Morde wie in einem Videospiel

Stephan B., der mutmaßliche Attentäter von Halle, hat seine Taten mit Handy und Helmkamera gefilmt und live ins Internet gestellt, um weltweit Aufmerksamkeit zu bekommen. Sein Vorgehen weist auf einen neuen Typus von Rechtsterrorismus hin.

Chemnitz.

Einer der ersten Sätze, mit denen sich Stephan B. der Weltöffentlichkeit vorstellt, lautet: "Scheiß drauf." Es ist ein verstörendes, grausames Video, das der mutmaßliche Täter von Halle live im Internet überträgt. Aber es ist ebenso ein Dokument seines umfassenden Scheiterns.

Stephan B. hatte nicht nur geplant, möglichst viele Juden zu töten. Er wollte bei seinem Amoklauf auch vor ein großes weltweites Publikum treten. Deshalb filmte und stellte er seine Taten auf der Web-Plattform Twitch zur Schau, die zu Amazon gehört. Hier streamen vor allem Computerspieler Shooter-Games wie "League of Legends", "World of Warcraft", "Fortnite", aber auch Sportsimulationen wie "Fifa 20" und andere Spiele.

Dabei erinnert Stephan B.s Video an das Massaker mit 51 Toten, das der Rassist Brenton Tarrant im neuseeländischen Christchurch am 15. März angerichtet hatte. In einer kurzen Einstellung stellt sich Stephan B. (27) zunächst vor - und zwar auf Englisch: "Hi, my name is Anon and I think the Holocaust never happened" ("Hi, mein Name ist Anon und ich glaube, den Holocaust hat es nie gegeben"). Das Pseudonym "Anon" ist unter rechten und rechtsextremen Verschwörungstheoretikern beliebt. Anschließend flucht er auf Englisch über Feminismus und Masseneinwanderung und macht als "Wurzel aller Probleme den Juden" aus. Die kurzen Sätze trägt er stakkatoartig und wie auswendig gelernt vor. Mit ihnen will er offenbar seine geplante Bluttat ideologisch rechtfertigen.

Ob Stephan B. eng mit der rechtsradikalen Szene vernetzt war oder nicht, ist noch unbekannt. Nach bisherigen Erkenntnissen war er den Behörden zumindest nicht als rechtsextrem bekannt. Kein Eintrag als Rechtsextremist, kein Ladendiebstahl, nichts. An traditionelle rechtsextreme Zirkel muss einer wie B. gar keinen Anschluss haben, erklärt Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. "Das ist in Zeiten des Internets gar nicht mehr nötig": Die Extremisten holten sich aus dem Netz, "was ihnen in den Kram passt".

Tatsächlich nimmt ein "Bekennerschreiben", das Stephan B. vor der Tat veröffentlichte, Bezug auf "8Chan". Über dieses sogenannte Imageboard im Internet, auf dem Rechtsextremismus, Hass auf Frauen, Antisemitismus und mörderischer Verschwörungswahn feste Bestandteile der Kommunikation der vorwiegend männlichen Besucher sind, hatte sich auch der Attentäter von Christchurch radikalisiert. Stephan B.s elfseitige Text liest sich stellenweise wie die Anleitung zu einem Computerspiel, lakonisch-lapidar geht es um "Ziele", "Ergebnisse", "Bonus". Gemeint ist: Massenmord.

In dem Dokument wimmelt es vor antisemitischen Begriffen. B. spricht etwa von einer "zionistisch besetzten Regierung" - ein klassischer judenfeindlicher Begriff aus der rechtsextremen Szene. Eigentlich habe er zunächst eine Moschee oder ein Antifa-Zentrum attackieren wollen, schreibt B., habe sich aber dann entschieden, doch lieber so viele Juden wie möglich zu töten.

Das fast 36 Minuten lange Video von Stephan B. zeigt, wie brutal und skrupellos er vorgeht. Er fährt zur nahegelegenen Synagoge. Er weiß, dass sie voll besetzt ist, weil diesen Mittwoch der höchste jüdische Feiertag ist: Jom Kippur. Eine Einstellung zeigt eine Tasche voller Munition, selbstgebauter Sprengsätze und Waffen. Eine andere dokumentiert, wie Stephan B. einer Passantin, die sich im Vorbeigehen über den Lärm einer von ihm herbeigeführten Detonation beschwert, wortlos mehrfach in den Rücken schießt. Anschließend feuert er noch mehrfach auf die am Boden liegende Frau. Permanent flucht Stephan B., bezeichnet sich als Loser, als Niete: ,"Einmal Verlierer, immer Verlierer", sagt er. Stephan B.s Video dokumentiert auch, wie erbarmungslos er ist. Im Dönerimbiss fleht ein junger Mann um sein Leben. Stephan B. feuert trotzdem mehrfach auf den Wehrlosen und tötet ihn.

Immer wieder spricht Stephan B. im Jargon eines Gamers. Mick Prinz, der sich bei der Amadeu-Antonio-Stiftung mit rechter Propaganda auf Gaming-Plattformen beschäftigt, sieht im Manifest von B. viele Parallelen zu Videospielen: Er setze sich dort Ziele ("Achievements") und beschreibe seine Mission. Dass er am Ende zwei Menschen tötet, statt wie beabsichtigt Dutzende, steht dem nicht entgegen. "Auch für erste Schritte gibt es in einigen Videospielen "Achievements" - beispielsweise für das Kreieren eines eigenen Gaming-Charakters", sagt Prinz. "Stephan B. greift diese Thematik auf. Schon das Hochladen seines Dokuments wertet er als Erfolg. In anderen Achievements formuliert er konkrete Gewaltakte und Tötungsfantasien." Damit schafft er auch Vergleichbarkeit für Nachahmer.

Auch die Selbstbeschimpfungen B.s, die zur Schau gestellte Improvisation, passen in dieses Bild. Seine Waffen beschreibt er als "billig", die Ausrüstung als "unzuverlässig", und wie es im Gebäude aussieht, das er angreifen will, weiß er auch nicht. "Was könnte schon schiefgehen?", fragt Stephan B. in seinem online veröffentlichten Ablaufplan. Stephan B., der selbsterklärte "Loser" (Versager), ist eine neue Art Rechtsterrorist in Deutschland: seltsam selbstironisch, flapsig-menschenverachtend -"Ich habe zumindest bewiesen, wie wertlos improvisierte Waffen sind", sagt er in dem Video.

Als ihm ein Polizeiwagen entgegenkommt und sich querstellt, sagt er: "Ach, da ist die Polizei. Gut, jetzt sterb' ich." Dabei sind Stephan B.s weinerliches Selbstmitleid, sein mangelndes Selbstwertgefühl und sein Frauenhass typisch für die Incel-Szene. Incel steht dabei für "involuntary celibate" - unfreiwilliges Zölibat. Dazu zählen sich häufig junge weiße Männer, die unfreiwillig keinen Sex haben. Ihr Misserfolg beim anderen Geschlecht führt sie aber nicht dazu, dass sie ihr eigenes Frauenbild überdenken, sondern dazu, sich zu radikalisieren - mitunter bis hin zur Ausübung von Gewalttaten. Alek Minassian zum Beispiel, der am 23. April 2018 einen Anschlag in Toronto in Kanada mit einem Van verübte und dabei zehn Menschen tötete, gab als Ursache für seinen Angriff an, damit eine Rebellion der "Incels" starten zu wollen.

Stephan B.s Vater beschreibt seinen Sohn in der "Bild"-Zeitung als einen Eigenbrötler, der häufig vor dem Computer gesessen habe: "Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld", so der Vater. Der 27-Jährige habe kaum Freunde gehabt und stattdessen viel Zeit im Internet verbracht. "Der Junge war nur online." Dem "Bild"-Bericht zufolge hatte Stephan B. nach dem Abitur zwei Semester Chemie studiert, das Studium aber wegen Krankheit abgebrochen. Einer Nachbarin zufolge soll er zuletzt als Rundfunktechniker gearbeitet haben. Der Vater berichtete, sein Sohn sei zwar bei der Bundeswehr gewesen, habe aber keine Spezialausbildung gehabt.

In seinem auf Englisch geschriebenen Manifest betont Stephan B. gleich zweimal, wie wichtig es ihm ist, dass seine Tat live ins Internet übertragen wird. "Erhöhe die Moral von anderen unterdrückten Weißen, indem die Aufzeichnung des Kampfeinsatzes verbreitet wird", heißt es dort. Und: "Verbreite einen erfolgreichen Live-Stream." Allerdings erreicht er im ersten Schritt sein Propagandaziel kaum. Lediglich fünf Twitch-Nutzer verfolgen den Stream in Echtzeit. Immerhin 2200 Menschen schauen sich allerdings danach die 35 Minuten lange Aufzeichnung an, bevor Twitch das Treiben mitbekommt und das Video auf der Plattform sperrt.

Die Zeit reicht aber aus, die giftige Botschaft aus Halle in andere Netzwerke überschwappen zu lassen. Megan Squire, Computerwissenschaftlerin an der Elon University im US-Bundesstaat North Carolina, hat in einer ersten Analyse inzwischen herausgefunden, dass das Video innerhalb von 30 Minuten über öffentliche Kanäle des Messengers Telegram rund 15.600 Nutzer erreichte. Das Video tauchte auch schnell im Web-Forum 4chan auf, in dem sich auch unzählige Trolle und Hassprediger versammeln.

Die Reaktionen auf Stephan B.s Tat in einschlägigen Foren seien jedoch gemischt, sagt die Extremismusexpertin Julia Ebner: "Während ihn einige glorifizieren und ihm applaudieren, stellen ihn andere als Dilettanten dar."

Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft sagte am Donnerstag, dass geprüft werde, ob es Mittäter gegeben habe. Auch der Rechtsextremismusforscher Axel Salheiser, Soziologe am Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, warnt gegenüber dem Portal "Der Westen" davor, bei der Tat vorschnell von einem Einzeltäter zu sprechen, da sich die Tat klar in eine Reihe von Attentaten wie das von Anders Breivik in Norwegen und Brenton Tarrant in Christchurch einreihe. Salhauser sieht in dem Vorgehen des Täters auch einen "neuen Typen an rechtsradikalen Terroristen", die sich in einer digitalen Sphäre wie ein Schwarm emotionalisieren und radikalisieren. (mit dpa)

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