Deutschland
Gewalt und Einschüchterung: 55 Angriffe auf Medienleute

Berichterstatter spüren das gesellschaftlich rauer werdende Klima und die Folgen internationaler Konflikte. Die Journalistenorganisation RSF legt ihren Bericht zur Lage der Pressefreiheit vor.

Berlin.

Reporter ohne Grenzen (RSF) kritisiert Einschüchterung und Gewalt gegen Journalisten in Deutschland. Zugleich werde auch eine Delegitimierung journalistischer Arbeit von vielen Reportern als große Bedrohung für den Journalismus wahrgenommen, heißt es in dem Bericht "Nahaufnahme" zur Lage der Pressefreiheit in Deutschland, den die Organisation in Berlin vorlegte.

Die zunehmende Polarisierung und ein rauer werdendes gesellschaftliches Klima führten dabei zu Sicherheitsrisiken, vor allem auf Demonstrationen sowie bei Recherchen und Filmaufnahmen in rechtsextremen Milieus.

"Reporter ohne Grenzen (RSF) hat insgesamt 55 Angriffe auf Medienschaffende und Redaktionen dokumentiert und verifiziert. Im Vorjahr lag die Zahl bei 89. Am häufigsten waren Attacken in Form von Tritten und Schlägen", heißt es in dem Bericht. Vereinzelt seien auch Angriffe durch Sicherheitskräfte oder aus der linksextremen Szene gemeldet worden. 

Gewalt vor allem bei politischen Veranstaltungen

Die meisten der 49 für das Jahr 2025 verifizierten körperlichen Angriffe und Sachbeschädigungen ereigneten sich demnach in Berlin (20), gefolgt von Sachsen (9), Sachsen-Anhalt (5), Nordrhein-Westfalen (4), Hessen (4), Niedersachsen (3), Hamburg (2), Thüringen (1) und Bayern (1). Zudem gab es 6 Cyberattacken. 

Übergriffe gab es vor allem bei Demonstrationen, Parteiveranstaltungen oder Protestaktionen. Aus dem rechtsextremen Milieu seien 18 gewaltsame Übergriffe gekommen. In 11 Fällen seien Medienschaffenden auf Palästina-solidarischen Demonstrationen von Teilnehmern angegriffen worden.

Journalisten-Verband DJV sieht vor allem Solo-Reporter gefährdet

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) rät Medienschaffenden dazu, Vorort-Recherchen über Demonstrationen und Veranstaltungen extremistischer Gruppierungen nur im Team durchzuführen. Das gelte insbesondere für freie Journalistinnen und Journalisten, die häufig als Solo-Reporter unterwegs seien. 

Der DJV-Bundesvorsitzenden Mika Beuster nannte auch die Notwendigkeit eines umfassenden Schutzes durch die Polizei. Zudem müsse es eine Risikominimierung vor Ort geben. "Es ist gefährlich, allein zu recherchieren und zu fotografieren. Dieses Risiko darf niemand eingehen."

Gaza-Krieg und der Kampf um die Deutungshoheit

"Auch die Situation der Pressefreiheit auf Palästina-solidarischen Demonstrationen und die Rolle der Polizei wurden hitzig diskutiert", stellt die Organisation zudem fest. Im Kampf um die Deutungshoheit über den Gaza-Krieg habe sich eine zunehmende Spaltung der Medienlandschaft gezeigt. 

"Medienschaffende berichteten von Schwierigkeiten, Menschenrechtsverbrechen der israelischen Armee so aufzugreifen, wie sie es im Fall anderer Staaten und Kriege selbstverständlich tun", heißt es in dem RSF-Bericht. Journalisten sehen sich demnach dabei auch durch digitalen Hass und Hetze stark belastet. Davon seien auch Medienleute betroffen, die zu jüdischen Perspektiven und Lebensrealitäten arbeiten. RSF kritisiert "die wiederholte öffentliche Herabwürdigung von Medienschaffenden und Redaktionen in Deutschland durch Vertreter Israels".

Plattformmacht und Künstliche Intelligenz

Der Bericht befasst sich zudem mit Nutzung neuer Technologien für Medien und Gesellschaft in einer angespannten Lage. "Generelle Verachtung gegenüber den traditionellen Medien ist auch in Deutschland in den politischen Mainstream vorgedrungen. Negatives Vorbild ist die Situation in den USA im Jahr 2025", heißt es in dem Bericht. Die Organisation stellt das unter die Überschrift: "Polarisierung und ein neues rechtes Mediensystem."

Ein neuer Bericht stellt fest, aus welcher Richtung Gefahren vor allem kommen. (Archivbild)
Ein neuer Bericht stellt fest, aus welcher Richtung Gefahren vor allem kommen. (Archivbild) Bild: Christoph Soeder/dpa

Die Politik der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump beeinflusse auch die Debatte und die Medienlandschaft in Deutschland. Die Trump-Regierung unterstütze die großen Tech-Plattformen in ihrem Widerstand gegen EU-Regulierungen. "Ihre Algorithmen favorisieren Desinformation; plattformintegrierte Faktenchecks wurden inzwischen abgeschafft. Auch Desinformationskampagnen aus Russland werden dabei begünstigt", schreibt RSF.

Die Organisation stellt zudem fest, die zunehmende Nutzung von KI-Modellen bereite fast allen Medien ernsthafte Sorgen. Tools wie die in Suchmaschinen integrierten Zusammenfassungen leiteten Traffic und Werbeeinnahmen weg von originalen journalistischen Inhalten und gefährdeten damit die finanzielle Existenz von Verlagen und Medienschaffenden. 

Um der Kritik der systematischen Verletzung von Urheberrechten zu begegnen, schlössen KI-Unternehmen zunehmend Nutzungsverträge mit Verlagshäusern ab.

RSF sieht auch die Politik der Bundesregierung kritisch: "Grundsätzlich gibt es in der deutschen Medienpolitik kaum Fortschritte zugunsten der Stärkung von Journalismus und Meinungsvielfalt. Entgegen dem Koalitionsvertrag ist eine steuerliche Begünstigung von gemeinnützigem Journalismus bisher nicht geplant." (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
Das könnte Sie auch interessieren
13:49 Uhr
2 min.
Mehr Gewalt gegen Journalisten in Sachsen
Von April 2024 bis November 2025 wurden in Sachsen laut Zahlen des BKA Medienschaffende in 16 Fällen Opfer von Körperverletzungen. (Symbolbild)
16 Körperverletzungen in 20 Monaten: In Sachsen werden Journalisten immer öfter zur Zielscheibe. Nur in Berlin gab es mehr Übergriffe.
10.02.2026
2 min.
Traditionsgaststätte im Erzgebirge schließt: Was ist der Grund für den Rückzug?
Johanna Preißler und Robin Reinsch haben im Mai 2024 die Gaststätte eröffnet. Bis 14. Juni hat sie noch geöffnet.
Erst im Mai 2024 hatte ein junges Paar die Bergschänke am Katzenstein in Pobershau übernommen. Obwohl sie zunächst regelrecht überrannt wurde, ist bald wieder Schluss. Bis 14. Juni ist noch geöffnet.
Michael Felber
17:07 Uhr
2 min.
BASF plant globalen Hub in Indien – Kritik
Der Bereich Global Business Services beschäftigt laut BASF rund 8.500 Mitarbeitende. (Symbolbild)
Mit einem neuen Knotenpunkt möchte der Konzern seine Services effizienter aufstellen. Ob und wie viele Stellen in Deutschland betroffen sind, ist offen – die Gewerkschaft reagiert alarmiert.
17:09 Uhr
2 min.
Achtung Feuer: Was Sie bei einem Brand besser lassen sollten
Flucht statt Löschversuch: Bei einem Brand zählt jede Sekunde, um sich in Sicherheit zu bringen.
Oh Schreck, der Feuermelder geht los - und tatsächlich: Es brennt. Jetzt sollten Sie keine Zeit verlieren. Was im Brandfall sinnvoll ist und warum die Nachbarn zu warnen, manchmal keine gute Idee ist.
09.02.2026
3 min.
13-jähriges Mädchen aus dem Erzgebirge kämpft weiter tapfer gegen den Krebs – Warten auf Laborwerte
Saliah zu Weihnachten mit ihrem jüngsten Brüderchen.
Saliah aus Beierfeld hat die Stammzellenspende ihrer Schwester gut überstanden. Nun ist die Nachbetreuung angelaufen. Doch zu Hause auf der Baustelle kam plötzlich ein Wasserschaden hinzu.
Beate Kindt-Matuschek
03.02.2026
2 min.
Reporter ohne Grenzen beklagt "Feindseligkeit" im Osten
Im Osten Deutschlands berichten viele Journalisten laut der Organisation "Reporter ohne Grenzen" über wachsende Feindseligkeit. (Symbolbild)
Lokaljournalisten in Sachsen und Thüringen erleben laut einem Bericht der Nichtregierungsorganisation Aggression und körperliche Gewalt bis hin zu Todesdrohungen.
Mehr Artikel