie darüber zusammenbringen." Vielen Menschen, die im Osten groß geworden sind, fehlten wegen der propalästinensischen DDR-Politik 40 Jahre Beziehungen zu Israel. "Gerade jungen Menschen müssen wir heute aber neue Erfahrungsräume schaffen." Zunächst aber will sich Feist vorrangig um die Vernetzung der Akteure im Freistaat, die sich mit den Themen jüdisches Leben und Bekämpfung des Antisemitismus befassen, kümmern.

Was hat den Hass und die Abneigung gegenüber Juden in Deutschland so spürbar verstärkt? Olaf Glöckner hat dazu zusammen mit seinem Kollegen Günther Jikeli einen neuen Sammelband herausgegeben. Sie benennen darin die antisemitischen Potenziale - egal ob in rechtsextremen, linksradikalen oder islamistischen Milieus ("Das neue Unbehagen - Antisemitismus in Deutschland heute", erschienen im Georg-Olms-Verlag).

Laut einer Studie der Fundamental Rights Agency (FRA), einer EU-Einrichtung, die regelmäßig Befragungen unter Minderheiten in Europa durchführt, empfindet auch in Deutschland die ganz überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Antisemitismus als ein gravierendes Problem. Glöckner dazu: "Das Alarmierende: Man hat zumindest das Gefühl, dass Judenfeindschaft konstant wächst. Frühere Formen von Judenfeindschaft - wie christlicher Antijudaismus und Rasse-Antisemitismus - scheinen eher weniger zu werden oder werden im öffentlichen Raum weniger toleriert. Deren Platz haben aber neue Formen von Judenfeindschaft eingenommen - wie Holocaustleugnung, linker Antisemitismus, der sich an Israel abarbeitet, und radikalislamistischer Antisemitismus." Bei der extremen Rechten konstatiert Glöckner den Antisemitismus als genuinen Bestandteil der Ideologie.

Bei der jüdischen Bevölkerung in Europa - auch in Deutschland - droht ein Rückzug ins Private, aus Angst vor Anfeindungen, Übergriffen, Anschlägen. Jüdische Veranstaltungsorte werden gemieden, man kleidet sich "weniger jüdisch", um nicht aufzufallen.

Glöckner: "Sowohl Vorkommnisse auf der Straße, von denen Uwe Dziuballa als Gastronom viel berichten kann, als auch empirische Studien der jüngsten Zeit zeigen, dass der Antisemitismus in Deutschland neue und eben auch sehr bedrohliche Ausmaße angenommen hat."

Thomas Feist betonte, dass die sehr kleinen jüdischen Gemeinschaften in Sachsen (rund 2300 Mitglieder) wenig auffallen, aber gleichwohl verletzlich sind. Gastgeber Dziuballa stellt mit Blick auf die angstgesteuerte Vermeidung jüdischer Orte, wie sie in der EU-Studie für Deutschland festgestellt wurde, fest: "Ganz genau das passiert heute. Nach dem Anschlag von Halle hatten wir hier leider mehrere Abmeldungen für diese Veranstaltung."

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12Kommentare
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  • 3
    0
    Freigeist14
    26.10.2019

    Danke 994374@ . Nur leider ist mein 2. Kommentar zum Thema "Antisemitismus" im Orkus gelandet . Rosa Luxemburg , ihr Lebensgefährte Leo Jogiches und Karl Liebknecht würde ich noch anführen .

  • 4
    2
    994374
    26.10.2019

    Mir gefallen am besten die Kommentare von Echo1 und Freigeist 14.
    Und kann dem Herrn Dzibulla nachfühlen, wenn ihm nicht gefällt als „…Mitbürger“ bezeichnet zu werden.
    Wahrscheinlich wissen viele Leute nicht, welche verdienstvolle deutsche und deutschsprachige Juden
    die deutsche Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft mitgestaltet haben. Zum Beispiel:

    Einstein
    Sigmund Freud
    Karl Marx („ausgetreten“)
    Levi Strauss (Jeans)
    Kurt Tucholsky („ausgetreten“)
    Arthur Schnitzler
    Erich Mühsam
    Franz Kafka
    Heinrich Heine
    Max Reinhardt
    Lion Feuchtwanger
    Stefan Zweig
    Arnold Schönberg
    Felix Mendelssohn Bartholdy
    Gustav Mahler
    Kurt Weill
    Lea Grundig
    Max Liebermann
    Sowie die vielen weniger bekannten, die im 1. Weltkrieg im kaiserlichen Heer an der Seite ihrer anderen Kameraden gekämpft haben.
    (Besser, alle Rekruten wären ins Ausland geflohen, aber das ging ja damals noch nicht!)

  • 3
    3
    Distelblüte
    23.10.2019

    @Echo: Genauso meinte ich es auch.

  • 4
    2
    Echo1
    23.10.2019

    Mir fällt noch ein zum damaligen Begreifen,
    was Faschismus ist. Und damit zum jetzigen Begreifen, was Faschismus ist.
    Der eine im Osten Aufgewachsene, jetzt
    Rentner, wählt halt dann die AfD. Die das
    alles nicht für Propaganda gehalten haben,
    eben nicht.

  • 2
    0
    Nixnuzz
    23.10.2019

    @Freigeist14: "..war die Haltung der BRD einseitig pro-israelisch ..." Als einseitig vorgebildeter und desinformierter Wessie empfehle ich, sich mit der Regierungszeit von W.Brandt und W.Scheel als auch später die Zeit von Amani-Schröder und Weingeist Joschka Fischer und deren jeweiligen Israel- und Palästinenser-Politik zu beschäftigen. Mit SPD-Ben Wisch wurde über Jahre ein Ausgleich zwischen den vorderasiatischen und afrikanischen "Bruderstaaten" vermittelnd gesprochen. Eine nahezu Jahrtausend-alte Feindschaft dort zu befrieden war einfach nicht möglich. Aussenminister J.Fischer kommentierte mal seine Beratertätigkeit bei den israelisch-palästinensischen Verhandlungen so: "Nach einem Dutzend Gesprächen hat er aufgehört, seine Reisen dorthin zu zählen!". Das Israel nunmal der überwiegende Wohnort der Juden dort ist, fanden viele es in uBRD sinnvoll, materielle uind finanzielle Unterstützung für diese dort zu gewären. Trotz mancher Anfeindung manches Shoa-Überlebenden.

  • 6
    1
    Echo1
    23.10.2019

    @Distelblüte: "Antifaschismus von oben herab verordnet". Ist das denn falsch, wenn dieses Thema in den Schulen behandelt wurde? Wie anders sollte man sich damit
    auseinandersetzen. Es wurde oft zum Überdruss behandelt. Das ist wahr. Man konnte es manchmal nicht mehr hören. Es
    gab ja aktuelle Probleme. Die Sache war didaktisch daneben. Aber inhaltlich nicht falsch. Aber aufgenommen, begriffen wurde es damit auch unterschiedlich.
    Nur so verstehe ich Sie (Distelblüte).

  • 3
    5
    Blackadder
    23.10.2019

    Wie viel jüdisches Leben gab es denn in der DDR? Wie viele Synagogen? Wie viel Unterstützung vom Staat? Das ist doch viel wichtiger, um das einschätzen zu können, als die offizielle Lehrmeinung in den Schulen. So blumig war das ganze in Wirklichkeit nämlich gar nicht:

    https://www.deutschlandfunk.de/judentum-in-der-ddr-vom-ueberleben-einer-minderheit.724.de.html?dram:article_id=334228

  • 4
    3
    Freigeist14
    23.10.2019

    Bemerkenswert,das die pro-palästinensische Politik der DDR pauschal als Makel oder Grund beschrieben wird ,wenig Beziehungen zu Israel gehabt zu haben . Zunächst hatten DDR-Jugendliche allgemein wenig Beziehungen zu nicht-sozialistischen Staaten. So wie die DDR-Haltung einseitig pro-palästinensisch war ,war die Haltung der BRD einseitig pro-israelisch . Andererseits wurde klar zwischen dem Staat im Nahen Osten und den jüdischen Menschen unterschieden .

  • 5
    5
    Distelblüte
    23.10.2019

    @Echo: Das, was Sie zur DDR-Schulbildung schreiben, kann ich nur bedingt unterschreiben. Antifaschismus war in der DDR von oben herab verordnet. Es wurde allenthalben davon gesprochen. Das bedeutet zwar, dass flächendeckend alle Staatsbürger vom Kindergarten an das Wort kannten, aber es genügte, den Phrasen zumindest pro forma zuzustimmen, um in Ruhe gelassen zu werden, auch wenn man nicht der staatlichen Interpretation folgte.
    Soweit mir bekannt, wurde das Thema Judenverfolgung im Unterricht behandelt. Im Mittelpunkt stand aber die Betonung auf dem heldenhaften Kampf der KPD unter Ernst Thälmann und anderen.

  • 5
    8
    Blackadder
    23.10.2019

    Es geht doch hier schon im Forum damit los, dass los, dass Juden nicht als Deutsche anerkannt werden. Als ich mit Bezug auf das Konzert in Halle darauf hinwies, dass es zum Sabbat stattfindet und die jüdische Gemeinde, die ja Zielscheibe des Angriffs war, nicht teilnehmen können, wurde ich schroff darauf hingewiesen, dass man hier nach deutschen Sitten feiere. Der Kommentar wurde später von der FP gelöscht.

    DAS ist der Beginn von Antisemitismus.

  • 8
    2
    Freigeist14
    23.10.2019

    Bildungsoffensive gegen Judenhass bedeutet auch , klar zwischen Antisemitismus und der Kritik an der Siedlungs- und Apartheidspolitik Israels zu unterscheiden . Eine Tabuisierung und Diffamierung als "linken Antisemitismus" führt in die Irre .

  • 9
    1
    Echo1
    23.10.2019

    Es tut mir leid, ich muss wieder damit anfangen. Wenn man eine DDR-Schulbildung durchlaufen hat, war man aufgeklärt über den Faschismus und Auschwitz. Judenhass konnte nicht aufkommen. Erinnern kann ich mich an die
    Formulierung von Klassenkameraden: Du handelst ja wie ein Jude. Da schwappte mal so etwas von der Kriegsgeneration herüber. Aber Judenhass gab es im Wesentlichen nicht. Die kritische Haltung des Ostens zu Israel ist für mich ein anderes Thema. Hier geht es nicht um das Volk der Juden. Hier ging es um die Politik des israelischen Staates.
    Was ich aber mit Bestimmtheit sagen kann,
    dass in den Schulen der alten BR und unserer jetzigen kaum politische Bildung passiert, speziell zum Thema Faschismus.
    Da glaubt eine junge Frau aus dem Westen nicht an die 4 Millionen getöteten Juden durch die Nazis. Glaubt nicht mal daran, dass die Deutschen die Kriegsvorbereiter waren in 2 Weltkriegen. An ihr sind Aufklärung vorbeigegangen. Schlimm.



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