Die Geschichte hinter der Geschichte

Der Chef des SPD-Nachwuchses Kevin Kühnert sieht in Chemnitz einen großen Bedarf an Dialog. Am Dienstag hat er soziale und Jugendprojekte besucht.

Chemnitz.

Noch nicht einmal ein Jahr steht der Berliner SPD-Politiker Kevin Kühnert an der Spitze der Jungsozialisten. Seine konsequente Ablehnung der Regierungsbeteiligung seiner Partei nach der Bundestagswahl machte ihn auf einen Schlag bekannt. Vom "Time Magazine" in den USA wurde er im Mai zu einem der "Anführer der nächsten Generation" erkoren. Der 28-Jährige, der vielen Sozialdemokraten als Hoffnungsträger gilt und mit "No GroKo" beinahe Angela Merkel zu Fall gebracht hätte, sah sich am Dienstag in Chemnitz um. "Nach den Ereignissen vor drei Wochen zog ja eine bundespolitische Karawane hier durch", sagte Kühnert. "Ich wollte etwas zeitlichen Abstand und soziale Akteure treffen, um die Geschichte hinter der Geschichte zu verstehen."

Chemnitz sei nach dem Tötungsdelikt und den ersten, von Rechtsradikalen organisierten Demonstrationen in allen Medien "omnipräsent" gewesen, teilweise habe er das als "absurd" empfunden. "Dass man bis zur Bundesregierung hinauf zwei Wochen lang über ein Videoschnipsel diskutiert, quasi das gesamte Ereignis auf eine Sequenz von wenigen Sekunden reduziert, blendet so viele Facetten aus. So wichtig das ist, was da zu sehen war - als Erklärungsansatz reicht das nicht."

Der Juso-Vorsitzende suchte am Dienstag Aufklärung bei Lehrern und Sozialarbeitern, in der Georg-Weerth-Oberschule auf dem Sonnenberg, in Jugendklubs und bei einer Obdachlosenhilfe. Die SPD stellt seit 1993 den Oberbürgermeister in der Stadt, ein Gespräch mit Amtsinhaberin Barbara Ludwig stand auch auf dem Programm. Alles in allem sei Chemnitz eine "ziemlich normale" Stadt, deren Probleme ja nicht mit den Flüchtlingen vom Himmel gefallen seien. Der Besuch der Georg-Weerth-Oberschule habe ihm vor Augen geführt, wie gut unterschiedliche soziale Schichten und Gruppen miteinander auskommen, wenn sie gemeinsam lernen: "Da bildet sich eine Selbstverständlichkeit des Umgangs heraus." In einem Jugendklub hörte Kühnert auch von Problemen, als 2015 "plötzlich die Hälfte der Besucher Geflüchtete waren". Die großen Konflikte der Zeit hätten sich wie unter einem Brennglas gezeigt. Mittel und Planungssicherheit für sozialpädagogische Arbeit seien eine Antwort darauf.

"Es gab ja dieses Motto des Konzerts ,Wir sind mehr'", sagte Kühnert. "Ich glaube aber, die Mehrheit der Leute hält sich eher in einer unsicheren Halbdistanz. Um die geht es mir am allermeisten, von denen ein deutliches Zeichen fehlt." Er habe von diffusen Verunsicherungen gehört, Ängsten vor sozialem Abstieg, vor Verbrechen. "Nur wenige haben das erlebt oder mit eigenen Augen gesehen. Aber in den Filterblasen der modernen Medien bekommt man leicht einen Eindruck, der abweicht von der Realität."

Um dieser "Filterblase" zu entkommen, brauche es Räume, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Im Alltag, möglichst unaufdringlich und niederschwellig - in Schulen, Jugendklubs, Treffpunkten in der Nachbarschaft. In der SPD werde derzeit breit diskutiert, wie man solche Angebote fördern und die Bürokratie zurückfahren könne. Derzeit noch hänge einfach viel zu viel vom häufig ehrenamtlichen Engagement einiger weniger, tüchtiger Leute ab.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...