Die Treuhand - Augen zu und durch

In die Erinnerung an die Treuhandanstalt mischen sich zunehmend kritische Untertöne. Die damalige Chefin äußert sich jetzt in einer TV-Dokumentation. Birgit Breuel sieht nicht, was man im Großen hätte anders machen können. Eine vergebene Chance.

Chemnitz.

Vergangenheit ist nicht veränderbar. Vergossene Milch. Aber Fehler der Vergangenheit, die wirken weiter: unbewältigte Kränkungen, Demütigungen, Ungerechtigkeiten. Man kann sie ignorieren, unterdrücken, mit Häme und Spott überziehen ("Jammerossis"); unschädlich macht sie das nicht.

Die Nachwendeerfahrungen der Ostdeutschen sind zu einem Faktor geworden, der den politischen Alltag hierzulande mit aus den Angeln hebt. 8000 Volkseigene Betriebe mit vier Millionen Beschäftigten wurden abgewickelt, Berufsbiografien entwertet, Lebensläufe geknickt. Drei Millionen Industriearbeitsplätze verschwanden. Die Gesellschaft war desorientiert. Geburtenzahlen brachen ein, junge und potente Menschen gingen zu Hunderttausenden weg. Die Infrastruktur wurde passendgeschrumpft.

Die das Glück hatten, in einem der erhaltenen oder wiedergegründeten Betriebe ein Auskommen zu finden oder zu behalten, bildeten die Generation der "Arbeitsspartaner", die der Soziologe Michael Behr beschrieb: Für die Sicherheit des Arbeitsplatzes nahmen sie beinahe jeden Kompromiss in Kauf - und hielten den Mund. Bis zur Rente. Öffentlich fühlten sie sich kaum repräsentiert, aber zu fortwährender Dankbarkeit verpflichtet. Am Ende sah die deutsche Einheit wie ein Geschenk des Westens an den Osten aus. "Meine Freunde aus Prag sagten: Wir ändern uns, ihr seid geändert worden",so der letzte DDR-Ministerpräsident, Lothar de Maizière.

Heute legen Wahlanalysen nahe, dass der Unmut unter den ökonomisch Abgehängten und politisch Ausgeschlossenen zur Wirkkraft geworden ist - so wie die Unzufriedenheit derer, die das Gefühl haben, trotz persönlicher Erfolge nur Bürger zweiter Klasse im eigenen Land zu sein. "Es war ein zentraler Fehler, dass westdeutsch geprägte Eliten und Intellektuelle sowie viele ostdeutsche Nachwendepolitiker sich dreißig Jahre faktisch geweigert haben, diese Konfliktlinie zu bearbeiten", schrieb die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping, die zur Impulsgeberin der Debatte um die Abwicklung der DDR-Wirtschaft wurde. Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre, der sich mit der Rechtsorientierung ostdeutscher Arbeiter beschäftigt, sagt: "Ein gut verdienender ostdeutscher Ingenieur mag sich nach fast 30 Jahren deutscher Einheit fragen, warum er immer noch weniger als im Westen verdient."

Ein Grundstein dieser unbewältigten Konflikte wurde 1990 gelegt - mit der Entscheidung über die Art und Weise, wie die DDR-Volkswirtschaft abzuwickeln sei. Mochten vom Bundeskanzleramt und der Bonner Regierung die Weichen gestellt worden sein - ihr Instrument, die Treuhandanstalt, wurde zum traurigen Symbol eines sehr unstimmig verlaufenen Prozesses.

"Ich bin heute noch überzeugt, dass es keinen einfacheren, weniger schmerzhaften Weg für den Umbau der Wirtschaft gab", sagte Birgit Breuel, die ehemalige Präsidentin der Treuhandanstalt, in einem Interview mit der "Freien Presse" kurz vor der Jahrtausendwende. Weitere zwanzig Jahre später ist es nun einem Fernsehteam im Auftrag des MDR und Artes gelungen, die eher kamerascheue, inzwischen 81-jährige Breuel zu einem erneuten Rückblick zu bewegen - aus Sicht der Sender eine kleine Sensation. Der Film wird ab Juli mehrere Male im Fernsehen ausgestrahlt; am 4. Juli war er beim Kosmos-Festival in Chemnitz zu sehen. Bereits Ende Juni lief die Dokumentation als Vorpremiere in Leipzig.

"Die Frage ist, wie sind wir mit den Ostdeutschen umgegangen?" sagt in diesem Film Johannes Ludewig, einst Koordinator für die neuen Bundesländer im Bundeskanzleramt von Helmut Kohl: "Ich habe mich geschämt. Sehr oft." Und Treuhandchefin Breuel: "Wir haben den Menschen sehr viel zugemutet. Wir hatten keine Zeit, uns mit den Lebensbiografien zu beschäftigen. Ich war die Hassfigur im ganzen Land."

Birgit Breuel wurde 1937 in eine Hamburger Bankiersfamilie hineingeboren. Sie ist gelernte Einzelhandelskauffrau; ein Politikstudium in Hamburg, Oxford und Genf hat sie nicht abgeschlossen. Seit Anfang der 1970er-Jahre politisch aktiv, empfahl sie sich in den 1980er-Jahren für marktradikale Pionierarbeit. Als Wirtschafts- und Finanzministerin einer CDU-geführten Regierung in Niedersachsen machte sie mit Kampagnen zur "Entstaatlichung und Entbürokratisierung" der Wirtschaft von sich reden.

Das entsprach dem Zeitgeist, der tief sitzenden Marktgläubigkeit der Reagan- und der Thatcherjahre in den USA und Großbritannien - vorbereitet und unterfüttert an den Universitäten, in den Wirtschaftslobbys und "Think Tanks" von Chicago bis Freiburg. Subventionen verzerren die Konkurrenz, Steuern drücken die Produktivität, Regulierungen behindern den freien Wettbewerb, so lauteten die Glaubenssätze. Der Staat wurde eher als Problem denn als Lösung aufgefasst.

Gerhard Schröders Wahlsieg in Niedersachsen beendete 1990 die Ministerinnenkarriere Breuels. Sie wechselte zur Treuhand, wo Manager und SPD-Mitglied Detlev Karsten Rohwedder seit August 1990 die Geschäfte führte. Rohwedder begrüßte Breuel, wie sie der "Freien Presse" erzählte, mit den Worten: "Im Keller liegen irgendwo drei Säcke Post, die wohl Ihren Bereich betreffen. Ansonsten haben Sie keinen Mitarbeiter, kein Büro, kein Telefon und kein Konzept." Die ersten Besprechungen habe sie auf dem Fußboden sitzend abgehalten. Als der Generalbevollmächtigte Norman von Scherpenberg sie anfangs fragte, was er machen solle, da antwortete ihm Breuel: "Das müssen Sie selber herausfinden!"

Die Treuhandzentrale im Gebäude des früheren NS-Reichsluftfahrtministeriums, heute Bundesfinanzministerium, war ein "Haus voller Leben", erinnert sich Breuel im Film. "Eine unglaubliche Atmosphäre: aufgewühlt, verzweifelt, hoffnungsvoll, alles zusammen. Wir suchten Mitarbeiter - Headhunter brachten jede Stunde neue Kandidaten. Wer mir gefiel, musste bleiben, bekam eine Zahnbürste und wurde ins nächste Hotel geschickt."

Am Ostermontag 1991, kurz vor Mitternacht, fielen Schüsse in Düsseldorf. In seinem Wohnhaus wurde Detlev Rohwedder ermordet, mit einem Sturmgewehr belgischen Fabrikats aus siebzig Metern Entfernung, von einer Gartenanlage aus durch ein Wohnungsfenster. Zu dem Attentat bekannte sich die linksextreme Terrorgruppe RAF; der Schütze wurde nie ermittelt.

Nach dem Mord an Rohwedder folgte Breuel ihm ins Amt und setzte ihre Agenda durch. Hatte Rohwedder eher als Sanierer gegolten, mit dem Breuel sich nach eigener Aussage manchmal stritt "wie ein Kesselflicker", setzte sie ihr Vertrauen voll in den Markt. Der Historiker Marcus Böick, der 2018 eine Monografie zur Treuhandanstalt veröffentlicht hat, spricht von einem "Privatisierungswettstreit zwischen den Direktoraten" - einem Sturm der Deindustrialisierung, der über Ostdeutschland hinwegfegte und in seinen Ausmaßen von der Öffentlichkeit erst spät wahrgenommen worden sei. "Einige Niederlassungsleiter wollten erst sanieren, dann privatisieren", berichtet im Film der Bevollmächtigte von Scherpenberg. "Aber dazu hatten wir kein Personal."

Birgit Breuel habe geduldig zugehört, wenn ihr etwas erklärt wurde, so Scherpenberg. Sie sei aber ungeduldig geworden, wenn sie etwas schon wusste. Dann habe sie ein Schild auf ihrem Schreibtisch umgedreht, auf dem stand: "Wie es nicht geht, weiß ich selber!" Die Regierung in Bonn habe anfangs gar nicht verstanden, was sie da gemacht hätten, wundert sich Breuel im Film: "Ganz eigenartig war das."

Die Halbzeitbilanz der Treuhand fiel verheerend aus: Niedergang allerorten, kaum Zeichen der Hoffnung. Die Politik schwenkte in den Jahren 1992/93 um, richtete die Anstalt auf den Erhalt industrieller Kerne aus. Jena mit Jenoptik wurde zum Symbol einer gelungenen, staatlich geförderten Industriepolitik. Korruptionsvorwürfe, die nie vollständig aufgeklärt wurden, überschatteten das deutsch-französische Prestigeprojekt Leuna.

Ostdeutsche Mitarbeiter gab es bei der Treuhand nur auf unteren Ebenen, berichtet einer von ihnen, Norbert Thiele, im Film. "Die Westdeutschen brachten ihre eigenen Netzwerke mit." Aus dem Westen kamen vor allem Ältere, die ihre Aufgabe als eine Art gesellschaftlicher Verpflichtung begriffen, und sehr junge, die sich ihre Sporen verdienen wollten. Die mittlere Ebene fehlte fast ganz. "Kohl fragte dann bei den Unternehmen an und bat um Manager", berichtet Breuel im Film. "Das Ergebnis war durchwachsen. Manche Leihmanager waren wirklich super, aber dann gab es andere, die die Unternehmen vermutlich nur loswerden wollten."

Für den postsozialistischen Wirtschaftsumbau gab es zwar Theorien, aber kein Modell. Der Einigungsvertrag sah eine Beteiligung der Ostdeutschen am Volksvermögen vor. Der renommierte Ökonom Hans-Werner Sinn, der das Geschehen 1991 in einem mit seiner Frau Gerlinde verfassten Buch ("Kaltstart") kommentierte, warnte davor, den gesamten Kapitalstock der DDR-Volkswirtschaft auf einen Schlag zu veräußern, weil das zu Ramschpreisen führen musste. In seiner Autobiografie "Auf der Suche nach der Wahrheit" schreibt Sinn: "Das immer wieder vorgebrachte Argument, die DDR-Betriebe seien Schrott gewesen und deshalb sei da nichts zu verteilen gewesen, geht am Auftrag des Einigungsvertrages vorbei, denn die Frage der Werthaltigkeit stellt sich bei einer Verteilung von Anteilsrechten gar nicht."

So wurden Grundstücksflächen und Wohnimmobilien zu Spottpreisen an Großinvestoren verkauft, zu Lasten der Menschen in Ostdeutschland. Bereits fünf Jahre nach dem Umbruch, schreibt Sinn, sei die Angleichung der Wirtschaftskraft in Ost und West ins Stocken geraten.

"Wir respektieren Ihre Entscheidung. Wir bevormunden Sie nicht", so hatte es der Einheitskanzler Helmut Kohl den Ostdeutschen 1989 vor der Dresdner Frauenkirche versprochen. Gab es für Birgit Breuel und die Treuhandanstalt wirklich keinen Weg, den Geist dieser Worte mit Leben zu erfüllen?


Der Film: "D-Mark, Einheit, Vaterland - Das schwierige Erbe der Treuhand" 

Gesicht der Treuhand. Birgit Breuel, die Präsidentin der Treuhandanstalt von 1991 bis 1994, hat die Privatisierung und Stilllegung tausender Unternehmen in der früheren DDR vorangetrieben. "Wir waren die bestgehasste Institution in den neuen Bundesländern", sagte sie 1999 in einem "Freie Presse"-Interview. Vor der Kamera hat sie sich dazu über Jahrzehnte nicht ausführlich geäußert. Die Filmemacher Inge Kloepfer und Jobst Knigge haben für eine neue Dokumentation mit Birgit Breuel, inzwischen 81 Jahre alt, gesprochen.

Später Blick zurück. Breuel sei an dem Film interessiert, aber nicht sofort bereit gewesen, berichtete Inge Kloepfer zur Vorpremiere des Films Ende Juni in Leipzig. "Sie hatte dieses Kapitel für sich wohl abgeschlossen, jahrelang nicht mehr darüber nachgedacht. Ich hatte den Eindruck, es war ihr wirkliches Bemühen, damals das Beste aus Situation zu machen. Das ist ihre innere Überzeugung, dazu steht sie."

Gab es Alternativen? Es sind Chancen vertan worden, glaubt die Filmemacherin Inge Kloepfer, die als Wirtschaftsjournalistin unter anderem bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gearbeitet hat. "Im Westen herrschte so eine Meinung über die DDR: Alles war Schrott. Aber worüber reden wir - über Bestandsgrößen oder Ertragschancen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es keine Möglichkeit gegeben hätte, die Ostdeutschen zu beteiligen. Es stand ja sogar im Einigungsvertrag, Artikel 25, dass die Ostdeutschen verbriefte Anteile an ihrem Vermögen erhalten sollten."

Westdeutsche Interessen. Der Dokumentarfilm konzentriert sich auf den inneren Zirkel der Macht in der Treuhandanstalt, blendet andere Themen aus. "Die Gewerkschaften mit ihrer Politik der raschen Lohnangleichung hatten einen Anteil daran, dass Ostbetriebe nicht wettbewerbsfähig waren. Man hätte sie mit Investitionen in kapitalintensivere Produktion heranführen können", so Kloepfer. "Der Westen hatte freie Kapazitäten. Da fehlte wohl an einem wirtschaftlich starken Osten das Interesse."

Ausstrahlung. Die Dokumentation "D-Mark, Einheit, Vaterland. Das schwierige Erbe der Treuhand" läuft am 23. Juli auf Arte (22.05 Uhr), am 19. August im Ersten (22.45 Uhr) sowie am 10. September im MDR-Fernsehen (22.05 Uhr). (ros)

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 4 Bewertungen
5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 14
    0
    ASS
    22.07.2019

    Offiziell war die Treuhand eine Anstalt mit der Aufgabe die Volkseigenen Betriebe der DDR nach den Grundsätzen der Sozialen Marktwirtschaft privatisieren.
    Leider hat es nicht so gut geklappt. Viele Betriebe wurden geschlossen. Einige wenige Betriebe haben die Stürme der Wende überlebt. Es gab aber auch viele Ungereimtheiten. Und wir mussten schmerzvoll erkennen, dass es keine soziale Marktwirtschaft gibt. Im Kapitalismus geht es ums Geld und nicht um den Menschen. Es gab und gibt Ausnahmen. Diese Ausnahmen bestätigen jedoch diese Regel.

  • 7
    1
    Freigeist14
    22.07.2019

    Mag ja sein.Aber die Verbindungen Pfalz- CDU und Medien-Union Milliardär Herrn Schaub können Sie auch nicht leugnen ;) Eine Bedingung war auch, die Druckereien in Chemnitz u.Zwickau zu übernehmen u.tu erhalten. Hoffentlich bleibt es für Westernann Druck Zwickau in der Zukunft so !

  • 10
    2
    Moderator
    22.07.2019

    Die Umstände des Verkaufs haben wir in einer Beilage zum 70-jährigen Bestehen der Freien Presse thematisiert: https://www.freiepresse.de/SACHSEN/thema-70-jahre-freie-presse/Verkauf-der-Freien-Presse-Unter-einer-Bedingung-artikel9517373.php

  • 15
    2
    Freigeist14
    22.07.2019

    Birgit Breuel stammt aus dem gleichen niedersächsischen Machtzirkel wie auch Ursula v.d.Leyen.Selbstreflexion oder gar Kritik kommen in diesen Lebensentwürfen nicht vor.

  • 14
    2
    fschindl
    22.07.2019

    da hält sich die Freie Presse aber recht vornehm zurück..verwunderlich, wurde sie doch als grösste ostdeutsche Tageszeitung damals von Kohl an der Treuhand vorbei verschachert...



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