Die DDR im Westmuseum

Ein früherer französischer Militärkindergarten in einer Industriestadt bei Stuttgart beherbergt das einzige DDR-Museum in Westdeutschland. Es ist ein Ort des Lernens und Erinnerns, wie es selbst im Osten nur wenige gibt.

Immer dann begann die laue DDR zu glühen, wenn es darum ging, sich mit dem Westen zu messen. Wirtschaftlich blieb der SED-Staat über Jahrzehnte abgehängt. Politisch schnürte ihn die Bindung an die Sowjetunion ein. Sozial stand es auch nicht wirklich zum Besten, wenn man auf die Mühen des Alltags oder auf die Lebenserwartung blickt, die niedriger als im Westen lag. Umso mehr richtete sich der Ehrgeiz auf symbolische Felder wie Sport und Kultur, das ideologische Gerüst und den eigenen Platz in der Geschichte. Das bessere Deutschland sollte es sein. Und war am Ende doch das schlechtere.

Wie stellt man so etwas im Museum aus? Wie macht man die vielen Dimensionen der Ost-West-Spaltung den Nachwachsenden bewusst, die, wenn überhaupt, mit der DDR vor allem Langweiliges, Kurioses oder Übergriffiges verbinden - aber keine Erfahrungen und politischen Ideen, die überwunden, aber nicht verschwunden sind?

Dass dies ausgerechnet an einem Ort gelingt, der weit weg vom einstigen DDR-Staatsgebiet liegt und von vielen eigenen Problemen gezeichnet ist - ein kleines Wunder. Pforzheim, am Nordrand des Schwarzwalds zwischen Stuttgart und Karlsruhe gelegen, ist als Schmuckstadt berühmt geworden, seine Glanzzeit aber ist Vergangenheit. Die Villen im Rodviertel zeugen schweigend davon. Das Stadtzentrum gleicht einer schlecht vernarbten Wunde - im Zweiten Weltkrieg gehörte Pforzheim zu den am stärksten durch alliierte Bomben zerstörten deutschen Städten. Eine Parallele zu Dresden, die ins Auge fällt. Zudem sorgen anhaltende Strukturprobleme für Unzufriedenheit und AfD-Wahlerfolge, die in Baden-Württemberg rekordverdächtig sind.

Wie ist ein DDR-Museum hierher gelangt? Der Gründer war ein Sachse: Klaus Knabe, vor achtzig Jahren nahe Dresden geboren, verstorben 2012 in Pforzheim. Knabe (nicht mit Hubertus Knabe verwandt, dem früheren Leiter der Berliner Stasi-Gedenkstätte) hatte mit 22 Jahren die DDR verlassen, drei Wochen vor dem Bau der Berliner Mauer, in Begleitung seiner schwangeren Frau.

Als Arbeiterkind hatte Knabe in der DDR Abitur gemacht und sich freiwillig zur Nationalen Volksarmee gemeldet, die gerade gegründet worden war. Man entließ ihn dort nach einem halben Jahr - kommentarlos. Aufschluss über die Gründe gibt Knabes Stasi-Akte: Er sei religiös veranlagt, habe heimlich in der Bibel gelesen, mit Soldaten theologische Gespräche geführt, Kirchenmusik gehört mit selbst gebastelten Ohrhörern. Einmal denunzierte ihn ein Unteroffizier, dem Knabe eine (West-)Zigarette gegeben hatte. Knabe rauchte nicht.

Mit der Entlassung aus der Armee war Knabe stigmatisiert. Sein Traumberuf, Konstrukteur im Flugzeugbau, war unerreichbar. Ein Onkel, Elektriker, lernte ihn an, aber seine Zukunft sah der junge Mann nicht mehr in diesem Land, das ihn nicht wollte.

Den Tag seiner Flucht 1961 feierte Knabe bis 1990 als privaten "Tag der Befreiung". Als die Mauer fiel, überkam ihn ein Geistesblitz, wie Johann Wachtler erzählt, Historiker im Ruhestand, der als sachkundiger Führer im Museum arbeitet: "Herr Knabe fuhr in den Osten und trug zusammen, was dort fortgeräumt wurde und im Müll zu landen drohte." Erstes Fundstück: ein mannshohes SED-Parteiabzeichen, wie es von außen an den SED-Parteizentralen prangte. "Als er das sah, sagte er, er brauche das für den Kaninchenstall. So durfte er es mitnehmen."

Der Schatz an DDR-Zeitzeugnissen wuchs bis auf mehrere tausend Exponate - eine "Chaos-Sammlung" nach seinen eigenen Worten, die seine Erben als Schenkung einer Stiftung vermachten. Die Stadt Pforzheim hatte in den 1990er-Jahren die Räume eines früheren Kindergartens der französischen Armee bereitgestellt, die nach der Wiedervereinigung und dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag aus Pforzheim abgezogen war. Das Gebäude liegt am Stadtrand, auf dem Buckenberg, etwas versteckt.

Nach Knabes Tod und im Einklang mit dem Willen des Gründers machten sich engagierte Mitarbeiter der Stiftung und des Museumsvereins daran, eine zeitgemäße Präsentation für Besucher zu entwickeln, die nicht mehr unbedingt Zeitzeugen eines geteilten Europas waren und die Ausstellung aus sich heraus verstehen möchten. Nicht möglichst viel, sondern konzentriert, didaktisch reduziert und demokratischen Werten verpflichtet.

Die Stiftungsvorsitzende Birgit Kipfer berichtet, dass unter anderem die Hilfe einer Kulturhistorikerin des DDR-Museums von Los Angeles (USA), Florentine Schmidtmann, in Anspruch genommen wurde, um eine Schau zu schaffen, die Diktatur begreifbar macht. Keine Utensilienparade, kein technischer Klimbim, nicht Nostalgie und keine aufdringliche Kalte-Kriegs-Rhetorik - sondern geschickt platzierte Exponate, pointierte Texte, aufs Wesentliche konzentriert.

Daneben gibt es Lebenszeugnisse von Systemopfern, die nach Ausreise, Flucht oder Ausbürgerung aus der DDR zumeist in Pforzheim gelandet waren und Klaus Knabe im Museum unterstützten. Nur zentimetergroß ein Anstecker von Manfred Witt, den er 1995 dem Museum übergab: Zwei Fäuste in Handschellen, eine Rose hinter Gitterstäben. "Diesen Anstecker fertigte ich in den letzten Monaten meiner Haftzeit 1971-72 in der UHA des MfS (der Stasi-Untersuchungshaftanstalt) in Cottbus an", schreibt Witt im Begleitbrief. "Das Grundmaterial lieferte mir der Messingriegel vom Kastenschloss einer Zellentür." Im Absatz eines Schuhs gelang es Witt, das Abzeichen aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Die Inschrift lautet auf Englisch: "Der Blume das Licht, den Menschen die Freiheit".

"Wir haben natürlich ein politisches Ziel", sagt Birgit Kipfer, die mehr als zwei Jahrzehnte als SPD-Abgeordnete im Baden-Württemberger Landtag saß: "Wir wollen zeigen, dass die Demokratie beschützt werden muss und dass es wieder so kommen kann wie in der DDR, wenn man nicht aufpasst."

Als Birgit Kipfer noch Kind war, erzählt sie, sei es üblich gewesen, in der Weihnachtszeit eine Kerze für die "armen Brüder und Schwestern im Osten" ins Fenster zu stellen. 1988, als medienpolitische Sprecherin ihrer Fraktion, erlebte sie den damaligen, als moderat geltenden Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow, der die SPD-Fraktion des Stuttgarter Landtags besuchte. Nach der Wende engagierte sich Frau Kipfer im Verein "Gegen das Vergessen - Für Demokratie eV", in dem sie Klaus Knabe begegnete. Ehrenvorsitzender des Vereins ist Ex-Bundespräsident Joachim Gauck, der wie viele andere Prominente der DDR-Bürgerrechtsszene das Pforzheimer Museum besucht hat. Einmal saßen sich hier Günter Schabowski und Siegmar Faust debattierend gegenüber - Ex-SED-Politbüromitglied der eine, politischer Häftling der andere.

Autor vieler Texte dieser Ausstellung ist Johann Wachtler, 74 Jahre alt, der den Mannheimer Historiker Hermann Weber seinen akademischen Lehrer nennt, einen der besten DDR-Kenner im Westen. Weber hatte zum kommunistischen Führungsnachwuchs in Westdeutschland gehört und eine SED-Parteischule besucht. Anfang der 1950er-Jahre brach er mit dem Stalinismus, ohne nun die DDR mit Gift und Galle zu überziehen. Vielmehr blieb er um sachliche und angemessenen Analysen bemüht. Das Pforzheimer Museum atmet diesen Geist.

Als Johann Wachtler im Oktober eine Gruppe sozial benachteiligter Menschen durch das Museum führt, die vom Stuttgarter Sozialprojekt Neue Arbeit kommen, bringen ihn die Erinnerungen eines Teilnehmers, der aus Görlitz stammt, keineswegs in Verlegenheit: Im Zwiegespräch werden Details eingeordnet, die Wertungen mit der Gruppe diskutiert. Es war nicht alles schlecht, und es gibt nichts zu beschönigen. Die Besucher sind sehr interessiert, haben aber wenig Zeit. Ein Lernort, nicht nur für junge Leute.

Die kommen natürlich auch ins Pforzheimer DDR-Museum - pro Jahr sind es 70 bis 80 Schulklassen, sagt Birgit Kipfer, allerdings kaum aus der Hauptschule. In den Gymnasien verliere das Thema DDR an Bedeutung; an der Realschule habe einmal ein Prüfungsthema (das Jugendbuch "Weggesperrt" von Grit Poppe) zu gestiegenem Interesse geführt. "Viel hängt vom Lehrer ab. Nicht alle jüngeren Lehrer wissen mit der DDR noch viel anzufangen."

Am Ende des Rundgangs gibt es kleine Karten, die Besucher anregen sollen, ihre Eindrücke kurz zu Papier zu bringen. Auf die Vorlage "In Erinnerung bleibt mir nach dem Museumsbesuch..." hat eine Besucherin oder ein Besucher geschrieben: "...dass das Leben der Menschen in der DDR völlig anders war. Wir müssen sensibler mit dieser Tatsache umgehen."

Das DDR-Museum Pforzheim ist jeden Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Gruppen können Besuche außerhalb dieser Zeit vereinbaren. www.pforzheim-ddr-museum.de

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