Deutschland nimmt geflüchtete Kinder auf

Seit Monaten gibt es Diskussionen, ob andere EU-Staaten Kinder aufnehmen sollten, die in den heillos überfüllten Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln leben. Jetzt sollen Taten folgen.

Berlin (dpa) - Bis zu 1500 Kinder aus den Flüchtlingslagern auf den griechischen Ägäis-Inseln sollen in den kommenden Wochen in anderen europäischen Staaten aufgenommen werden.

Die Aufnahme dieser besonders schutzbedürftigen Minderjährigen sei «keine Frage von Monaten, sondern eher von Wochen», sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Montag in Berlin. Er betonte, diese humanitäre Aktion sei kein deutscher Alleingang.

SPD und Union hatten in der Nacht bei einem Treffen im Kanzleramt beschlossen, Griechenland solle unterstützt werden bei der «schwierigen humanitären Lage von etwa 1000 bis 1500 Kindern auf den griechischen Inseln». Es gehe um Kinder, die schwer erkrankt oder unbegleitet und jünger als 14 Jahre sind, die meisten davon Mädchen. Auf europäischer Ebene werde derzeit verhandelt, um in einer «Koalition der Willigen» die Übernahme dieser Kinder zu organisieren. «In diesem Rahmen steht Deutschland bereit, einen angemessenen Anteil zu übernehmen», teilte die Koalition mit.

Außerdem betonten die Parteichefs die Notwendigkeit, in der umkämpften syrischen Provinz Idlib humanitäre Hilfe zu leisten. Dort waren nach dem Vorrücken der von Russland unterstützten syrischen Regierungstruppen fast eine Million Menschen vertrieben worden. Ob sie mit Hilfsgütern beliefert werden können, hängt allerdings auch davon ab, wie stabil die Waffenruhe ist, die Russland und die Türkei vereinbart haben.

Nach Angaben aus Koalitionskreisen geht es bei der Aufnahme der Minderjährigen unter anderem um 95 kranke Kinder, die teilweise auch schon für eine Behandlung auf das griechische Festland gebracht worden sind. Sie sollen zusammen mit ihren Familien umgesiedelt werden. Außerdem wird dem Vernehmen nach überlegt, die Anträge unbegleiteter Minderjähriger auf Familiennachzug schneller zu bearbeiten.

Wie viele EU-Staaten mitmachen und wie viele der Kinder nach Deutschland gebracht werden, ist aber noch unklar. Der Sprecher des Innenministeriums erklärte: «Es haben erste Länder ihre Bereitschaft erklärt.» Regierungssprecher Steffen Seibert betonte aber, «dass es leider nicht die Aussicht gibt», dass sich alle 27 Staaten beteiligen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte in Brüssel, es gebe positive Reaktionen auch aus Frankreich, Portugal, Luxemburg und Finnland.

Einen Mechanismus, um solche humanitären Aufnahmen zu organisieren, gibt es in Brüssel bereits. Er war für die Verteilung von aus Seenot geretteten Flüchtlingen, die auf Malta oder in Italien ankommen, etabliert worden. Allerdings gibt es hierbei auch einige Staaten, die sich zwar beteiligen, dies aber öffentlich nicht kommunizieren - um politischen Gegnern aus dem rechten Lager daheim keine Munition zu liefern.

Bundesinnenminister Horst Seehofer begrüßte die Einigung des Koalitionsausschusses. Er sehe sich in seiner Linie bestätigt, dass Ordnung und Begrenzung von Migration Voraussetzung für Humanität seien, sagte der CSU-Politiker. «Es geht hier um die Schwächsten, die sich zum Teil seit Monaten in einer prekären Lage befinden», fügte er hinzu. Er wolle sich weiter dafür einsetzen, «dass wir hier gemeinsam mit anderen EU-Staaten schnell zu einer tragfähigen europäischen Lösung kommen».

Die Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestages, Andrea Lindholz (CSU), erklärte, es gehe um behandlungsbedürftige und unbegleitete Kindern unter 14 Jahren, darunter viele Mädchen. CSU-Chef Markus Söder nannte den Beschluss der Koalition eine «vernünftige humanitäre Entscheidung».

Die Vorsitzende des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), Petra Bendel, forderte weitere Maßnahmen. Sie sagte: «Solange sich die EU nicht einigen kann, wie sie die in Griechenland ankommenden Flüchtlinge auf ihre Mitgliedstaaten verteilt, müssen pragmatische und flexible Lösungen gefunden werden.» Deutschland solle dabei voran gehen und dürfe nicht warten, bis andere Staaten auch Verantwortung übernehmen.

«Die Entscheidung der Bundesregierung ist ein Schritt in die richtige Richtung», sagte der Vorstandstandsvorsitzende der Kinderhilfsorganisation World Vision, Christoph Waffenschmidt. Dabei dürfe es aber nicht bleiben. Mehr als 14 000 geflüchtete Kinder harrten derzeit auf den griechischen Inseln aus.

Die Linksfraktion im Bundestag stellte noch weitgehendere Forderungen. Ihre innenpolitische Sprecherin, Ulla Jelpke, sagte: «Die Massenlager auf den griechischen Inseln müssen vollständig aufgelöst werden.» Auch den Menschen, «die an der türkisch-griechischen Grenze gefangen sind», muss die Einreise in die EU ermöglicht werden. Sie hätten Recht auf ein faires Asylverfahren.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte am 29. Februar erklärt, die Grenze zur EU sei für Migranten offen. Tausende Menschen machten sich daraufhin auf den Weg in Richtung Griechenland. Viele von ihnen - vor allem syrische Familien - sind allerdings inzwischen wieder an ihre vorherigen Wohnorte in der Türkei zurückgekehrt.


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20Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    1
    thelittlegreen
    12.03.2020

    @Zahlemann
    Zu Ihrer Frage: Unbegleitet in diesem Zusammenhang meint, das weder Vater noch Mutter da sind. Meist kommen diese Kinder mit Verwandten, Nachbarn oder Freunden mit, sehr selten allein. Rechtlich sind sie damit ohne Sorgeberechtigten.

  • 5
    4
    Zahlemann
    12.03.2020

    Liebe Daumen runter gemeinschaft, urteilen sie nach dem Namen, der ihnen von anderen Kommentaren nicht passt oder haben sie einfach keine Antwort auf meine unpolitische neutrale Frage?

  • 5
    3
    thelittlegreen
    11.03.2020

    Nicht selbst schuld schlimmsten Falls, sondern selbst verantwortlich im allgemeinen. Wenn schon vor der Wende der Verdienst als Verkäuferin wahrscheinlich gering war, so sollte dann nach dem Umbruch die Selbständigkeit + Angestellte so viel abwerfen um vernünftig für das Alter vorzusorgen zu können.

  • 4
    8
    vonVorn
    11.03.2020

    @thelittlegreen, für mich klingen Sie wie der legendäre Vogel Strauss, Kopf in den Sand wenn ich etwas nicht sehen will. Und im schlimmsten Fall sind die Leute selber schuld, Sie machen es sich echt einfach.

  • 12
    3
    mops0106
    11.03.2020

    Die mediale Berichterstattung zur Problematik der Grenzverletzungen an der griechischen Grenze und über die Flüchtlingslager sind ganz schön hart.
    Wir bekommen ständig Bilder präsentiert von Kindern, bevorzugt von kleinen Mädchen (Kindchenschema). Viele davon sind lt. der Berichte unbegleitete Minderjährige. Allein sind diese nicht tausende Kilometer unterwegs gewesen. Doch wer hat die Kinder dorthin gebracht? Wahrscheinlich die Eltern? über Schlepper? Dann, auch wenn es hart klingen mag, sollen diese sich um ihre Kinder kümmern.
    Das Einlenken von Deutschland sendet fatale Signale: Schickt eure Kinder vor, dann kommt ihr nach Europa.
    Die katastrophalen Zustände von 2015, an deren Folgen wir immer noch leiden, dürfen sich nie wiederholen. Sie haben unser Land gespalten, die politische Mitte geschwächt und die politischen Ränder gestärkt.
    < Laut der repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für die "Augsburger Allgemeine" (zitiert auch auf mdr.de) lehnen 51 Prozent eine solche Hilfsaktion ab. 39 Prozent befürworten die Hilfe für Kinder. Der Rest ist in der Frage unentschieden.>

  • 11
    3
    KTreppil
    11.03.2020

    Um nicht missverstanden zu werden, grundsätzlich finde ich es richtig, den wirklich bedürftigen und wirklich allein zurückgebliebenen Flüchtlingskindern zu helfen. Aber unbedingt differenziert und von allen europäischen Ländern.

  • 12
    3
    Interessierte
    11.03.2020

    Da sind aber viele groß gewachsene Kinder dabei …
    Und die ganz kleinen Kinder , wissen die denn , wo die her kommen und wo deren Eltern wohnen , wenn die wieder einmal zurück gehen sollen ?
    Da wissen die großen Kinder und auch Jugendliche manchmal schon nicht einmal mehr , aus welchen "Land" die kommen ...

  • 11
    4
    KTreppil
    11.03.2020

    Mag sein, dass man was die Rentnerin betrifft, nicht alles dazu weiß, dennoch ist es falsch was da läuft. Es kann nicht sein, dass das Ersparte erst drauf gehen muss. Ist der Familie bestimmt nicht in den Schoß gefallen oder im Lotto gewonnen worden. Sollte keiner Diskussion bedürfen, dass nicht sein kann, dass im reichen Deutschland die Rente nicht zum vernünftigen Leben reicht. Diese "Baustellen" sollten oberste Priorität bekommen, schließlich haben die heutigen Rentner ihren Beitrag geleistet, dass Deutschland das ist was es heute ist. U.a. eben auch das erstrebenswerte Ziel der meisten Flüchtlinge.
    Welche Beweggründe die Flüchtlinge haben, wissen wir auch nicht. Ob nun wirklich vor Krieg, Bomben und Zerstörung oder einfach nur für ein vermeintlich besseres Leben in Europa, bevorzugt Deutschland. ..? Ob die Kinder wirklich allein sind? Ob die Jugendlichen (meistens männlich) wirklich noch 17 sind? Auch da gibts kaum differenzierte Infos, nur herzzerreißende Bilder bedauernswerter Kinder...

  • 5
    4
    thelittlegreen
    11.03.2020

    @vonVorn:
    Ihr Verweis auf den Rentenartikel ist nicht wirklich hilfreich, da der Artikel nicht genug differenziert oder in die Tiefe geht. Vielleicht ist die gefühlte "Armut" selbstgemacht, die 20 (?) Jahre Selbständigkeit eher Liebhaberei als gewinnbringend ? Wir wissen es nicht. Und wenn Geld, anstatt in eine Rente, auf die hihe Kante gelegt wurde - dann wird es jetzt zielgerichtet aufgezehrt - als wenn es Rente wäre.
    Wie gesagt, es fehlen sehr viele Informationen zur wirklichen Einschätzung des Rentnerpaares. Den Artikel so wie er ist gelesen ... ich kann das Jammern nicht nachvollziehen.

  • 16
    4
    Freigeist14
    10.03.2020

    Wenn man mit geschlossenen Augen in die Syrien-Kiste reingreift , erfasst man wohl nur den Russland und den Iran . Die anderen Akteure Saudi-Arabien .,die Vereinigten Emirate , die USA oder Frankreich sind mit der rosa Brille fein raus .

  • 11
    4
    vonVorn
    10.03.2020

    @DS91, geht es auch ohne solch dusslichen Unterstellungen? Ich spiele nicht arme gegen ärmere aus, sondern weise darauf hin was für eine Armut es auch hier gibt, nochmal danke für den Artikel FP. Bevor Sie solchen Quatsch erzählen sollten Sie mal gut über die Äußerung von Zahlemann nachdenken.
    @Freigeist14, https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article154744287/Der-Staat-darf-nicht-barmherzig-sein-aber-gerecht.html Warum wird dann dieses angebliche Mindestmass meist von Deutschland erwartet?

  • 13
    2
    acals
    10.03.2020

    @Tauchsieder: Ja, und wir duerfen auch die Befreier Syriens vom Terrorismus = Iran und Russland in diese Betrachtung einbeziehen. Beide Staaten agieren ja, weil sie sagen "Wir wollen nur Euer Bestes." Spoetter behaupten, das beide Staaten das auch bekommen ...

  • 4
    12
    Glücksritter
    10.03.2020

    @Tauchsieder... Weil sie dann durch Israel müssten und da ist eine Bootsfahrt ungefährlicher

  • 30
    5
    Tauchsieder
    10.03.2020

    Eine Frage bleibt hier immer unbeantwortet - Warum werden die nicht von Saudi-Arabien, und den Oelstaaten auf der arab. Halbinsel aufgenommen, ihren Brüdern und Schwestern. Nicht so weit, gleicher Kulturkreis, Geld ohne Ende usw. ?

  • 9
    20
    Freigeist14
    10.03.2020

    Kinder aufzunehmen ist das Mindestmaß an Menschlichkeit und Empathie . Erst helfen - dann kann man diskutieren .

  • 23
    6
    ralf66
    10.03.2020

    @DS91, es ändert sich auch nichts wenn man nur die Flüchtlinge aufnimmt, eine Hilfsaktion nach der anderen startet, seit 2011 ist Bürgerkrieg in Syrien mit ausländischer Unterstützung, Waffenlieferungen und Finanzierung hauen die sich dort die Köpfe ein und produzieren somit ihr eigenes Elend ihren totalen Niedergang und dafür kann man kein dauerhaftes Verständnis haben.
    Die gesamte Flüchtlingspolitik ist bis jetzt so ziemlich gescheitert, weil man das Hauptziel den Frieden in den Krisenregionen der Welt zu schaffen nicht erreicht, diese Staaten auf Grund von Korruption, Bürgerkrieg, Misswirtschaft und Desorganisation nicht in der Lage sind sich allgemein ordentlich zu entwickeln, die spielen lieber Krieg, fechten Stammes- und Glaubenskonflikte aus, teilweise angefacht von ausländischen Staaten, die sich in bestimmten Regionen auch wirtschaftlichen Gewinn versprechen. Dann werden solche Bilder wie hier zum Artikel in der Zeitung abgebildet, dass ist aber nur das Ergebnis des Problems nicht die Ursache.

  • 25
    6
    Zahlemann
    10.03.2020

    Im TV bekommen wir Bilder von 4-10 jährigen Kindern zu sehen.
    Wie kommen diese jungen Menschen von ganz allein bis nach Griechenland?

  • 24
    8
    Tauchsieder
    10.03.2020

    Wenn hier jemand was ausspielt ist es die Presse mit solchen Bildern "DS..". Man versucht damit Stimmung zu machen.

  • 12
    19
    DS91
    09.03.2020

    @vonVorn

    Spielen Sie jetzt ernsthaft Arme gegen ärmere aus? !!

    Wie wäre es mal zu schauen wo Milliarden an Steuereinnahmen verschwinden? Großverdiener, Konzerne... die fast keine Steuern zahlen... da trauen Sie sich nix zu sagen?

    Ärme gegen Arme ausspielen...

  • 32
    19
    vonVorn
    09.03.2020

    https://www.freiepresse.de/erzgebirge/marienberg/wenn-die-rente-nicht-reicht-100-euro-bleiben-zum-leben-artikel10745550
    Man will die ganze Welt retten, nur Verantwortung für die die hier geboren sind übernimmt unsere Politik nicht!