Kardinal Woelki bleibt - oder doch nicht?

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Monatelang war sie erwartet worden, am Freitag um Punkt 12 kam sie endlich: die Nachricht aus Rom, die über das Schicksal des Rainer Maria Woelki entschied. Der Kardinal darf bleiben. Aber trotzdem geht er jetzt erstmal.

Köln (dpa) - Kardinal Woelki werde keine Fragen beantworten, wird den Journalisten beschieden, die am Freitagmittag im Garten des Erzbischöflichen Hauses in der Innenstadt von Köln auf ihn warten. Nur eine kurze Erklärung werde er abgeben. So ist es dann auch.

Woelki gesteht Fehler ein, betont aber, dass Papst Franziskus auch weiter sehr auf ihn zähle und dass er jetzt erstmal eine Auszeit nehmen werde. «Danke für Ihr Interesse.»

«Wo gehen Sie denn hin, Herr Woelki, und kommen Sie auch wirklich wieder?», ruft ein Reporter ihm zu. «Das wird sich dann zeigen», antwortet er. «Und wie wollen Sie danach das Vertrauen der Gläubigen in Köln wiedergewinnen?», hakt eine Journalistin nach. Für einen Moment sieht es so aus, als wolle Woelki noch etwas sagen. Doch dann wendet er sich ab und geht lächelnd davon.

Kurz zuvor, am Freitagmittag Punkt 12.00 Uhr, verbreitete die Apostolische Nuntiatur - die Botschaft des Vatikans in Berlin - eine Mitteilung des Heiligen Stuhls. Eine Mitteilung, die schon seit Monaten mit Spannung erwartet worden ist. Sie soll endlich Klarheit bringen und die seit einem Jahr schwelende Vertrauenskrise im größten deutschen Bistum beenden. Die Frage ist: Bleibt Kardinal Woelki im Amt?

Die Antwort ist: Ja. Papst Franziskus nimmt ihn ausdrücklich gegen den Vorwurf in Schutz, Missbrauch vertuscht zu haben. Das sei widerlegt. Andererseits heißt es in der Erklärung: «Dennoch hat Kardinal Woelki in der Herangehensweise an die Frage der Aufarbeitung insgesamt, vor allem auf der Ebene der Kommunikation, auch große Fehler gemacht. Das hat wesentlich dazu beigetragen, dass es im Erzbistum zu einer Vertrauenskrise gekommen ist, die viele Gläubige verstört.»

Das sind für den Vatikan, der die blumige Formulierung liebt, klare Worte, das ist herbe Kritik. In Verbindung mit der angekündigten Auszeit von Mitte Oktober bis zum 1. März ergibt sich daraus die Frage: Macht Woelki wirklich weiter? Es gibt gewisse Parallelen zu einem anderen Aufsehen erregenden Fall in der katholischen Kirche in Deutschland: «Die Entscheidung zu Kardinal Woelki erinnert mich in manchem an das römische Vorgehen im Blick auf meinen Amtsvorgänger in Limburg», denkt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, laut nach. Dieser Amtsvorgänger war niemand anders als «Protzbischof» Franz-Peter Tebartz-van Elst. Auch der nahm eine Auszeit, der Papst schickte einen Gesandten - und Tebartz-van Elst kehrte niemals mehr zurück. Er ließ sich einen Vollbart wachsen und bekam einen schönen neuen Posten unter der Sonne Italiens.

Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller glaubt jedoch nicht, dass es in Köln auch so kommen wird. Für ihn lautet der entscheidende Satz in der Erklärung des Vatikans: «Der Heilige Vater zählt auf Kardinal Woelki.» Das bedeute, dass sich Woelki keine Sorgen machen müsse. Darauf deute auch hin, dass zum Apostolischen Administrator kein Kirchenmann von außen ernannt worden sei, so wie das eigentlich üblich sei, sondern ein Weihbischof aus Köln selbst, Rolf Steinhäuser. «Da wird nicht viel passieren», glaubt Schüller deshalb. «Im März kommt Woelki wieder zurück, zieht ein reumütiges Gesicht und macht weiter. Dann kommt auf Köln eine bleierne Zeit von 10, 15 Jahren unter einem Kardinal zu, der keine Resonanz mehr hat. Ein König ohne Volk.»

Mit der Entscheidung vom Freitag hat Papst Franziskus nunmehr fünf deutsche Bischöfe, die ihm entweder seinen Rücktritt angeboten hatten oder - Fall Woelki - unter Beobachtung standen, im Amt belassen. Die anderen Vier sind der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der Hamburger Erzbischof Stefan Heße sowie die beiden Kölner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff. Sie alle können weitermachen. «Für mich ist das eine moralische Bankrotterklärung des Papstes, insbesondere wenn er schreibt, Woelki habe sich bei der Aufarbeitung des Missbrauchs nichts zuschulden kommen lassen», sagt Schüller.

Dass in der katholischen Kirche auch Verantwortliche auf ihren Posten bleiben, die in der Politik schon längst zurückgetreten wären, hat sehr viel mit der Struktur der 2000 Jahre alten Institution zu tun: Sie ist eine absolutistische Monarchie. Einer bestimmt, und das ist der Papst. «Die höchst problematischen Aspekte einer monarchisch aufgebauten Institution haben sich bisher vor allem im Verhältnis von Klerus und Laien gezeigt, jetzt zeigen sie sich auch innerklerikal», kommentiert der Theologe Daniel Bogner.

Der Professor für Moraltheologie und Ethik an der schweizerischen Universität Freiburg erinnert daran, dass auch führende Geistliche des Erzbistums Köln in den vergangenen Monaten signalisiert hätten, dass sie Woelki eine sinnvolle Leitung nicht mehr zutrauten. Das sei so etwas wie ein SOS-Signal aus dem Maschinenraum des Kirchenschiffs. «Aber in Rom gibt es wohl keine Antennen für solche Funksprüche.»

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