Einmal Prag und zurück

Herbst 1989: Vor 30 Jahren wurde die bundesdeutsche Botschaft in Prag zum Flüchtlingslager für DDR-Bürger. Christian Bürger aus Karl-Marx-Stadt erlebte als Sprecher der Ausreisewilligen, wie sich die Lage über Monate zuspitzte und wie schließlich auf einem Balkon Geschichte geschrieben wurde. Heute lebt er wieder in Chemnitz - und hat eine Mission.

Chemnitz/Prag.

Die Szene dauert nur eine halbe Minute: Ein Mann steht in olivgrüner Kutte hinter einem Zaun aus massivem Stahl, der ARD-Korrespondent stellt ihn anonym als "einen der Lagerleiter" vor. Der Mann wirkt müde, aber er formuliert ruhig und klar. "Wir haben jetzt einen Personenstand von 1300 Menschen hier im Lager", sagt er. Die Leute seien nicht einverstanden mit dem Angebot, das der DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel im Auftrag der SED-Regierung unterbreitet hatte. Die Absage an Ost-Berlin kommt von Christian Bürger. Millionen werden ihn an diesem Abend in der "Tagesschau" sehen.

Es ist der 27. September 1989, die Situation im Zeltlager am Palais Lobkowitz ist angespannt. Immer mehr DDR-Bürger sind in die bundesdeutsche Botschaft in Prag geflüchtet, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen, Anwalt Vogel hat ein weiteres Mal erfolglos versucht, die Menschen zum Aufgeben zu bewegen. Doch nur wenige entschließen sich, auf das vage Angebot einzugehen, ihre Ausreiseanträge würden von den Behörden in der DDR "wohlwollend geprüft". Die Sekunden am Zaun - sie sind nahezu das einzige Bilddokument, das Christian Bürger aus den dramatischsten Tagen seines Lebens geblieben ist.

Christian Bürger stammt aus Chemnitz. Hier steht er 30 Jahre später vor einem Eisentor auf dem Kaßberg, um seine Geschichte zu erzählen. Eine Lebensgeschichte, die in diesem ehemaligen Gefängnis ihre erste große Wendung nahm, die ihn ins Zuchthaus nach Cottbus, in die Prager Botschaft, in den "Zug der Freiheit" gen Westen führte. Und die ihn wieder hierher zurückbrachte.

Es ist kalt in dem Zellentrakt, in dem DDR-Bürger einst die letzten Tage in Gefangenschaft verbrachten, bevor sie vom Westen freigekauft wurden. Im "Vogel-Käfig", benannt nach jenem Anwalt, der auch in Prag aktiv war, wird gerade eine Gedenkstätte eingerichtet. Christian Bürger hat Decken als Sitzunterlage mitgebracht. Vor 33 Jahren saß er im Nachbartrakt ein. Er hatte damals kein Glück. Für ihn war dieser Ort kein Wartesaal in die Freiheit, er war von der Stasi verhaftet worden.

Christian Bürger wuchs in einem christlichen Elternhaus auf, ging lieber zur Jungen Gemeinde als zu FDJ-Versammlungen und eckte in der DDR schon früh an. "Ich war immer ein sehr kritischer Mensch", sagt er. Nach der Schule absolvierte er eine Lehre zum Dieselmotorenschlosser, er wollte zur Handelsmarine. Als er sich jedoch weigerte, vier Jahre als Soldat bei der Volksmarine zu dienen, blieb ihm sein Berufswunsch verwehrt. Bürger begann als Kellner zu arbeiten und ihm wurde klar: Er wollte raus aus diesem Land.

Was ihn in der DDR noch hielt, war seine ehrenamtliche Arbeit als Leiter eines Jugendklubs. Doch auch die war vorbei, als er 1984 einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik stellte. Der Antrag wurde abgelehnt. Als 1985 auch ein zweiter Antrag scheiterte, beschloss er, aus der DDR zu fliehen. Gemeinsam mit zwei Freunden plante er die Flucht aus der Tschechoslowakei. Sie bauten eine Strickleiter und besorgten einen Bolzenschneider. Doch eines Morgens im Februar 1986 holten ihn Mitarbeiter der Staatssicherheit von der Arbeit ab. "Rein in den Lada, ab auf den Kaßberg. Und dann saß ich hier in der Zelle." Einer der drei Freunde - das wird er erst nach der Wende in den Stasiakten lesen - hatte die anderen verraten.

Christian Bürger wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach einem halben Jahr Einzelhaft in Karl-Marx-Stadt kam er ins Zuchthaus nach Cottbus, wo er im Akkord Gehäuseteile für Pentacon-Fotoapparate stanzen musste. Dank einer Amnestie der DDR-Führung im Zusammenhang mit einem Milliardenkredit aus dem Westen, von der damals über 24.000 politische Häftlinge profitierten, wurde er im November 1987 aus der Haft entlassen. Zurück in ein Land, in dem er nicht mehr sein wollte. Statt eines Personalausweises bekam er einen sogenannten PM12, einen Ersatzausweis für politisch Renitente. Er durfte das Land nicht verlassen, musste zur "Bewährung in die sozialistische Produktion" ins Barkas-Werk.

Christian Bürgers Geschichte ist lang, und an dieser Stelle fängt sie eigentlich erst richtig an. Doch die Kälte in der Gefängniszelle auf dem Kaßberg wird unerträglich. Und so erzählt er draußen in der Herbstsonne weiter. Wie er im Juni 1989 spätabends in den "Tagesthemen" einen Bericht sah über einige DDR-Bürger, die in der bundesdeutschen Botschaft in Prag ihre Ausreise erzwingen wollten. Er sagt: "Das war für mich wie ein Fingerzeig von oben."

Am 20. Juni 1989 fährt er abends mit dem Bus nach Oberwiesenthal und versteckt sich im Wald. In der Nacht überquert er heimlich die grüne Grenze zur Tschechoslowakei. Mit einem Linienbus fährt er am nächsten Morgen nach Prag. Dort zeigt ihm in einem Café am Wenzelsplatz ein Ehepaar aus Köln den Weg zur deutschen Botschaft auf der Kleinseite am anderen Moldau-Ufer. "Ich habe den Touristen gespielt, die alten Häuser angeschaut", erzählt Bürger. Doch sein Herz raste; die Kölner hatten ihn vor einer Milizstation gegenüber dem Botschaftseingang gewarnt. Dort stehen auch tatsächlich zwei Uniformierte. Als einer eine Bewegung in Richtung des Karl-Marx-Städters macht, springt der in Panik durch die offene Tür in den Torbogen des Barockbaus und ruft dem Pförtner zu: "Ich bin der Herr Bürger, ich komme aus der DDR - und ich gehe hier nicht mehr raus."

So beginnt ein Leben auf engstem Raum, eine Zeit zwischen Hoffen und Bangen, die mehr als drei Monate andauern sollte. Als Christian Bürger in der Prager Botschaft eintrifft, befinden sich dort 40 DDR-Bürger. Zu diesem Zeitpunkt werden sie auf dem parkähnlichen Gelände noch recht komfortabel in einem Nebengebäude untergebracht. Als sie ungefähr 100 sind, so erzählt Bürger, sei ein Botschaftsangestellter zu ihnen gekommen: Sie sollten sich organisieren, bräuchten eine Lagerleitung, die den Alltag für die Schutzsuchenden regelt.

Christian Bürger wird Kontaktmann zur Botschaftsführung, bekommt ein eigenes Büro, erfasst die Neuankömmlinge, schreibt Listen mit Bestellungen für Lebensmittel und Verbrauchsgüter. Die ersten Zelte werden aufgestellt, Lehrer unter den Flüchtlingen unterrichten die Kinder, Ärzte untersuchen Kranke, Klempner reparieren Sanitäranlagen. Doch die Ordnung ist nicht lange aufrecht zu erhalten. Immer mehr Ausreisewillige kommen an, die Botschaft stellt den Besucherverkehr ein. Von nun an klettern die Menschen über den Zaun - die Fernsehbilder von Kleinkindern, die über die Gitter gereicht werden und von Milizionären, die eher halbherzig versuchen, die Menschen aufzuhalten, gehen um die Welt.

Es ist ein Exodus, der nicht zu stoppen ist. "Permanent stiegen Leute rüber", erzählt Bürger. Aber der deutsche Botschafter Hermann Huber habe niemanden abweisen wollen. Immer mehr Zelte und Feldbetten werden aus Bayern herangefahren. Das Deutsche Rote Kreuz baut eine Suppenküche auf, in der rund um die Uhr für die Menschen gekocht wird. "Sie haben alles, aber auch alles gegeben, damit wir das durchstehen." Es gibt sogar eine Geburt; die Hochschwangere wird in ein nahes Krankenhaus gebracht, Diplomaten wachen über sie, bis sie mit dem Neugeborenen wieder zurück in die Botschaft kann.

In den letzten Septembertagen brechen alle Dämme. "Als 2000 Leute da waren, da dachte ich, es geht nicht mehr", erinnert sich Christian Bürger. Der Herbstregen hat den Boden aufgeweicht, die Wiesen sind schlammig. Es gibt für die Flüchtlinge lediglich ein Dutzend Toiletten und vier Duschen, der Wasserdruck reicht nicht mehr aus, die Müllentsorgung kollabiert. Geschlafen wird in Schichten, selbst auf Treppenstufen im Gebäude. Die Bibliothek der Botschaft wird ins Goethe-Institut ausgelagert; der Saal mit den wertvollen Fresken wird bis unter die Decke mit Vier-Stock-Betten vollgestellt. Am Morgen des 30. September 1989 sind 4000 Flüchtlinge da, am späten Abend werden es 5300 sein.

An jenem Tag hofft Christian Bürger, dass er sein Megafon bekommt, das er bestellt hatte, um in der Menschenmasse überhaupt noch gehört zu werden. Als er den zuständigen Botschaftsmitarbeiter, mit dem er ein enges Verhältnis pflegt, darauf anspricht, antwortet der: "Das Megafon kommt mit - aber das brauchst Du nicht mehr."

Der Bundesaußenminister, so erklärt er, sei auf dem Weg nach Prag. Hans-Dietrich Genscher hatte am Rande der UN-Vollversammlung in New York mit den Außenministern der Sowjetunion, der DDR und der ČSSR verhandelt. Am Abend kurz vor sieben tritt er auf den Balkon der Botschaft, die Dämmerung setzt ein. "Der Hausmeister hat die Stehlampe aus dem Büro des Botschafters geholt", erzählt Bürger. "Genscher kam- und plötzlich war das Megafon da, das ich bestellt hatte." Er steht direkt hinter Genscher, als der den Landsleuten aus der DDR verkündet: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ..."

Es ist einer der ergreifendsten Momente deutsch-deutscher Geschichte. Die erlösenden Jubelschreie, unter denen Genschers Satz unvollendet bleibt. Aber dann die Unsicherheit, die bei den Menschen noch einmal aufkommt, als der Minister aus Bonn erklärt, die Menschen würden in Zügen über die DDR ausreisen. Zwei Stunden später stehen die ersten Busse bereit, die sie zum Güterbahnhof Prag-Libeò bringen. Christian Bürger nimmt den letzten der vier Züge, mitten in der Nacht fährt er ein letztes Mal durch seine Heimatstadt, am 1. Oktober 1989 kommt er mittags in Hof an. Die unglaubliche Hilfsbereitschaft in Bayern werde er nie vergessen.

Der Sprecher der DDR-Flüchtlinge beginnt in Dingolfing ein neues Leben. Schon nach zwei Tagen hat er einen Job als Kellner in Landshut. Er wird Geschäftsführer, holt Berufsabschlüsse nach, arbeitet in Österreich, Südtirol und Spanien. Doch das Schicksal führt ihn letztlich wieder in die alte Heimat. Eine Beziehung in Bayern scheitert, 2008 geht Bürger zurück nach Chemnitz, wo er seine Kinder aus erster Ehe wiedertrifft. Er arbeitet als Kochausbilder und leitet einen Landgasthof.

Erst zurück im Osten beginnt er, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Er trifft alte Haftkameraden aus Cottbus, engagiert sich in einer Initiative, die das einstige Zuchthaus vor dem Abriss bewahrte. Für das Menschenrechtszentrum Cottbus bringt er Hilfsgüter in den Nordirak. Und auch in Chemnitz, wo er heute als Frührentner lebt, sorgt er mit dafür, dass das Kaßberg-Gefängnis zum Lern- und Gedenkort wird. Er ist im Vereinsvorstand aktiv, führt Schulklassen durch die Zellen. "Es war mir immer wichtig, dass das, was vielen von uns passiert ist, nicht einfach unter den Teppich gekehrt wird", sagt er.

Am heutigen Samstag wird Christian Bürger zurückkehren in die Prager Botschaft. Die diplomatische Vertretung hat ein "Fest der Freiheit" organisiert. Die Emotionen werden wieder da sein. Er wird Weggefährten aus der Zeit vor 30 Jahren wiedertreffen und in einer Gesprächsrunde über deutsch-tschechische Perspektiven auf den Herbst 1989 diskutieren. Eines ist dem 63-Jährigen dabei wichtig: Dass das Vermächtnis der Botschaftsflüchtlinge nicht missbraucht wird. Die "Wende vollenden", so wie es die AfD will, heute in der Demokratie? Das sei unerträglich, sagt Christian Bürger. "Diese Leute haben nicht begriffen, was Diktatur bedeutet."

Das Video mit Christian Bürger in der "Tagesschau" vom  27. September 1989

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