Findet Thüringer NSU-Ausschuss das bisher fehlende Mordmotiv?

Aufklärer in der Heimat des NSU blicken über ihre Landesgrenze hinaus und fühlen dem Mitbegründer eines merkwürdigen Vereins auf den Zahn.

Erfurt.

Ist der Thüringer Untersuchungsausschuss zum Terror des "Nationalsozialistischen Untergrundes" (NSU) einem fehlenden Puzzleteil auf der Spur? Jenem Verbindungsstück, das den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn über jene Zufallstat hinaushebt, als die die Bundesanwaltschaft sie darstellt: Die Beamtin und ihr Kollege Martin A., der den Anschlag 2007 mit einer Kugel im Hirn überlebte, seien nur als Opfer ausgewählt worden, weil sie mit dem Streifenwagen an falscher Stelle Pause machten und die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vorbeiradelten, die ihre Dienstwaffen haben wollten? So sah es Bundesanwalt Herbert Diemer. Er watschte alle ab, die anderes behaupten. Nichts als "Fliegengesumme" sei das, so Diemer im NSU-Prozess, obwohl mehrere Untersuchungsausschüsse das angesichts der NSU-Bezüge in Kiesewetters Thüringer Heimatort anders sehen, wie übrigens auch das überlebende Opfer. "Das Motiv hat Kommissar Zufall nie gefunden", sagt der seit der Tat behinderte Polizist Martin A.

Ein Motiv für den Mord zu suchen, war am Donnerstag auch Beweisthema des Untersuchungsausschusses in Erfurt. Selbst der dort zunächst gehörte Leiter der mit den Ermittlungen betrauten "Soko Parkplatz" betonte, es gebe kein "deutliches Motiv". Spannender als die Aussage dieses Soko-Leiters indes wurde es beim Verhör eines früheren Kollegen der ermordeten Polizistin. Da blitzte es auf, das möglicherweise verbindende Element zwischen Kiesewetter und dem NSU.

Ringo M., heute 46, war bei der Böblinger Bereitschaftspolizei zeitweise Michèle Kiesewetters Einsatzleiter gewesen. Er hatte sie für eine Spezialeinheit gewinnen wollen, die er aus Kollegen zusammenstellte, die ihm bei Einsätzen zur Fußball-WM 2006 positiv aufgefallen waren. Doch war es ein anderer Einsatz, der den Zeugen gestern auf seinem Stuhl herumrutschen ließ. Hilfesuchend blickte er den ihn begleitenden Berater an. Erst nach dessen Nicken antwortete Ringo M. auf die Frage, ob Michèle Kiesewetter bei einer Razzia in der Ludwigsburger Diskothek "Luna" mal als zivile Undercover-Agentin eingesetzt gewesen sei. Ja, das stimme, räumte der Zeuge ein. Ein Einsatz, bei dem nicht alles glattlief, wie er sich erinnerte.

Kiesewetter bildete in Zivil in der Disko eine Art Vorhut und sollte für die uniformierten Spezialkräfte einen Notausgang öffnen. Beim Zugriff habe es einen Tisch mit "sehr muskulösen Personen" gegeben, entsann sich der Zeuge. Einer habe sich massiv gewehrt. "Gefühlt fünf, sechs Beamte" seien "auf ihm" gewesen, um ihn zu fixieren, doch habe er mit ihnen noch "Liegestütze gemacht", sagte Ringo M. Angesichts der Dynamik, die auf die Massen überzugreifen drohte, urteilte er: "Ich habe da nicht gut ausgesehen. Ich hatte damit nicht gerechnet."

Ob ihm ein Mann namens "Jug P." bekannt sei, wollte man in dem Zusammenhang von ihm wissen. Bei diesem handele es sich um einen Rechtsextremisten mit zeitweisen Wohnorten in Baden-Württemberg und Thüringen wie Kiesewetter selbst. Mit Waffengeschäften wird Jug P. in Verbindung gebracht. Auch soll er nach Erkenntnissen des baden-württembergischen Untersuchungsausschusses mit dem NSU-Mordwaffenbeschaffer Ralf Wohlleben bekannt und schon 1998 mit mehreren weiteren NSU-Helfern per Bus zu einem Rechtsrock-Konzert nach Ungarn gefahren sein. Und nach Erkenntnis des Ausschusses soll eben dieser Jug P., der schon mal damit auftritt, Autos per Muskelkraft am Seil hinter sich herzuziehen, auch in besagter Diskothek als Türsteher gejobbt haben. Der Zeuge Ringo M. ließ sich Fotos vom Genannten zeigen. Er überlegte, ob es sich um den erwähnten "Fleischberg" gehandelt haben könne. "Eher nicht", war seine Einschätzung. Doch räumte der Zeuge ein, dass sich Kiesewetter nach dem Einsatz einmal verfolgt gefühlt habe.

Der Einsatz in der Diskothek "Luna" war indes nur einer der Punkte, bei denen der Zeuge in Erklärungszwänge geriet. Der zweite hing mit jenen Rechtsextremisten zusammen, die man in Einheiten der Böblinger Bereitschaftspolizei ausmachte, in der Kiesewetter ihren Dienst tat. Zwar war es zum Zeitpunkt des Mordes Jahre her, doch waren zwei Beamte zuvor Mitglieder eines Ablegers des rassistischen Ku-Klux-Klans gewesen. Weitere Beamte sollen mit der Gruppe sympathisiert haben. Man gehe derzeit von fünf aus, hielt Ausschussmitglied Katharina König-Preuß (Linke) dem Zeugen vor. Der bestritt vehement, so etwas je mitbekommen zu haben. Allerdings räumte er ein, er hätte auch für seinen Kollegen Timo H., eines der nachweislichen Klan-Mitglieder, "die Hand ins Feuer gelegt".

Sich selbst sprach der Zeuge ebenfalls vehement von jeder Form von Extremismus frei. In der Position, sich dazu erklären zu müssen, fühlte sich Ringo M. wegen des von ihm mitgegründeten Vereins "Uniter", der derzeit im Fokus der Ermittlungen zum "Hannibal-Netzwerk" steht. Hannibal ist der Tarnname des Soldaten André S., der vom Kommando Spezialkräfte im baden-württembergischen Calw aus ein bundesweites rechtsextremes Chat-Netzwerk administriert haben soll, das mancherorts bis in Sicherheitsbehörden reicht. Der von André S. ebenfalls mitbegründete Verein Uniter steht im Verdacht, den Netzwerkern zum Training für jenen "Tag X" gedient zu haben, für den ein Umsturz der politischen Ordnung geplant war. Im Ausschuss wollte man von Ringo M. wissen, ob es stimme, dass auch der frühere Ku-Klux-Klan-Polizist Timo H. Mitglied bei Uniter sei. Der Zeuge verneinte. Und er beteuerte, der Verein habe keine rechtsextremen Ziele. Vielmehr stelle Uniter eine Solidaritäts-Organisation für von Auslandseinsätzen wiederkehrende Soldaten dar.

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