Kasseler Politologe: "Grüne hatten schon einmal Werte um die 30 Prozent"

Kasseler Politologe tritt nach Hessen-Wahl auf Euphoriebremse

Kassel/Chemnitz.

Trotz ihrer jüngsten Wahlerfolge sind die Grünen nicht auf dem Weg, die SPD als Volkspartei abzulösen, sagt der Politologe Wolfgang Schroeder. Jürgen Becker sprach mit ihm.

Freie Presse: Die CDU verliert deutlich, die Grünen legen stark zu, obwohl beide in Hessen zusammen regieren. Was ist der Grund für dieses Auseinanderdriften?

Wolfgang Schroeder: Dieses Wahlergebnis ist stark geprägt durch die Bundesthemen und den Zustand der Groko in Berlin. Insofern haben die Grünen starken Rückenwind, weil sie im Bund nicht beteiligt sind. Durch ihr Personal und ihre Programmatik bieten sie zudem eine Projektionsfläche für eine mögliche gute Politik. Das hat für sie zu einem sagenhaften Ergebnis geführt und dazu, dass sie in der hessischen Koalition besser als die CDU bewertet wurden.

Erst das Rekordergebnis in Bayern, jetzt das Hoch in Hessen: Sind die Grünen auf dem Weg, die SPD als Volkspartei abzulösen?

Da wäre ich sehr skeptisch, weil die Grünen ja zum Beispiel im Jahr 2011 nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima schon einmal um die 30 Prozent hatten. Aus diesen Werten, die einmal in einer besonderen Konstellation erreicht werden, kann man noch keine Rückschlüsse ziehen, wie tragfähig, wie belastbar und wie langfristig diese Unterstützung sein wird.

In Bayern würden die Grünen gerne mit der CSU regieren, in Hessen tun sie es ja schon mit der CDU: Ist die klassische Orientierung Rot-Grün vorbei?

Nein, wenn man zum Beispiel nach Rheinland-Pfalz oder Berlin schaut, regieren die Grünen ja mit der SPD zusammen. Ich glaube, dass eine SPD-Grüne-Koalition von der Programmatik her die größten Schnittmengen hat. Aber es muss auch machtpolitisch passen. Und die Grünen haben vor einigen Jahren die Entscheidung getroffen, nicht mehr darauf zu warten, dass die SPD stark genug wird, sondern sie gehen Koalitionen ein, die gerade passen, um das Meiste für sich herauszuholen. Man kann sagen, sie haben sich aus der babylonischen Gefangenschaft der Sozialdemokratie befreit. Damit fahren sie im Augenblick sehr gut.

In einem Jahr ist Landtagswahl in Sachsen: Rechnen Sie mit einem ähnlich guten Ergebnis für die Grünen wie in Hessen?

Nein. Sie werden auch im Osten wesentlich besser abschneiden, aber auf einem deutlich geringeren Niveau als in Hessen. Die sozialstrukturellen Grundlagen sind für ein derartiges Ergebnis im Osten nicht stark genug ausgeprägt.

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