Frauen im Islam: Wo stehen sie? Wo stehen wir?

Chemnitz.

Vor drei Jahren hat ein naives, schönes Lied namens "Happy" sehr viele Menschen elektrisiert und dazu gebracht, komische Dinge zu tun. Auf der ganzen Welt nahmen Anhänger des Songs eigene Videos auf, in Europa, Russland und den USA, aber auch in Ägypten, Gaza, Marokko, Palästina. Im Iran übertraten sechs junge Muslime damit eine Grenze. Weil in ihrem unschuldigen Video beide Geschlechter miteinander tanzend zu sehen waren, die Frauen kein Kopftuch trugen und in farbenfroher Kleidung und geschminkt auftraten, wurden sie vor ein religiös geprägtes Gericht gestellt. Das drakonische Urteil: Haft und 91 Peitschenhiebe, beides auf Bewährung. Noch eine solche Übertretung binnen drei Jahren, und das Urteil wäre vollstreckt worden.

Sineb El Masrar erzählt diese Episode in ihrem Buch "Emanzipation im Islam", das gerade erschienen ist. Sie lehnt sich auf gegen die Patriarchen der islamischen Welt, schleudert ihnen ihre Ablehnung entgegen. Die Eltern El Masrars stammen aus Marokko. Ihr Buch aber kommt aus der Mitte Deutschlands, aus Berlin, wo El Masrar das "Gazelle"-Magazin herausgibt, die erste multikulturelle Frauenzeitschrift hierzulande. Vorangestellt ist dem Buch ein Leitspruch, der sich einer urdeutschen Romantikerin verdankt, Bettina von Arnim. Selbst denken ist der höchste Mut.

Es geht für die muslimischen Frauen in Deutschland und Europa um ihre bedrohte Freiheit. Die Polemik El Masrars richtet sich nicht gegen den Islam, sondern gegen eine Deutung und Ausbeutung dieser Religion, die dem Machterhalt althergebrachter, männlicher Eliten dient. Diese Macht ist weder religiös noch demokratisch legitimiert, ein wesentliches Mittel zu ihrem Erhalt ist die Manipulation. El Masrar fordert ihre muslimischen Geschlechtsgenossinnen auf, selbst zu bestimmen, wie sie leben wollen. Sie sollen sich nicht von falschen Behauptungen kirre machen lassen.

"Wie Muslime in Deutschland ihre Religion heute verstehen und praktizieren, hängt oftmals davon ab, wie sie die Religion des Islam in ihrer Familie kennengelernt und gelebt haben", schreibt Sineb El Masrar. Sie selbst wuchs in Deutschland auf. Ihr Vater kam mit einem Wanderzirkus hierher, erzählte sie vor Jahren dem Journalisten Roger Willemsen in einem Interview. Die Familie stammt aus Tanger, einer zweieinhalbtausendjährigen, mittelmeerischen Stadt der Moscheen, Kirchen und Synagogen. Der Sage nach war es in dieser Region, wo Herkules das Himmelszelt auf seine Schultern lud.

Die Familie öffnete dem Mädchen Sineb das Fenster zur Welt: Je gebildeter vor allem die Väter in Religionsfragen waren, desto toleranter gingen sie mit ihren Töchtern um, schreibt sie. Ihr eigener Großvater war ein islamischer Rechtsgelehrter, ein Kadi. "Meine Mutter erzählte mir oft, dass in ihrer Kindheit und Jugend immer jene Mädchen studierten, Miniröcke und Bikini trugen, deren Väter Imame oder Kadis waren, und dass sie dies nicht etwa heimlich taten."

Sineb El Masrar wurde 1981 in Hannover geboren. Hier in Deutschland, sagt sie, haben heute die Enkelinnen der ersten muslimischen Einwanderer bessere Aussichten als ihre Mütter und Großmütter, den Kampf um ihre Selbstbestimmung zu führen und zu gewinnen. "Der Wind weht nicht mehr so stürmisch wie zu Adenauers und Kohls Zeiten." Die Gesellschaft sei weniger frauen- und ausländerfeindlich als damals. Auch stellten sich in Deutschland heute viele auf die Seite der von Rassismus Betroffenen und unterstützten sie.

Andere Weltteile, in der Nachbarschaft Europas, geben da weniger Anlass zur Zuversicht. In Arabien, Mittelasien und Nordafrika ist die Lage der Frauen im neuen Jahrtausend eher schwieriger geworden.

Früher einmal galt die ägyptische Hauptstadt Kairo als liberales Zentrum der arabischen Welt. Heute verläuft dort die Frontlinie im Kampf zwischen Tradition und Moderne, ausgetragen auf dem Rücken der Frauen. Unter den Ägypterinnen gibt es nach Statistiken der Vereinten Nationen so gut wie keine, die nicht schon einmal sexuellen Belästigungen ausgesetzt war oder sogar vergewaltigt wurde. Die Ursache für den Sittenverfall sieht die Journalistin Elisabeth Lehmann, die dort zwei Jahre lebte, eher in den erbarmungslosen Lebensbedingungen als in der Religion: "Sexuelle Belästigung ist unter koptischen Christen ebenso weit verbreitet wie unter Muslimen." Auch würden die fortschrittlichen Teile der ägyptischen Gesellschaft inzwischen aktiv und böten Schutz und Hilfe an. Präsident al-Sisi hat die Gesetze verschärft. Bis sich aber die Gesellschaft wandelt, müssten Jahre vergehen.

Der Typus einer rückständigen islamischen Welt, in der sich rigide religiöse Vorstellungen mit einer vormodernen politischen Weltanschauung paaren, findet sich heute in Afghanistan. Wer Fotos der Hauptstadt Kabul aus der Zeit vor einem halben Jahrhundert, die leicht im Internet zu finden sind, mit heutigen Bildern aus den Nachrichten vergleicht, sieht nicht mehr die selbe Stadt. Es wirkt wie ein Zeitsprung, ein Jahrhundert zurück: Den Männern gehört die Straße, sie beherrschen den öffentlichen Raum und setzen alle Regeln. Die Korrespondentin Agnes Tandler berichtet aus dem Kabul dieser Tage: "Wohin die Frauen und Mädchen auch gehen, ob zur Arbeit, zur Schule, zu Verwandten oder zum Einkaufen, sie sind zumeist von einem männlichen Familienmitglied begleitet, der sie vor Belästigungen fremder Männer schützt, aber auch streng über ihre Ehre wacht." Gewalt und Missbrauch, Eheschließung als Kind und Zwangsheirat gehörten zum Alltag. Die Müttersterblichkeit sei die zweithöchste der Welt.

Es ist Zeit für Veränderungen. Liberale europäische Aktivistinnen wie Sineb El Masrar glauben, dass sich die Inspiration zu einem freien und selbstbestimmten Frauenleben aus der Vielfalt des Islam und aus der Fülle seiner Herkunftsländer schöpfen lässt. Die Voraussetzung dafür sei ein Ausbruch aus Denkverboten und Gehorsamkeit.

Warum besitzen muslimische Männer die Deutungshoheit über islamische Quellen? Warum dürfen sie in Verse mehr hineininterpretieren, als diese hergeben, und daraus Pflichten für Frauen ableiten? "Bis heute gibt es keine anerkannte weibliche Islamgelehrte, die auf islamische und gesellschaftliche Fragen für beide Geschlechter und auf allen Gebieten Antworten gibt und neue Debatten anstößt", heißt es in "Emanzipation im Islam". Dabei ermahnt der Koran selbst die "Frauen des Propheten": "Wenn ihr gottesfürchtig seid, dann seid nicht unterwürfig im Reden, damit nicht derjenige, in dessen Herzen Krankheit ist, begehrlich wird, sondern sagt geziemende Worte." (Sure 33, Vers 32)

El Masrars Drei-Punkte-Diagnose lautet: Das alte, auf Gehorsam und Unterwerfung gegründete Verhältnis der Geschlechter hat ausgedient. Es darf keine Denkverbote geben und keine Tabus. Wenn Frauen ihr Wissen gegen das Unwissen, gegen Ausgrenzung und Unterdrückung in Stellung bringen, ist ein freies, selbstbestimmtes Leben möglich.

Es gibt alte islamische Quellen, die behaupten, dass Aischa, die jüngste und Lieblingsfrau Mohammeds, alle Zeitgenossen an Wissen zu Religionsfragen übertraf. "Wenn überhaupt jemand nach dem Tod des Propheten einen Anspruch auf den Titel des Kalifen gehabt hätte, dann doch wohl Aischa", schreibt El Masrar. Über Jahrhunderte wurden Frauen von islamischen Studien ferngehalten. Die Lebensgeschichte muslimischer Herrscherinnen - es gab derer nur siebzehn in der Geschichte - ist unter muslimischen Frauen weitgehend unbekannt, obwohl Autorinnen wie Bahriye Üçök, eine türkische Historikerin, oder Fatima Mernissi, eine marokkanische Soziologin, darüber publizierten. El Masrar hält das nicht für Zufall. Gebildete Frauen, ein gebildetes Volk "könnte die Legitimität der Herrschenden in Frage stellen, sie gar zum Einsturz bringen oder, im harmlosesten Fall, Reformen einfordern." In Marokko wurde 1999 mit der Thronbesteigung des Königs Mohammed VI. die Alphabetisierung landesweit eingeführt. Selbst Frauen, die im Alter weit fortgeschritten waren, begannen den Koran zu lesen, "um nachzuvollziehen, was ihre Väter, Brüder und Ehemänner ihnen ihr ganzes Leben über vorgemacht hatten."

Bildung ist für muslimische Frauen nicht nur der Schlüssel zur Selbstständigkeit. Schläge oder eine tabuisierte Geburtenkontrolle bringen ihre Gesundheit in Gefahr. Schließlich fällt den Frauen in der Familie die Aufgabe zu, Traditionen weiterzugeben und die nächste Generation zu prägen. Wo soll der Wandel beginnen, wenn nicht hier?

Der Weg ist weit und steinig, und es gibt Rückschläge. Eine der Video-Reaktionen auf den eingangs erwähnten "Happy"-Song war eine schüchterne, von Muslimen in Großbritannien veröffentlichte Version, die sofort dem Zorn selbst ernannter Glaubenswächter anheimfiel. Das Verdikt zeigte Wirkung: Ein weiteres, in Deutschland veröffentlichtes Video kam zahmer und unterwürfiger daher als die britische Version. Nun kamen Mädchen ohne Kopftuch bloß noch in kürzesten Sequenzen vor. Dominiert war das Video von tanzenden Männern.

Emanzipation ist keine Einbahnstraße, aber deshalb aufgeben? Ob mit Kopftuch oder ohne: Das Ruder herumzureißen, als Muslima die eigene Freiheit und Lebensweise zu verteidigen - für Frauen wie Sineb El Masrar ist das eine lösbare Aufgabe. Traut Euch, ruft sie den anderen zu. Mut ist der Schlüssel.

Das Buch: Sineb El Masrar, "Emanzipation im Islam - eine Abrechnung mit ihren Feinden". Herder Freiburg, Basel, Wien, 315 S., 24,99 Euro.

Kopf oder Tuch?

Das Kopftuch ist in der nichtmuslimischen Öffentlichkeit zum Symbol der Debatte geworden, inwieweit islamische Vorschriften und Traditionen im öffentlichen Leben Deutschlands Raum greifen sollen. Das Problem hat mehrere Dimensionen. Insofern das Verhältnis von Staat und Religion berührt ist, wenn etwa eine Lehrerin im Schulunterricht das Kopftuch tragen will, sind die Gebote der religiösen Neutralität des Staates und des Schutzes der Religionsausübung gegeneinander abzuwägen. Das Bundesverfassungsgericht hat im Januar 2015 entschieden, dass ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrkräfte in öffentlichen Schulen nicht mit der Verfassung vereinbar ist. Ein Laizismus nach dem Vorbild Frankreichs ist demnach nicht der deutsche Weg.

Liberale Muslime wie Sineb El Masrar, die selbst kein Kopftuch trägt, stellen die Eigenverantwortung der Frau in den Mittelpunkt. "Es gibt eine Selbstbestimmung mit Kopftuch", schreibt sie in "Emanzipation im Islam": "Diese Frauen lassen sich nicht für dumm verkaufen, sie schrecken nicht davor zurück, sich von ihrem Partner zu trennen und auch als Alleinerziehende ihren Weg zu gehen." Die Praxis vieler Familien und Gemeinden zeige aber auch, dass der Zwang zum Kopftuch als Mittel der Unterwerfung dient. Frauen ohne Kopftuch nicht als vollwertige und praktizierende Muslima zu akzeptieren, darin sieht El Masrar eine männliche Deutungslogik.

Die islamische Überlieferung bietet nach liberaler Ansicht keinerlei Handhabe, einen Kopftuch-Zwang zu rechtfertigen. "Sittsamkeit und Würde, das erlange ich durch mein Auftreten, nicht durch ein Stück Stoff, wie das ein Schlag von Männern eigenmächtig bestimmen will", schreibt Sineb El Masrar. Frauen mit Kopftüchern anzufeinden, verbietet sich von selbst. Die Auseinandersetzung "mit den eigenen problematischen Akteuren und Inhalten" in der muslimischen Gemeinschaft schließe das aber nicht aus. Es bleibe die Frage, warum man Mädchen und Frauen in Sachen Verhüllungs-"Gebot" belüge. (ros)

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