Deutschland
Die Jugendsünden des NPD-Nachwuchses

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Wie die Zwickauer Zelle zu ihrer wichtigsten Waffe kam, ist weitgehend klar. Ex-NPD-Mann Carsten S. lieferte sie den Terroristen.

Eisenach/Jena. Es war ein illustres Ründchen, das im Juli 2000 in Eisenach zusammenkam, um den Thüringer Landesverband der Jungen Nationaldemokraten (JN) zu gründen. Der damalige Bundesorganisationsleiter der NPD-Jugend, Alexander Delle, leitete die Veranstaltung. Heute sitzt Delle für die NPD im sächsischen Landtag. In zweiter Reihe hinter dem gewählten JN-Landeschef standen damals zwei frisch gekürte Stellvertreter. Einer von ihnen, Patrick Wieschke, ist heute im NPD-Bundesvorstand. Über das Lob, das schnelle Wachsen der JN sei nur dank Unterstützung durch "Thüringer Heimatschutz, den Nationalen Widerstand Jena oder die Kameradschaft Eisenach" möglich gewesen, freute sich Wieschke. Laut einem Verfassungsschutzbericht zur Veranstaltung hob er selbst den "nationalrevolutionären" Charakter der Thüringer JN hervor.

Revolutionär - was der Mann neben Wieschke bei diesem Wort dachte, ist nicht überliefert. Nach seinem jetzigen Geständnis aber steht fest: Zum Zeitpunkt der Wahl zum JN-Landesvize hatte sich Carsten S., damals 19, schon tüchtig für die nationale Sache eingesetzt. Und das nicht nur im "Heimatschutz", jenem Neonazi-Sammelbecken, dem
auch die Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe vorm Abtauchen angehört hatten. Seit Anfang dieses Monats sitzt Carsten S. in U-Haft - als mutmaßlicher
Unterstützer der Terror-Zelle. Man nahm ihn unter dem Verdacht fest, dem Trio zwischen 2001 und 2002 eine Waffe geliefert zu haben. Nach S.' umfänglichen Angaben weiß man nun: Er hat die Waffe früher besorgt, 1999, vor seiner Wahl in den JN-Vorstand. Und es war nicht irgendeine Waffe. S. besorgte die schallgedämmte Ceska 83, mit der die Terroristen ihre Mordserie an neun Migranten begingen.

Waffenübergabe im Abrisshaus Die 2500 Mark für den Kauf der Pistole soll S. vom früheren Jenaer NPD-Funktionär Ralf Wohlleben bekommen haben, der auch in U-Haft sitzt. Carsten S.' Aussagen werfen Licht auf den Weg der Waffe ins damalige Chemnitzer Versteck der Terroristen. Über illegale Quellen in Jena erwarb er die Pistole. Ob die im Januar erfolgten Durchsuchungen bei zwei Betreibern der früheren Jenaer Neonazi-Boutique "Madley" damit zusammenhängen, wollte die Bundesanwaltschaft gestern nicht kommentieren. S. brachte die Waffe nach Chemnitz, nutzte ein Fast- Food-Restaurant als Treffpunkt. In einem nahen Abbruchhaus übergab er die Schalldämpferpistole.

Wie die Ceska zunächst nach Thüringen gelangt war, ist laut Bundesanwaltschaft noch Gegenstand der Ermittlungen. Von dem Spezialmodell mit einem für den Schalldämpfer verlängerten Lauf war nur eine kleine Serie produziert worden. 1993 exportierte der tschechische Hersteller 24 Exemplare in die Schweiz. Bis dorthin hatte die Polizei die Spur der Tatwaffe der bundesweiten Mordserie schon vor Auffliegen der Terrorzelle verfolgen können. 16 der 24 Pistolen machte man ausfindig. Acht beim Export registrierte Seriennummern blieben unauffindbar. Nachdem man die Ceska im November im ausgebrannten Zwickauer Domizil der Terroristen fand, gelang es jedoch, die weggefeilte Seriennummer mittels Ätztechnik wieder sichtbar zu machen. Von da an mussten die Beamten nur noch der Spur einer Ceska folgen: der mit der Nummer 034678. Verdächtiger Schweizer in U-Haft Waffengroßhändler Jan L., der die Pistolen importiert und in der Schweiz veräußert hatte, lieferte der Polizei Verkaufsbelege. Über Zwischenhändler wurde die Ceska an einen
Kunden im Berner Oberland verschickt. Im Januar nahm die Schweizer Polizei, die auf Rechtshilfeersuchen deutscher Behörden ermittelt, den Mann kurzzeitig fest, ließ ihn aber wieder frei. Er konnte glaubhaft machen, die Pistole einem Stammtischfreund übergeben zu haben. Ein solcher Handel von privat zu privat sei damals in der Schweiz auch ohne Formalien legal gewesen, sagt Michael Fichter, Sprecher der Kantonspolizei Bern, auf Anfrage. Vor zwei Wochen nahmen Schweizer Beamte auf dem Züricher Flughafen den  Stammtischfreund des Erstkäufers fest. Gegen ihn soll in Deutschland ein Waffenrechtsverstoß aktenkundig sein. Obwohl dem Mann bisher keine Verbindung zu Rechtsextremisten nachweisbar ist, befindet er sich nach wie vor in U-Haft. Grund: Verdunkelungsgefahr. Wie viele Hände die Waffe zwischen dem Stammtischfreund in der Schweiz und Carsten S. in Jena durchlief, bleibt zu klären. Patrick Wieschke, ehemaliger JN-Vorstandskollege von Carsten S., betont Erstaunen über dessen Geständnis.

"Davon haben wir damals nichts gewusst, auch nicht, dass er Kontakt zu den dreien hatte", sagte Wieschke gestern der "Freien Presse". Mit dem Terror habe er nichts zu tun. Dass er selbst Wochen nach seiner eingangs erwähnten Wahl in den JN-Vorstand laut Gerichtsurteil Beihilfe zu einem Sprengstoffanschlag leistete, bezeichnet er heute als "Jugendsünde". Ziel des Angriffs war ein Dönerstand.

 

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