Hitlers Widersacher

Das fehlgeschlagene Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Hitler jährt sich am 20. Juli zum 75. Mal. Doch die Geschichte des Widerstands gegen das NS-Regime ist weitaus vielschichtiger, die Aufarbeitung war nie konfliktfrei.

Chemnitz.

"Mein Großvater war für mich kein Held, weil ich mit dem Begriff generell Probleme habe, sondern eher ein Vorbild - so wie es viele andere gab, die damals vorbildlich gehandelt haben", sagt Sophie von Bechtolsheim über Claus Schenk Graf von Stauffenberg, den Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944.

Seine Enkelin beschreibt erstmals die zahlreichen Varianten von Stauffenberg-Bildern, die ihr im Laufe ihres Lebens begegnet sind: "Die Persönlichkeit meines Großvaters lässt sich nicht darauf reduzieren, Attentäter gewesen zu sein. (...) Er gehört nicht in die Reihe all derer, deren Ziel einzig die Gewalt, einzig die Aufmerksamkeit durch einen Mordanschlag ist", schreibt sie in ihrem Buch "Stauffenberg. Mein Großvater war kein Attentäter", das im Herder Verlag erschienen ist.

Von Bechtolsheim: "Er wollte nicht das Attentat, er wollte den Umsturz: Aber den Umsturz, das sah er klar, konnte es nicht ohne das Attentat geben." Die Tat führte er notgedrungen aus, noch bis zu den letzten Wochen davor versuchte er jemanden anderen dafür zu gewinnen. Er habe sich verantwortlich gefühlt für die Zukunft seiner Familie und die Zukunft seines Landes. "Für ihn war beides eng verknüpft, vielleicht sogar identisch." Mit ihrem persönlichen Blick hofft die Enkelin, Jahrgang 1968, dass ihr Großvater "nicht weiterhin als Projektionsfläche krauser Deutungsexzesse herhalten muss", nicht als Lichtgestalt oder Superhelden-Statue stilisiert wird, "sondern als Mensch mit seinen Beschränkungen und in seiner Freiheit gesehen werden kann".

Stauffenberg als Vollstrecker des elitär-mythischen Denkens eines damals einflussreichen Dichters wie Stefan George zu vereinnahmen oder für verschiedene politische Theorien zu instrumentalisieren, geht der Enkelin gegen den Strich.

"Ich habe bewusst den familiären Zugang gewählt, denn bei meinem Großvater handelte es sich nicht um irgendein Gedanken-Kunstprodukt, sondern um einen Menschen, der zu seiner Zeit versucht hat, ein anständiges Leben zu führen." Und Sophie von Bechtolsheim, die Anfang der 1990er-Jahre Geschichte und Kommunikationswissenschaften an der TU Dresden studierte, wehrt sich auch gegen die Vereinnahmung des Widerstands von rechts. "Eine Vereinnahmung von Menschen, die gegen eine rechte Diktatur gekämpft und dabei ihr Leben gelassen haben, ist ausgerechnet durch Rechte übergriffig. Wer weiß schon, wie diese Menschen heute denken und handeln würden." Widerstand sei zunächst einmal ein wertneutraler Begriff, ein Dagegensein. "Aber es ist absurd, eine Traditionslinie herzustellen von Menschen, die versucht haben, ein Unrechtsregime zu stürzen, hin zu Leuten, die einen Rechtsstaat wie die Bundesrepublik anzweifeln."

Trotz aller Deutungen und Interpretationen: Bis heute nehmen Stauffenberg und seine Mitverschwörer einen festen Platz in der deutschen Erinnerungskultur ein. Dem Thema widmet sich jetzt auch eine Sonderausstellung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden. Der Titel "Der Führer Adolf Hitler ist tot" verstört zunächst. Mit dieser verschlüsselten Nachricht aber hatten die Widerständler um Stauffenberg, Generalmajor Henning von Tresckow und Generaloberst Ludwig Beck nach dem vermeintlich geglückten Attentat auf Hitler versucht, ausreichende Gefolgschaft in Berlin zu sichern.

Stauffenberg war zunächst selbst angetan von Hitler, von der Idee der Volksgemeinschaft und von den militärischen Anfangserfolgen der Wehrmacht. Doch das änderte sich mit Verlauf des Krieges. Das Attentat im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" sollte die Initialzündung für einen Staatsstreich (Deckname "Walküre") bilden. Doch Hitler überlebte und holte zum Gegenschlag aus. Der Umsturz scheiterte. Stauffenberg und drei seiner engsten Mitverschwörer wurden noch in der Nacht zum 21. Juli im Innenhof des Allgemeinen Heeresamtes in der Bendlerstraße erschossen. Darunter auch der im sächsischen Leisnig geborene General Friedrich Olbricht. Nach ihm wurde in Dresden der Platz benannt, an dem das Militärhistorische Museum steht. Hunderte weitere Verurteilungen und Hinrichtungen sollten noch folgen.

Auf die Besucher der Ausstellung im Militärhistorischen Museum warten 22 Plakate, die Aufmerksamkeit erfordern. Denn sie erzählen die Fakten. Dabei wird auch auf die Vorgeschichte des Widerstandes eingegangen, die bis heute eher im Dunklen geblieben ist. Damals im März 1938, nach dem Anschluss Österreichs, war Hitlers Außenpolitik für jedermann sichtbar auf Kriegskurs. Die "Septemberverschwörung" um Abwehroffizier Hans Oster scheiterte am Münchner Abkommen Ende 1938. Es schien so, als ob der Krieg abgewendet war, der direkte Auslöser für den Staatsstreich entfiel.

16 Plakate stellen die wichtigsten Akteure und Netzwerke des Widerstandes vom Juli 1944 vor: Von den Planern, Vermittlern bis hin zu den Machern. Etwa 200 Frauen und Männer waren an dem versuchten Umsturz beteiligt, darunter auch Wilhelm Leuschner und Julius Leber aus der Arbeiterbewegung. Für Besucher etwas Besonderes ist die als Filmrequisite für den Hollywood-Streifen "Operation Walküre" angefertigte Kulisse des Besprechungsraums in der Lagerbaracke. Die Darstellung der militärischen Lage zeigt zudem, wie aussichtslos die Situation 1944 für die Deutschen gewesen war. Kurator Magnus Pahl: "Der 20. Juli wird heute parteiübergreifend gewürdigt. Ja, es hat immer auch kontroverse Diskussionen etwa über die Ziele der Verschwörer nach dem Umsturz gegeben. Aber sie waren auch Kinder ihrer Zeit. Sie hatten Freiheit und Recht im Sinn - und das sind doch Kernelemente der demokratischen Kultur."

Für das Verständnis der Bundeswehr hat der militärische Widerstand bis heute große Bedeutung. Im neuen Traditionserlass der Truppe wird der militärische Widerstand des 20. Juli als sinnstiftend in die Gegenwart hinein bezeichnet. Kurator Pahl: "Wir hoffen, dass besonders viele Jugendliche die Ausstellung bis zum 3. Dezember besuchen werden. In den Ferien bieten wir immer dienstags Sonderführungen an."

Marie-Christine Werner und Ludger Fittkau ("Die Konspirateure", Verlag WBG Theiss) verfolgen vor Ort die Strukturen des zivilen Flügels des "20. Juli" und erzählen die verschlungenen Schicksale der Beteiligten, die kaum einer kennt. Es geht um Nichtmilitärs und ihre Treffpunkte. Darunter waren mutige Kaufleute, katholische Frauenrechtlerinnen oder linkssozialistische Pazifisten, die sich an verschwiegenen Orten trafen.

Wolfgang Benz versucht in seiner neuesten Veröffentlichung "Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler" (C.H. Beck Verlag) das gesamte Spektrum darzustellen. Der Historiker zeichnet ein pluralistisches Bild des Widerstandes - mit allen sozialen, politischen und weltanschaulichen Milieus: etwa der Kreisauer Kreis, die Rote Kapelle, der Goerdeler-Kreis, die Militäropposition um Admiral Canaris, die Weiße Rose um die Geschwister Scholl oder einzelne Christen, Arbeiter und Intellektuelle. Dass der kommunistische Widerstand der früheste war und nach 1945 politisch instrumentalisiert wurde, ist ein andere, komplizierte Geschichte.

Benz schreibt: "Voraussetzung für Widerstand ist das Bewusstsein für das Unrecht, für die Verbrechen, die im Namen von Ideologie und Staatsräson begangen wurden. Dieses Bewusstsein fehlte weithin in der deutschen Bevölkerung. (...) Dass die oppositionelle Minderheit dagegen keine Chance hatte, darin liegen Größe und Scheitern des deutschen Widerstandes."

Die Diffamierungen durch die Nazis blieben an vielen Widerstandskämpfern kleben: Volksverräter, Spione Moskaus, Kriminelle und Drückeberger: Die Bundesrepublik verweigerte ihnen jahrzehntelang die Rehabilitation und ihren Witwen eine Entschädigung. Erst in den vergangenen 20 Jahren sind diese falschen Konstruktionen als solche erkannt worden. Die Rote Kapelle ist das Paradebeispiel, wie ein Widerstandsnetzwerk erst von den Nazis als Moskauer Spionagetrupp diskreditiert und dann an diesem Zerrbild im Kalten Krieg von beiden Seiten weitergemalt wurde.

Viele Deutsche waren mit Hitler und dem Regime nicht einverstanden. Sie zogen sich in eine innere Verweigerung zurück, ohne aber aktiv zu werden. Laut Benz war Widerstand im eigentlichen Sinne aber jeder "bewusste Versuch, dem NS-Regime entgegenzutreten" und die damit verbundenen Gefahren auf sich zu nehmen. Dazu zählt er auch den vielfach namenlos gebliebenen Rettungswiderstand, wo Menschen ihren jüdischen Mitbürgern geholfen hatten.

"Wer sich, aus welchen Motiven auch immer, zum Widerstand gegen das NS-Regime entschloss, wählte die Einsamkeit des Außenseiters und nahm das Unverständnis der Mehrheit auf sich. Das änderte sich auch nach dem Ende des ,Dritten Reiches' nicht gleich", resümiert Benz.

Auch Stauffenberg und seine Mitverschwörer gegen Hitler mussten lange warten, bis sie als Helden und nicht mehr als Verräter gesehen wurden. Oder eben als Vorbilder für ein anständiges Leben, wie es die Enkelin Stauffenbergs formuliert.

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