Menschen, Mars und Mythen: Sigmund Jähn wird 80

Das Jahr 1978 machte den NVA-Jagdflieger zum ersten Deutschen im Weltall. Am Montag wird der Raumfahrt-Pionier der DDR 80 Jahre alt. Die "Freie Presse" fragte den gebürtigen Vogtländer, was ihn heute am meisten bewegt und was er gern noch erleben würde.

Strausberg.

Es war nicht alles eitel Sonnenschein. Weder beim Andockmanöver im Weltall noch bei der Landung auf der Erde. Auch wenn die "Freie Presse", damals noch das Karl-Marx-Städter SED-Bezirksorgan, am 4. September 1978 das Aufsetzen der Raumkapsel am Vortag als "weiche Landung" beschrieb und überschwänglich lobte, Sojus 29 sei "exakt im vorausberechneten Zielgebiet" heruntergekommen - zwei Männer wussten es besser: die beiden Kosmonauten an Bord der Kapsel. Dass sich Sojus 29 beim Landemanöver mehrfach überschlagen hatte und der russische Kommandant Waleri Bykowski und sein deutscher Forschungskosmonaut Sigmund Jähn arg durchgerüttelt worden waren, passte nicht in das Bild, das die DDR vom erfolgreichen deutsch-sowjetischen Heldenmythos zeichnen wollte. Sigmund Jähn selbst schwieg lange über das Rückenleiden, das ihn seit dieser Landung plagt - bis ins hohe Alter. Am Montag wird der erste Deutsche, der in den Weltraum flog, 80 Jahre alt.

Auch Tage vor der Landung in Kasachstan, beim Andock-Manöver hoch oben über dem Baikalsee, war alles "pünktlich und präzise" gelaufen - zumindest nach den Korrespondentenberichten, die die DDR-Nachrichtenagentur ADN über die beobachtenden Bodenstationen geliefert hatte. Sigmund Jähn schmunzelt darüber längst. Er hat "das kleine Problem" keineswegs vergessen, mit dem sich sein russischer Kommandant und er nach dem Andocken an der Orbitalstation Salut 6 konfrontiert sahen. Mit Präzision hatte das weniger zu tun.
"Zuerst ging die Luke nicht auf", verrät Jähn im Gespräch mit der "Freien Presse". Sich der von ihm erwarteten Paraderolle bewusst, habe ihn damals kurz ein mulmiges Gefühl beschlichen. "Ich habe gedacht, es wäre eine Schande, wenn wir jetzt unverrichteter Dinge wieder umkehren müssten, nur weil die Tür nicht aufgeht", entsinnt sich Jähn. Von wegen Schande! Die Luke öffnete sich schließlich doch. Der Rest ist Raumfahrtgeschichte. Die Kosmonauten konnten in die Orbitalstation Salut 6 umsteigen, um mit dem restlichen Team ihr siebentägiges Forschungsprogramm zu absolvieren.

Nach seiner Rückkehr auf die Erde war für den früheren NVA-Jagdflieger nichts mehr wie zuvor. Der aus Morgenröthe-Rautenkranz stammende Vogtländer wurde herumgereicht und als Held gefeiert. Immerhin hatte er dem anderen Deutschland jenseits der Mauer den Rang abgelaufen. Mit Ulf Merbold flog der erste westdeutsche, wenngleich gebürtig ebenfalls aus dem Vogtland stammende Astronaut erst 1983, also fünf Jahre nach Jähn, ins All. Mochten die Systeme auch konkurrieren, bei den beiden Raumfahrern überwogen später die Gemeinsamkeiten. Die Wende 1989 erlebten Sigmund Jähn und Ulf Merbold gemeinsam bei einer Astronauten-Konferenz in Saudi-Arabien. Und als sich die Bundeswehr nach der Wende zunächst weigerte, NVA-Offiziere zu übernehmen, war es Merbold, der Jähn half, beruflich wieder in Tritt zu kommen. Er führte Jähn beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ein und bei der europäischen Raumfahrtbehörde ESA, die Jähn später bei der Ausbildung beriet.Natürlich gehe ihm "das ganze Abenteuer bis heute im Kopf herum", sagt Jähn im Rückblick. Neben den Repräsentationspflichten nach seiner Rückkehr war es besonders ein Bild, das blieb und ihn zu seinem wohl prophetischsten Satz brachte: Jenes Bild des kleinen, blauen Planeten, den er binnen seiner fast acht Tage im Orbit 124-mal umkreist hatte. "Die dringendste Aufgabe der Menschheit" sei, "für die Erde liebevoll zu sorgen und sie künftigen Generationen zu bewahren", beschwor Jähn einst. An dieser Einsicht hat sich bis heute nichts verändert. "Ich bin nur etwas pessimistischer geworden", sagt Jähn kurz vorm 80. Geburtstag. "Leider" sei es "nicht jedem vergönnt", die Erde so zart und verletzlich zu sehen. "Immer wieder treten wir als Räuber und als Eroberer auf. Technisch sind wir zwar fortgeschritten, aber moralisch sind wir noch in der Steinzeit", urteilt er. Als Beispiel nennt er die Atombombe. Während keiner wirklich in der Lage sei, deren zerstörerische Kraft zu kontrollieren, versuche man die Zielgenauigkeit solcher Waffensysteme trotzdem zu verbessern. "Die Menschen sind verrückt."

Noch vor Jahren hatte Jähn in einem Interview von bevorstehenden weiteren Schritten der Menschen in den Weltraum geschwärmt. Dabei hob er später einmal bemannte Missionen zum Nachbarplaneten Mars hervor. Seine Begeisterung ist inzwischen ein wenig der Ernüchterung gewichen. "Dass Menschen auf dem Mars landen, werde ich wohl nicht mehr mitbekommen", sagt er. Natürlich werde das irgendwann geschehen. "Aber wichtiger als das Wann wird sein, wie das passiert", betont Jähn. "Wenn Menschen ohne jede Besitzansprüche da landen, dann ist es gut", überlegt der Raumfahrt-Pensionär. Mit dem Weltraumvertrag von 1967 habe man zumindest vor der Mondlandung "so einen Passus hingekriegt". Ob die damals verankerten Regeln, dass keine Eigentumsrechte an Himmelskörpern im Weltall zu beanspruchen sind, auch noch Bestand haben, sollte es einmal zu bereits erwogenem Ressourcenabbau auf Asteroiden oder Kometen kommen, ist natürlich fraglich. "Wir roden hier unsere Wälder weg. Und wenn wir alles kaputtgemacht haben, gehen wir auf den Mars", kritisiert Jähn. Mit der Einstellung, den Mars als Ausweichkolonie für eine sterbende Erde zu sehen, werde man nicht weit kommen, glaubt er. "Was soll der Mars uns geben, Lebensbedingungen sind dort nicht vorhanden."

Zu Dingen, die er selbst noch gern erleben möchte, schweifen Jähns Wünsche gar nicht mehr unbedingt in unendliche Weiten des Weltraums. "Was ich gern noch erleben würde, ist, meine Enkel in Frieden leben und die Urenkel in Frieden aufwachsen zu sehen", sagt er. Angesichts der Weltlage habe er das Gefühl, "dass vielen Leuten die Wertschätzung dafür abhandengekommen ist, was es bedeutet, in Frieden zu leben." Das möge daran liegen, dass nach 70 Jahren Frieden viele den Krieg nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen. "Ich habe als Kind im Vogtland noch Angriffe von Tieffliegern erlebt und die Deutschen davor fliehen sehen. Die ganzen Flüchtlinge, dieses Leid." Den Frieden auf der Erde wertet Sigmund Jähn deshalb als höchstes Gut. Nur im friedlichen Einklang miteinander und mit dem Planeten könne es dem Menschen gelingen, auf Dauer weiter in den Weltraum vorzudringen: "Sonst wäre der Mensch es einfach noch nicht wert, das zu schaffen", mahnt der Pionier der deutschen Raumfahrt.

Kristallzucht in der Schwerelosigkeit und Fernfotos vom Blauen Planeten - die Experimente des Forschungsteams

An mehr als 20 Experimenten war Sigmund Jähn während seines Aufenthalts auf der Salut-6-Orbitalstation beteiligt. Darunter befanden sich Versuchsreihen des sogenannten Berolina-Experiments.

Es umfasste Züchten von Kristallen unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit, was auf der Erde zwangsläufig während der Entstehung kristalliner Strukturen ablaufende Prozesse ausschloss (etwa Sedimentation). In speziellen Schmelzöfen züchteten die Weltraumforscher Kristalle aus Blei-Tellurid und Wismut-Antimon. Die Testreihen sollten die Halbleiterforschung der DDR voranbringen und das Herstellen optisch zu nutzender Hochleistungsgläser erproben.

Auch Versuche zum Zeitempfinden gab es, zur Hör- und Geschmacksempfindlichkeit sowie zum Sprechvermögen in der Schwerelosigkeit, außerdem zum Zellwachstum und zur Verbindung von Mikroorganismen mit anorganischen Stoffen.

Mit der Multispektralkamera MKF 6 M, die im VEB Carl Zeiss Jena hergestellt worden war, begann an Bord von Salut 6 das Zeitalter der Erdfernerkundung. Die Kamerabilder waren zur Suche nach Bodenschätzen, zur Beurteilung land- und forstwirtschaftlicher Kulturen, zur Umweltforschung, Kartografierung, fürs Beurteilen von Wasser- und Bodenqualität sowie für militärische Aufklärung zu nutzen.

 

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    aussaugerges
    12.02.2017

    Ein Mensch den man nicht vergißt.

  • 4
    0
    Freigeist14
    12.02.2017

    Sigmund Jähn-ein Vorbild an Bescheidenheit und Besonnenheit.
    Einer von uns.



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