Ein trauriges Jahr für die Pressefreiheit

Die Zahl der getöteten Journalisten weltweit hat einen neuen Höchstwert erreicht. In einem Teil der Welt bleibt die freie Berichterstattung weiter lebensgefährlich.

Chemnitz/Berlin.

Drei Journalisten aus Spanien sind in der syrischen Stadt Aleppo im Juli 2015 von Kämpfern der Al-Nusra-Front, einer Terrortruppe des Al-Kaida-Netzes, festgesetzt und verschleppt worden. Den syrischen Mitarbeiter des Trios ließen die Soldaten laufen, das Schicksal der Spanier ist ungewiss. Schon seit 2012 hat der Islamische Staat (IS) den britischen Journalisten John Cantlie in seiner Gewalt, den sie aus einem Taxi, das ihn zur Landesgrenze bringen sollte, entführt hatten - gemeinsam mit James Foley, einem Journalisten aus den USA. Die Enthauptung Foleys vor laufender Kamera schockierte 2014 die Welt. In seiner Propagandazeitschrift "Dabik" veröffentlichte der IS vor einigen Wochen einen Artikel über die Terrorwelle von Paris, gezeichnet mit John Cantlies Namen.

2015 war kein gutes Jahr für die Pressefreiheit weltweit. Die Zahl der getöteten Journalisten, die von der Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) ermittelt wird, liegt dreimal so hoch wie um das Jahr 2000 herum. Die Welt ist unsicherer geworden, nicht nur in Kriegsgebieten. EU-Partnerländer wie Polen oder Ungarn fahren gegenüber regierungskritischen Berichterstattern einen harten Kurs. Zurzeit versucht die Regierung in Warschau, das öffentlich-rechtliche Fernsehen unter staatliche Kontrolle zu zwingen. Die Terroranschläge von Paris haben Frankreich, was den Blutzoll unter Journalisten betrifft, in eine Reihe mit den Orten der Finsternis in Syrien oder im Jemen gerückt.

Fast zwei Drittel der Todesfälle in diesem Jahr registrierte ROG außerhalb der Kriegsgebiete. In Paris starben beim Überfall auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo" im Januar acht Journalisten. Weltweit wurden dieses Jahr 110 Reporter getötet. In 67 Fällen ließ sich der Nachweis führen, dass die Tötungsabsicht direkt mit der Berufsausübung zusammenhing. Neben den Hauptberuflichen haben auch 25 Bürgerjournalisten und sieben Medienmitarbeiter ihr Leben verloren. Es ist davon auszugehen, dass es auf der Erde weiße Flecken gibt, von denen keine oder nur zufällige Nachrichten die Öffentlichkeit erreichen, weil eine Berichterstattung zu gefährlich wäre.

Das größte Risiko für Journalisten besteht laut ROG derzeit im Irak und in Syrien. Das ist verheerend, weil die dortige Situation zum einen humanitäre Katastrophen zur Folge hat, über die der Westen zu wenig erfährt, zum anderen aber die Innen- und Sicherheitspolitik in Europa erheblich beeinflusst, ohne dass die breite Öffentlichkeit sich ein klares Bild machen könnte. In Syrien und im Irak starben dieses Jahr je neun Journalisten. In der Gewalt von Geiselnehmern befinden sich derzeit 54 hauptberufliche Berichterstatter im arabischen Raum - um ein Drittel mehr als Ende 2014. Auf das Konto des Islamischen Staates gehen 18 Fälle. Neun betreffen die jemenitischen Huthi-Rebellen, vier die syrische Al-Nusra-Front. Bei 95 Prozent der entführten Journalisten handelt es sich um Einheimische aus den jeweiligen Ländern, die oft auch Europas Medien mit ihrem Material versorgen. Fünf Prozent der momentan Entführten sind ausländische Reporter, wie die eingangs Genannten.

Der Verein Reporter ohne Grenzen bemüht sich seit der Gründung 1985, auf Gefährdungen der Pressefreiheit aufmerksam zu machen und bedrohten Journalisten aktiv zu helfen. Die deutsche Sektion wurde 1994 gegründet, nachdem Egon Scotland, ein Reporter der "Süddeutschen Zeitung", während des Kroatienkriegs in seinem als Pressefahrzeug gekennzeichneten Auto von Scharfschützen getötet worden war. Jedes Jahr im Mai veröffentlicht ROG eine Rangliste der Pressefreiheit, die auf Umfragen zu Gefahren für den freien Journalismus beruht.

Länder wie China, Ägypten, Iran und Eritrea gelten seit Jahren als besonders repressiv. Von den derzeit weltweit 153 inhaftierten Journalisten sitzen die meisten in China im Gefängnis. Die meisten Neuinhaftierungen allerdings gab es in der Türkei - deutlicher Beleg, dass die staatliche Repression dort zunimmt.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    1
    vitaminC
    31.12.2015

    Was für eine Pressefreiheit in Deutschland gibt es denn noch? Insofern haben sie Recht Herr Schilder ein rabenschwarzes Jahr für die Pressefreiheit in Deutschland. Sogenannte Journalisten folgen der Regierung wie Lemminge und malen sich die wie es ihnen gefällt wie Pippi Langstrumpf.

  • 4
    3
    Soundnichtanders
    30.12.2015

    Polen legt im Pressegesetz fest, was in Deutschland längst gelebt wird!

  • 8
    3
    voigtsberger
    30.12.2015

    Wie wird denn Pressefreiheit in unseren Land gelebt, mit der Gleichschaltung von Politik und Medien, wie zu DDR-Zeiten und das verteufeln von Kritik und Kritikern, mit verbreiten von Halbwahrheiten und das herunterspielen, mit beschönigen von negativen Tatsachen und der Realität, um als Journalist ja nicht anzuecken und um keinen Karriereknick zu bekommen. Also lieber mit der Masse schwimmen und sich als "Lügenpresse" betiteln lassen, als "Flagge zu zeigen" und einen "Ar....h in der Hose zu haben"!



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