Merkel ruft zu Zivilcourage auf: «Nicht schweigen»

Für die Ausstellung «Survivors» hat Fotograf Martin Schoeller 75 Holocaust-Überlebende in Israel fotografiert. Bei der Eröffnung appellierte die Bundeskanzlerin an die Menschen, sich im Alltag für Bedrängte einzusetzen - und nicht wegzuschauen.

Essen (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Bürger dazu aufgerufen, im Alltag Zivilcourage zu zeigen.

Bei der Eröffnung einer Ausstellung mit Porträts von Holocaust-Überlebenden sagte sie am Dienstag in Essen: «Und so ist auch jedes Porträt hier eine Mahnung an uns, für Menschlichkeit einzutreten, eine Mahnung, im Alltag eben nicht zu schweigen und wegzuschauen, wenn jemand angegriffen, gedemütigt und in seiner Würde verletzt wird.» Die Menschenwürde zu achten und zu schützen sei die vornehmste Pflicht des Staates und «unser aller Verantwortung».

Merkel sprach in Anwesenheit des Holocaust-Überlebenden Naftali Fürst (87), der am Morgen mit einer Maschine der Luftwaffe aus Tel Aviv nach Deutschland geflogen worden war. Die Ausstellung mit Fotos des Fotokünstlers Martin Schoeller zeigt auch ein Porträt von ihm. Anlass für das «Erinnerungsprojekt» ist der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945. Die Ausstellung trägt den Titel «Survivors. Faces of Life after the Holocaust» (Überlebende: Gesichter des Lebens nach dem Holocaust).

Es gebe leider Gründe, «uns diese Verantwortung heute wieder deutlich ins Gedächtnis zu rufen, und zwar wahrlich nicht erst seit dem Anschlag von Halle», sagte Merkel. Rassismus und Antisemitismus seien «nicht nur ein widerwärtiger Angriff auf einzelne Bürger, sondern eben auch ein Angriff auf die grundlegenden Werte, die unsere Gesellschaft tragen und zusammenhalten».

Merkel bezeichnete Naftali Fürsts Reise nach Deutschland in einem Flugzeug der Luftwaffe als eine «symbolische Reise». «Das bedeutet uns unendlich viel, dass Sie diese Reise auf sich genommen haben. Dankeschön», sagte sie an Fürst gewandt. Sie erinnerte an das Schicksal des jungen Naftali Fürst, der vier Konzentrationslager überlebte. «Ich empfinde tiefe Scham angesichts des Leids, das Ihnen und so vielen anderen Menschen durch den von Deutschland begangenen Holocaust zugefügt wurde.»

Aus den Lebensgeschichten der Überlebenden ließen sich «Lehren für uns alle ziehen». «Wie viel Kraft mag das kosten, sich dem Erlebten immer und immer wieder zu stellen, wie viel Kraft mag es erst kosten, Größe zu besitzen, Vergebung und Versöhnung möglich zu machen.» Sie sei jedem Porträtierten «und allen Überlebenden, die die Kraft aufbringen, die Erinnerung weiterzutragen, unendlich dankbar». Fürst sprach auf Deutsch von einer «heiligen Pflicht, die Erinnerungen an die Shoa zu bewahren, damit sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt». «Ich werde die Angst, den Hunger, die Kälte und die Trennung von meinen Eltern nicht vergessen.»

Die Ausstellung zeigt 75 eindringliche großformatige Nahaufnahmen von Holocaust-Überlebenden aus Israel. Träger des Projekts sind die Stiftung für Kunst und Kultur Bonn und die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Initiiert wurde das Projekt vom deutschen Freundeskreis von Yad Vashem. Aufgenommen hat der 51-jährige Schoeller die Porträts im vergangenen Juni in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. «Es ist das emotionalste Projekts meines Lebens bisher», hatte er am Montag gesagt. In Essen wird die Ausstellung bis Ende April gezeigt. Danach ist eine weltweite Tour geplant.

1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Nixnuzz
    24.01.2020

    Merkel's Eingangsworte am Artikel in "Gottes Ohr". Eingebettet in ein Schutz- und Begleitsystem und akzeptierter Gesprächspartner für weltweite Themen. Und abgefiltert vor den Sorgen und Nöten von Teilen der Bevölkerung. In den soziale Funktionsregeln des Westens groß geworden aber mit den sozialen Funktionsregeln des "demnächst blühenden" Ostens "unvertraut" gehen manche Massnahmen - falls überhaupt initiiert - an den dort erlernt/gelebten Verknüpfungen scharf vorbei. Im Westen damals (und jetzt über all) ein mindestens 5 - 6stufiges Regierungs-Entscheidungs-Verwaltungs-System mit Vernebelung der Entscheidungsebene vor den Geldtöpfen - hier im Osten damals maximal 3 Stufen vom Betroffenen über Partei bis zur regierenden Verwaltungsebene an leeren Zuteilungsgebinden. Klar aber deutlich: "Hamwa nich - kommt demnäxt!" /Haschte keen im Weschten?" Ok - Ausnahmen bestätigen die Regeln. Nur eine kleine Ergänzung zum Sozialverbund von VEB's mit dem menschlichen Umfeld: Großkonzerne im Westen hatten derartiges aus Eigeninteresse ebenfalls. Nicht nur den Golf- und Tennis- oder Reitclub. Auch Theater-Casino, Schach- oder Skatverein.Etc.etc.. Reste derartiger sozialen Reklameschilder geistern mehr oder weniger heute noch offen durch die Fussball-Bundesliga, Sportförderungen und sonstigem. Viele Nützlichkeiten für Mitarbeiter und Firmenpensionäre hingegen wurden in den 80er Jahren rigoros und schmerzhaft gestrichen. Werkspolikliniken aufgelöst, Kindergärten geschlossen(und später neu aufgemacht...).Lautstarke engagierte Seniorenproteste wurden ebenso rigoros abgeschmettert. Die gewohnte Rund-Um-Versorgung entfiel. Hies: Besinnung auf das Kerngeschäft! Kunde bezahlt nur das Produkt - nicht den Gaul im Reitverein! Das Vertrauen in die Firmenleitung war dann weg und die Faust in der Tasche manchmal laut auf dem Stammtisch. Wenn dann noch die Gewerbesteuer oder andere Steuern für die Gemeinde auf 1/10 zusammenschnurrt, kriegten manche Verwaltungsleute Schnapp-Atmung. Von den parallel freigestellten Konzern-Mitarbeitern die Arbeitslosenstütze auch noch tragen war nicht ganz einfach. Ging ganz einfach - ohne Treuhand....



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