Der Mut und der Eigensinn

Zu Wendezeiten galt Michael Beleites als Held. Heute stellen ihn manche in die rechte Ecke. Er selbst sagt, er habe seine Haltung nicht geändert. Begegnung mit einem, der als DDR-Oppositioneller begann und sich heute wieder ausgegrenzt fühlt.

Nichtkonforme Haltungen erlebte Michael Beleites schon als Kind. Als er elf Jahre alt war, trug sein Vater, ein Pfarrer, den Berufskollegen Oskar Brüsewitz zu Grabe, der zum gleichen Konvent gehörte. Ein Unangepasster: Brüsewitz hatte sich 1976 in Zeitz auf offener Straße verbrannt. Er wollte das als Anklage gegen den Kommunismus verstanden wissen. Die DDR erbebte, zur Beerdigung kam auch die Staatssicherheit. Und der junge Michael spürte: Es war nicht alles gut in diesem Land.

Seinen Vater beschreibt Beleites als konsequenten, unabhängig denkenden Menschen. Weil er die Säuglingstaufe für theologisch fragwürdig hielt, empfing der Sohn seine Taufe erst mit der Konfirmation. Zur DDR-Wahlsimulation gingen später beide nicht hin. Auch der CDU-Bezirksvize und der Ortsbürgermeister, die ihn am Wahltag aufsuchten, stimmten den 18-Jährigen nicht um. Der staunte nur über das Aufgebot: "So ein hochkarätiger Besuch wegen so einer banalen Sache!"

Von klein auf naturkundlich interessiert, kam Beleites, der in Gera eine Lehre zum Tierpräparator aufgenommen hatte, mit der kirchlichen Umweltbewegung in Kontakt. Eigentlich hatte er Biologe werden wollen. Da er den Armeedienst an der Waffe verweigerte, wurde er zur Berufsausbildung mit Abitur nicht zugelassen. Später machte er sich als Präparator selbstständig. Mit 16,12 Mark Wohnungsmiete und Aufträgen von Museen sei das auskömmlich gewesen. Das fehlende Abitur aber würde ihm nach der Wende noch zu schaffen machen.

Die kirchlichen Umweltgruppen nahmen ab Mitte der 1980er-Jahre die ökologischen Krisenherde der DDR ins Visier: Braunkohle, Chemieindustrie, Atomkraftwerke, die Uranförderung. "Wir hatten, als wir die Probleme enthüllen wollten, diese Grundangst, dass die Gesetzesanwendung in der DDR unberechenbar war. Es gab Gummiparagrafen. Man schaute also, ob es andere gab, die schon mutiger gewesen waren und damit durchgekommen sind."

Das Thema der Wismut-Strahlenbelastung war besonders heikel, denn das Unternehmen galt als Staat im Staate. Die sowjetisch-deutsche Aktiengesellschaft förderte Uran und lieferte es an die Sowjetunion. Spätestens seit der Tschernobyl-Katastrophe 1986 war klar, dass auch im Wismutland viel radioaktiver Dreck in die Umwelt gelangte, sagt Beleites. Heimlich begann er, die Gefahrenlage zu untersuchen. Fachliteratur zu vergleichbar belasteten Gegenden, etwa in Südafrika oder Kanada, erhielt Beleites von einem westdeutschen Physiker, den er in Ungarn kennengelernt hatte. Wichtige Aufsätze wurden abfotografiert, mit Quellenmaterial belichtete Filme in den Osten geschmuggelt.

Auch ein Geraer Behördenmitarbeiter gab Beleites Informationen weiter. Von Gera aus unternahm er Erkundungstouren meist mit dem Rad, immer auf der Hut vor der Staatssicherheit. Später las er in den Akten: "25 Spitzel waren auf mich angesetzt. Keiner gehörte zu meinem engeren Freundeskreis. Sie waren nahe dran, aber nicht ganz nah."

Beleites' Studie "Pechblende" zirkulierte ab Juni 1988 im ostdeutschen Untergrund, in 1000 Exemplaren hergestellt an einer Wachsmatrizen-Druckmaschine aus den 1920er-Jahren. Man findet sie heute im Internet, der Name des Verfassers stand schon damals auf der Titelseite. Als Herausgeber zeichneten das Kirchliche Forschungsheim Wittenberg und ein Ost-Berliner Ärztekreis.

In den Westmedien, zuerst im TV-Magazin "Kontraste", wurden Beleites' Erkenntnisse sensationell aufgebauscht. Als dort schwer strahlenkranke, barhäuptige Menschen eingeblendet wurden, lenkte das vom eigentlichen Thema, der schleichenden Gefahr durch niedrige Dosierungen, ab und machte die Ergebnisse angreifbar. "Dünnschiss" urteilte Beleites gegenüber einem Westberliner Greenpeace-Mitarbeiter in einem von der Stasi protokollierten Telefongespräch.

Die Stasi drohte dem Aktivisten mit Haft, erteilte ihm Redeverbot und warf ihm die Verleumdung zigtausender Bergleute vor. Er dürfe sich nicht wundern, wenn nun einige dieser Bergleute nach Rache dürsteten und sich an ihm vergreifen würden. Er begriff das als unverhohlene Drohung mit Gewalt. "In so einer Lage nach einem Vortrag zum Bahnhof zu gehen, das war schon sehr belastend", erinnert er sich.

Den Vorteil seiner kühnen Veröffentlichung im DDR-Untergrund und des lärmenden Echos der Westmedien sieht Michael Beleites heute darin, dass sie ein Tabu brachen. Erstmals wurde über die ökologische Situation und die Strahlenbelastung bei der Wismut öffentlich gesprochen. Seine eigene Lage hatte sich dadurch verkompliziert. Den Zusammenbruch der DDR im Jahr darauf empfand er als Erlösung.

In drei Stufen sei seine eigene "Befreiung" erfolgt: Beleites wirkte bei der Abwicklung der Stasi-Dienststelle in Gera mit, studierte seine Akte und sortierte für sich selbst im Rückblick, hinter welchen Misshelligkeiten seines Lebens ein Maßnahmeplan des Geheimdienstes steckte. Blickte er nun in die Gesichter seiner bisherigen Verfolger, konnte er sich sagen: Vor denen musst du keine Angst mehr haben.

1991 zog Beleites nach Berlin. Er war zuversichtlich, dass die neue Zeit ihm ermöglichen würde, akademischer Biologe zu werden, wie er es immer hatte sein wollen. Aber dazu kam es nicht.

An der Berliner Humboldt-Universität lehrte damals ein fernsehbekannter Mann: der Verhaltensforscher Günter Tembrock. Der riet Beleites, erst einmal Agrarwissenschaften zu studieren, weil es ohne Abitur (vom SED-Staat verhindert) auch in Berlin keinen Zugang zum Biologiestudium gab. Ein Jahr später zog es Beleites zu Hartmut Vogtmann nach Witzenhausen bei Kassel, ein Pionier des ökologischen Landbaus. Aber: Ohne Abitur kein Studium in Hessen. Wieder fehlte die formale Qualifikation. Also ging Beleites mit Ende 20 nach Löbau in Sachsen, zur Erwachsenenqualifizierung, wo der Lehrmeister so alt war wie er. Seinen Abschluss machte Beleites an der Fachschule Großenhain.

Fast sein gesamtes Arbeitsleben, resümiert Beleites heute, habe er in unterbezahlten Stellungen verbracht, weil ihm der Hochschulabschluss fehlte: "Ich war davon ausgegangen - in einem Fall wie meinem -, dass ich nach der Wiedervereinigung gefördert würde." Stattdessen hing das fehlende Abitur ihm nach: "Wer nicht im Gefängnis saß, das musste ich lernen, wird nach den Rehabilitationsgesetzen einfach so behandelt, als wäre nichts passiert."

2000 wurde Beleites, der mit seiner Frau einen kleinen Gartenbaubetrieb in Blankenstein (Wilsdruff) begründet hatte, zum Sächsischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gewählt. Er füllte dieses Amt zehn Jahre lang aus, verzichtete dann auf eine erneute Kandidatur. Gleich nach der Wahl begann beim MDR eine dieser Überprüfungsdebatten, die er als "borniert" empfand: Man hätte nicht nur auf die Stasi blicken dürfen, sondern allgemeiner auf die Systemnähe, fand Beleites. Die Stasi war ein Instrument der Partei. Schwarz-weiß-Denken sei in so komplexen Fragen unangebracht.

Seit einigen Monaten sieht sich Michael Beleites nun selbst, was seine öffentliche Beurteilung angeht, in einer solchen Dichotomie gefangen. Der "Spiegel" hatte ihn im Januar 2018 mit anderen Aktivisten der Wende als "rechten ehemaligen DDR-Bürgerrechtler" etikettiert, der die AfD unterstütze. Mit weitreichenden Folgen: Vorträge mit Beleites wurden abgesagt, er wurde von Podien ausgeschlossen, Freunde wandten sich von ihm ab, berichtet er. Selbst der Veranstalter einer Diskussion über den "Umgang mit Unangepassten", eine parteinahe Stiftung, lud ihn kurzfristig aus.

Auch seine Zeitzeugenschaft zu den Ereignissen vor dreißig Jahren, zur "Pechblende" war plötzlich weniger oft gefragt. Beleites ist parteilos, führt keine aufrührerische Sprache, rassistische oder Hetzreden sind nicht von ihm bekannt. Als Kandidat der Freien Wähler trat er zur jüngsten Landtagswahl in der Sächsischen Schweiz auch gegen die AfD an. "Ich war immer davon ausgegangen, dass es zählt, was man selbst sagt oder schreibt. Und nicht vor allem, wo man es tut."

2014 hatte Beleites sein Fachbuch "Umweltresonanz" in einem Verlag veröffentlicht, dessen Inhaber als Vertreter der Neuen Rechten gilt. Es ist Beleites' Opus magnum, Ergebnis jahrelanger Naturbeobachtung und undogmatischen Nachdenkens. Vom Wissenschaftstheoretiker Peter Finke wurde es als Beispiel anspruchsvoller "Bürgerwissenschaft" gelobt.

In seinem Buch begründet Beleites eine Darwin-kritische Position, aus biologischer Sicht. Das Thema hatte ihn seit seiner Ausbildung beschäftigt, als ihn der Berliner Professor Hans Hackethal - SED-Parteimann, Darwinist, freier Denker - in die Evolutionsbiologie eingeführt hatte. Warum, fragte sich Beleites, haben die meisten Arten Merkmale, die gar nicht relevant für eine Selektion sind - Blau- und Kohlmeisen etwa blaue und schwarze Scheitel?

Beleites übernimmt die These von Otto Kleinschmidt, dass jede freilebende Art über eine begrenzte Variationsbreite verfügt, innerhalb derer es zu normalen Verschiedenheiten kommt, die aber keinen Einfluss auf die Fitness der Individuen haben. Nur in Gefangenschaft lassen sich durch züchterische Eingriffe - die Isolation von Merkmalsträgern und ihre gesteuerte Verpaarung - die natürlichen Variationsbereiche überschreiten. Daher sei es falsch, Erkenntnisse aus der künstlichen Zuchtwahl auf natürliche Evolutionsprozesse zu übertragen. Kein Naturgesetz begründe den Verdrängungswettbewerb; für Darwins Selektionshypothese fehle die wissenschaftliche Basis.

Beleites' Buch, das der Lehrmeinung widerspricht, wurde von mehreren Fachverlagen abgelehnt. Sein Erscheinen im Telesma-Verlag beschreibt Beleites als einen Akt der Notwehr. Der Verleger habe das Buch professionell betreut, sich inhaltlich nicht eingemischt. Eine positive Besprechung erschien unter anderem in der linksliberalen "taz". Aus der Fachwelt hätten sich vor allem Professoren "kurz vor oder nach der Emeritierung" positiv geäußert.

Allerdings galt Beleites - wegen des Verlags, wie er es darstellt - nun in Teilen der Rechten als anschlussfähig. Zu einem Buch über Pegida, dessen Autor er kannte, steuerte er ein Vorwort bei, nahm Vortragseinladungen des rechten Instituts für Staatspolitik und einer einschlägig bekannten Burschenschaft an. "Der Sozialdarwinismus ist die Basis rechter Ideologien. Wenn Rechte mich einladen, dachte ich, sollte ich meine Gegenposition gerade dort anbringen." Im Buch "Umweltresonanz" spricht sich Beleites gegen eine "eliminatorische Publizistik" aus: "Die heute um sich greifende Verfahrensweise, wesentliche Überlegungen deswegen zu ignorieren oder zu ,tilgen', weil die betreffenden Autoren an anderer Stelle problematisch erscheinende Ideen vertreten haben, halte ich für nicht souverän und für unwissenschaftlich."

Besonders seit dem "Spiegel"-Artikel spürt Beleites einen Bann, auch wenn zum Beispiel der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) es sich vor einigen Tagen im Bundesrat nicht nehmen ließ, an die "Pechblende" zu erinnern und Beleites' dafür zu würdigen. Auch in Gera habe er Zuspruch erfahren. Sogar ein früherer Stasi-Verfolger sei über den Umgang mit ihm empört.

"Nach der Wende wollten wir freie, souveräne Menschen sein. Wir wollten uns nicht mehr vorschreiben lassen, mit wem wir reden dürfen, uns ein Urteil selber bilden und nicht von anderen bilden lassen." Was hat sich geändert - Beleites oder die Gesellschaft? "Beide haben sich geändert", sagt er. "Aber in diesem Punkt, da denke ich wie früher."

5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    3
    Einspruch
    12.11.2019

    Heute ist doch jeder rechts, der nicht den allgemeinen Singsang mit anstimmt oder einen Rest Identität und Heimat haben möchte, oder einfach real existierende Probleme ausspricht.

  • 2
    5
    gelöschter Nutzer
    12.11.2019

    @1807: Tja der Weg von "Wir sind das Volk" über "Wir sind ein Volk" zu "Wir sind das deutsche Volk und wir sind wieder wer" war nicht weit. Leider.

  • 3
    2
    1807058
    12.11.2019

    Es erstaunt mich nicht, wieviele Revolutionsadlige sich heute in der rechte Ecke wiederfinden. Ja Beleitis hat recht, er hat sich nicht geändert. Als fast täglicher Demonstrant seit dem 05.10.89 mußte ich , mit Schrecken, beobachten, wie die Demos sofort nach der Grenzöffnung weit nach rechts abrutschten. Viele der führenden Demonstranten ließen sofort ihre Maske fallen. Erstaunlich ist nur, dass man das erst Jetzt merkt.

  • 4
    5
    Distelblüte
    12.11.2019

    "Fast sein gesamtes Arbeitsleben, resümiert Beleites heute, habe er in unterbezahlten Stellungen verbracht, weil ihm der Hochschulabschluss fehlte: "Ich war davon ausgegangen - in einem Fall wie meinem -, dass ich nach der Wiedervereinigung gefördert würde." "
    Ich weiß nicht, weshalb Herr Beleites denkt, gefördert zu werden, nur weil er zu DDR-Zeiten systemkritisch war. Das ist kein Automatismus, fördert allerdings das Opferdenken, das ich aus seinen Aussagen heraushöre. Nachträglich berufsbegleitend das Abitur zu machen war nach 1990 jederzeit möglich. Und zum Studium ist das Abitur nun mal unabdingbare Voraussetzung.
    Und wenn er nicht in die rechte Ecke gesteckt werden will, sollte er vielleicht nicht bei Götz Kubitschek im IfS publizieren. Das Buch, zu dem Beleites das Vorwort schrieb, ist auch keine kritische Betrachtung von Pegida, ganz im Gegenteil.

  • 5
    3
    Dorpat
    12.11.2019

    Ein wirklich toller Artikel, der so gar nichts mit dem Journalismus zu tun hat, den man von der Freien Presse inzwischen leider gewohnt ist!



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