Die Stimme aus dem Osten - und Boris Pistorius

Petra Köpping und der niedersächsische Innenminister wollen SPD-Bundesvorsitzende werden. Bei ihrer Vorstellung in Leipzig bleiben sie aber vage. Ganz anders agieren da zwei Mitbewerber.

Leipzig.

Petra Köpping hat lange geschwiegen, selbst dann, als das Geraune immer lauter wurde. Jetzt endlich möchte die sächsische Integrationsministerin reden und strahlt. Nach wochenlang anhaltenden Gerüchten, sie könne in das Rennen um den SPD-Bundesvorsitz einsteigen, ist am Freitag durchgesickert, was in Dresden als offenes Geheimnis galt. Köpping und der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius treten als Kandidatengemeinschaft an. "Mensch, daraus kannst Du etwas machen", habe sie beim Anblick der SPD gedacht, sagt Köpping am Sonntag bei einem Pressetermin in einem Leipziger Hotel nonchalant. Das muss fürs erste als Begründung reichen, warum sie den Sprung nach Berlin wagen will.

Beim Termin ist zunächst viel von Köppings Qualitäten die Rede. So viel, dass Pistorius fast ein wenig zu kurz kommt. Man müsse die Chance dieser Kandidatur nutzen, sagt Sachsens SPD-Chef Martin Dulig, der das Tandem Köpping/Pistorius offiziell seiner Partei als Zukunftsmodell empfiehlt. Die Geschichten der Ostdeutschen müssten in der SPD erzählt werden können. Dass er damit nicht den gebürtigen Osnabrücker Pistorius meinen kann, liegt auf der Hand. Dulig spricht immerhin davon, dass sich Pistorius "die Bodenhaftung" aus seiner Zeit als Oberbürgermeister seiner Heimatstadt bewahrt habe. Er sei ein "Sozialdemokrat mit Rang".

Danach geht es viel um Gefühle. Die sächsische Ministerin hat dies in den vergangenen Jahren zu einem ihrer Markenzeichen gemacht. Auch an der Seite von Pistorius spricht Köpping eines ihrer Herzensanliegen an: den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Unter anderem dieses Thema möchte das Duo in den Mittelpunkt rücken, denn die SPD sei "die einzige Partei, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt wieder herstellen kann", sagt Köpping. Die Kluft zwischen Jung und Alt, Stadt und Land müsse geschlossen werden. Und: "Ich möchte eine starke Stimme aus dem Osten sein. Es wird viel zu sehr in der gesamtdeutschen Politik unterschätzt, wie der Osten sich einbringen kann in die gesamtdeutsche Republik."

Das Duo will den Bürgern die Zukunftsangst nehmen: "Die Menschen haben ein Bedürfnis, sicher und gut zu leben", sagt Pistorius, als er endlich dran ist. Die SPD müsse sich um Zukunftsfragen wie Klimaschutz, Digitalisierung, Altersarmut und Wohnungsnot wieder kümmern. Die SPD müsse der "Manager dieses Wandels" werden, aber nicht einfache Lösungen versprechen.

Wirklich konkret umreißen Köpping und Pistorius nicht, was sie mit der SPD vorhaben. Weder zur Frage, ob die Sozialdemokraten aus der großen Koalition aussteigen sollten, noch zur eigene politischen Verortung beziehen sie Position: "Ich habe keine Lust auf Links-Rechts-Diskussionen", sagt Pistorius. Er selbst habe Schwierigkeiten, sich links oder rechts zu verorten.

Ganz anders war das einen Tag zuvor, als sich die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange und ihr Amtskollege aus Bautzen, Alexander Ahrens, ebenfalls in Leipzig vorstellten. Beide präsentierten dezidiert linke Ideen, mit denen sie die SPD wieder auf Höhen um die 40 Prozent führen wollen. Man brauche eine "am Gemeinwohl orientierte Wirtschaft", machte Lange da deutlich. Die SPD müsse beispielsweise über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren. "Wirtschaft muss sich am Menschen orientieren und nicht am Profit", sagte Lange. Auch gerade den kleinen SPD-Landesverbänden möchten Ahrens und sie mehr Gewicht verleihen. Künftig soll jeder Landesverband mindestens 25 Delegierte für einen Bundesparteitag stellen. 200 weitere Delegiertenplätze sollen dann noch über einen "Mitgliederschlüssel" anhand der Mitgliederstärke verteilt werden. Und, ach ja: Die SPD müsse die "GroKo" natürlich so schnell wie möglich verlassen.

Bislang haben Lange und Ahrens die Voraussetzungen für eine Bewerbung noch nicht erfüllt. Jeder Bewerber und jedes Bewerber-Duo benötigt schließlich die formale Unterstützung von fünf SPD-Unterbezirken, eines Bezirks oder eines Landesverbands. Dass der Landesverband ein Herz für die Kombination Lange/Ahrens hat, ist Wunschdenken. Die Favoriten der sächsischen SPD sind ganz klar Köpping und Pistorius. Man werde Ende der Woche die beiden nominieren, sagt Dulig. Auch andere ostdeutsche Landesverbände haben dem Vernehmen nach Köpping und Pistorius ihre Unterstützung zugesagt.

Vielleicht meinte ihr Konkurrent Ahrens diesen Umstand, als er sich und seine Co-Kandidatin so umschrieb: "Wir sind nicht nur Außenseiter, sondern eher so etwas wie Dissidenten."


Diese Kandidaten wollen SPD-Vorsitzende werden 

Neben Petra Köpping (61) und Boris Pistorius (59) sowie Simone Lange (42) und Alexander Ahrens (53) bewerben sich vier weitere Teams um den SPD-Bundesvorsitz. Als erstes hatte sich die ehemalige nordrhein-westfälische Familienministerin, Christina Kampmann (39), gemeinsam mit dem Europa-Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth (48), gemeldet. Anschließend machten der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (56) und die Umweltpolitikerin Nina Scheer (47) ihre Ambitionen öffentlich. Die Umweltpolitikerin im Bundestag ist Tochter des 2010 verstorbene SPD-Politikers Hermann Scheer. Sowohl Scheer als auch Lauterbach sind Bundestagsabgeordnete.

Auch die Politologin und einstige Präsidentschaftskandidatin, Gesine Schwan (76), tritt an. Sie bewirbt sich gemeinsam mit dem SPD-Landtagsfraktionschef von Schleswig-Holstein und Bundes-Vize, Ralf Stegner (59). Die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis (64) kündigte am Sonntagnachmittag auf Twitter an, dass sie gemeinsam mit dem Chefökonom der Dienstleistungsgewerkschaft Dierk Hirschel (48) den Bundesvorsitz anstrebe.

Eine Partnerin sucht dagegen noch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (61). Als Einzelkandidaten bewerben sich der Vizepräsident des SPD-Wirtschaftsforums, der Unternehmer Robert Maier (39), und der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Hans Wallow (79). (ape/kok)

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