Immer mehr Krankschreibungen wegen Seelenleiden

Die Zahl der Fehltage von Arbeitnehmern wegen psychischer Leiden hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdreifacht. Die Menschen geben solche Erkrankungen heute eher zu, sagen Experten. Aus Sicht von Linken, Grünen und Gewerkschaften reicht das nicht als Erklärung.

Berlin (dpa) - Man könnte beim Blick auf diese Zahlen auf die Idee kommen, die deutsche Gesellschaft hätte über die Jahre einen heftigen seelischen Knacks erlitten: 1997 fiel im Schnitt jeder Arbeitnehmer rund 0,7 Tage im Jahr aus, weil ein psychisches Problem bei ihm diagnostiziert wurde.

2017 fehlten Arbeitnehmer 2,5 Tage pro Jahr wegen Seelenleiden. Erst 2018 gab es erstmals wieder einen leichten Rückgang auf rund 2,4 Fehltage. Die Zahlen hat die DAK-Gesundheit veröffentlicht.

In ihrem «Psychoreport 2019» hat die Krankenkasse die Fehltage ihrer Versicherten in den vergangenen zwei Jahrzehnten ausgewertet. Demnach haben die Krankschreibungen von Arbeitnehmern wegen psychischer Leiden im Jahr 2017 einen Höchststand erreicht. Woran liegt das? Wird unsere Arbeitswelt immer brutaler? Oder macht uns der Alltag heute eher psychisch krank als früher?

Nicht unbedingt, findet DAK-Vorstandschef Andreas Storm: «Vor allem beim Arzt-Patienten-Gespräch sind psychische Probleme heutzutage kein Tabu mehr.» Deshalb werde auch bei Krankschreibungen offener damit umgegangen. Diese Einschätzung wird von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) geteilt. Linke, Grüne und der Deutsche Gewerkschaftsbund verweisen dagegen auch auf einen gestiegenen Arbeitsstress als Ursache.

Über den Gesamtzeitraum der DAK-Untersuchung hinweg fehlten Arbeitnehmer am häufigsten wegen der Diagnose Depression. Dahinter folgen sogenannte Anpassungsstörungen - diese treten zum Beispiel nach schweren Schicksalsschlägen auf oder nach einschneidenden Veränderungen im Leben. Danach kommen neurotische Störungen und Angststörungen. «Burn-Out» spielt kaum eine Rolle. Seit 2012 habe diese Diagnose im Krankheitsgeschehen deutlich an Relevanz verloren, heißt es.

Unumstritten sei, dass die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen einen wesentlichen Anteil am Anstieg der Krankmeldungen habe, sagte eine DGPPN-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur (dpa). «Dass heutzutage offen über psychische Erkrankungen gesprochen werden kann, ist aus Sicht der DGPPN sehr zu begrüßen». Der Verband fordert allerdings mehr Früherkennung und Prävention, denn die meisten psychischen Erkrankungen manifestierten sich bereits in den ersten Lebensjahrzehnten.

Dass es nur daran liegt, dass die Leute heute psychische Probleme eher zugeben, glaubt Jutta Krellmann, die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion, nicht. Ihrer Ansicht nach ist das Berufsleben stressiger geworden. «Viele Beschäftigte können ein trauriges Lied davon singen. Das darf nicht heruntergespielt werden», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Krellmann forderte eine Anti-Stress-Verordnung und entsprechende Arbeitsschutzkontrollen in den Unternehmen.

So eine Verordnung fordert auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sagte: «Der Gesetzgeber muss endlich handeln und darf nicht weiter tatenlos zuzusehen, wie Millionen Beschäftigte durch schlechte Arbeitsbedingungen einem Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind». Eine Umfrage im Auftrag der Versicherung Swiss Life hatte kürzlich ergeben, dass sich fast zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung im Job gestresst fühlen.

Diskutiert wird über dieses Thema seit einiger Zeit auch unter dem Schlagwort «Work-Life-Balance». In diese Richtung zielt die Forderung der gesundheitspolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag, Maria Klein-Schmeink. «Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die eine gesunde Lebensweise und Zeiten des Miteinanders ermöglichen und Arbeitsprozesse entschleunigen.» Hier seien die besonders die Arbeitgeber gefragt. Nicht hinnehmbar seien außerdem Wartezeiten von über drei Monaten für ein Erstgespräch beim Psychotherapeuten und fehlende Anlaufstellen bei akuten Krisen.

Der DAK-Report zeigt, dass die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen mit dem Alter kontinuierlich zunimmt. Frauen sind demnach deutlich häufiger wegen Seelenleiden krankgeschrieben als Männer. Besonders betroffen sind Beschäftigte in der öffentlichen Verwaltung und im Gesundheitswesen. Im Ländervergleich sind die Bayern am wenigsten wegen psychischer Probleme krank (1,9 Fehltage pro Versichertem im Jahr 2018), die Saarländer am häufigsten (3,1 Fehltage).

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4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    Interessierte
    27.07.2019

    Es nicht mehr krank als sonst , es werden nur mehr Krankschreibungen vorgenommen ...
    Und es gibt jetzt mehr Psychologen , und man traut sich jetzt eher mal , zum Arzt zu gehen ....
    Also sind diese Leute schon ewig krank , man hat es nur nicht gewußt ....
    Das sind wohl auch die Männer , die heute noch Tränen in den Augen haben , wenn sie über ihre Betriebsschließung von vor 20-25 Jahren sprechen ...
    In Bayern gibt es auch viel Psychologen und viele Nervenkranke , aber wohl nicht wegen Wendezeit und Arbeitsverlust …

  • 1
    0
    Echo1
    27.07.2019

    Wenn es auf Arbeit hoch her geht, sagte man: Wer hier nicht verrückt wird, ist selbst
    Schuld. Man meinte ironisch die Hektik, das Chaos kann einen krank machen.
    Und in einer Chaosgesellschaft ohne Plan, oft ohne Sinn, ist das so. Man sieht je keine
    Besserung. Die Lage verschärft sich.

  • 1
    0
    BlackSheep
    27.07.2019

    Seit Jahren diskutiert man über die Zunahme an Kranktagen, irgendwelche Sachen um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, wo denke ich hin, wir sind Deutschland da redet man und redet man und redet man und guckt zu wie immer mehr krank werden.

  • 3
    0
    Nixnuzz
    26.07.2019

    Wäre sicherlich interessant, wie sich die pauschale Diagnose "Rücken und Schulter" über die Jahrzehnte hinweg zu "psychosomatisch" gewandelt hat? Wer früher psychische Probleme hatte, musste mindestens Selbst-/ Mord-gefährdet sein, um behandelt zu werden.



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