Musikalischer Schießbefehl

Im Mordfall Lübcke kippt nach weiteren Festnahmen die Einzeltäter-These. Bei der Suche nach dem alles verbindenden Netzwerk mahnt ein Szene-Kenner, eines nicht zu ignorieren: das Netz auf drei Säulen.

Kassel/Karlsruhe.

Gleich das erste Kapitel beginnt mit dem Bekenntnis zum Kampf: "Heute haben wir endlich begonnen. Nach all den Jahren des Redens - und nichts als Reden - unsere erste Aktion. Wir befinden uns im Krieg gegen das System, und es ist nicht länger nur ein Krieg mit Worten."

Der Satz klingt, als stamme er aus dem Mund von Stephan E., des mutmaßlichen Mörders des flüchtlingsfreundlichen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU). Zugleich stellt der Satz auch jenen Wunschtraum dar, den die acht Rechtsextremisten der mutmaßlichen Terrorgruppe "Revolution Chemnitz" gehegt haben mochten, als sie am 1. Oktober 2018 festgenommen wurden - zwei Tage vor ihrem geplanten Anschlag zum Tag der Deutschen Einheit. Durch den, und weil man den Angriff linken "Parasiten" in die Schuhe zu schieben hoffte, rechneten die "Revolutionäre" nach eigenen Angaben mit "bürgerkriegsartigen" Zuständen.

Dabei handelt es sich bei der Eingangspassage um den ersten Satz der "Turner Diaries", der Turner-Tagebücher. Das 1978 in einem rechten US-Magazin erstmals erschienene Werk des Rechtsextremisten William Pierce romantisiert in Tagebuchform einen revolutionären Rassenkrieg. Der Roman beeinflusste schon mehrere rechte Terroristen.

Im Auto des Bombenattentäters Timothy McVeigh, der 1995 im US-Staat Oklahoma ein FBI-Gebäude sprengte und 168 Menschen tötete, befanden sich Auszüge des Buches. Auch der britische Rechtsextremist David Copeland nahm im Geständnis zu seiner Londoner Nagelbombenserie auf das Werk Bezug: "Meine Hauptabsicht war, Angst, Ressentiments und Hass in diesem Land zu verbreiten, um einen Rassenkrieg auszulösen ... Wenn Sie die Turner-Tagebücher gelesen haben, wissen Sie, dass es ... einen Aufstand geben wird."

Seit inoffizieller Verbreitung in mehreren Sprachen übers Internet fanden die Tagebücher ab den 90er-Jahren auch in der deutschen Neonazi-Szene Widerhall. Sie propagieren "führerlosen Widerstand" einzelner Zellen, den man auch als Grundlage der Terror-Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) ausmachte. Auf dem Computer André E.s, des engsten Zwickauer Vertrauten des NSU-Kerntrios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, fanden Ermittler die kompletten Turner-Tagebücher, ebenso beim Beschaffer der NSU-Mordwaffe Ceska, dem früheren Jenaer NPD-Kreischef Ralf Wohlleben.

"Der Nationalsozialistische Untergrund ist ein Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz - Taten statt Worte", mit diesem Bezug auf ein Agieren, statt nur zu reden, begann auch das Bekennervideo zur NSU-Mordserie. Zwischen Versatzstücke aus der Trickfilm-Serie "Der rosarote Panther" sind Tatortfotos und Tatberichte der NSU-Morde und Sprengstoffanschläge geschnitten, die im Film als Paulchens "lustige Streiche" verbrämt werden. Des Panthers letztem Satz aus der Originalserie kommt so am Ende des Bekennervideos besondere Bedeutung zu: "Heute ist nicht alle Tage, ich komm' wieder, keine Frage." Eine Aufforderung, die NSU-Anschläge nachzuahmen?

Nicht nur der NSU führte eine Liste mit tausenden Adressdaten möglicher weiterer Anschlagsziele. Aktuell gibt es ebenfalls rechte Gruppen, die "Schwarze Listen" erstellen. Die mecklenburg-vorpommersche Gruppe Nordkreuz aus dem sogenannten "Hannibal-Netzwerk" etwa soll linke Politiker aufgelistet haben, die am sogenannten "Tag X", dem gewaltsamen Beginn einer rechten Machtübernahme, zu liquidieren seien.

Auch gibt es das "Netzwerk demokratischer Widerstand". Dessen "Projekt Nürnberg 2.0" führt in einer "Schwarzen Liste" 114 Namen von Personen auf, die man als "Nutznießer, Profiteure und Helfershelfer der gegenwärtigen deutschfeindlichen, volksverräterischen Politik" bezeichnet. Man veröffentliche diese, um "weitere Informationen über diese Subjekte" zu sammeln. "So wird zu gegebener Zeit die Möglichkeit bestehen, die Verräter am Deutschen Volk angemessen zur Verantwortung zu ziehen", heißt es zu Beginn der Liste. Der am 2. Juni auf der Terrasse seines Eigenheims in Wolfhagen-Istha erschossene Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke steht auch darauf, alphabetisch einsortiert an 57. Stelle.

Zwar geriet der Regierungspräsident wohl nicht über dieses Papier ins Visier des laut Generalbundesanwalt jetzt geständigen Rechtsextremisten Stephan E. Der 45-jährige Verdächtige soll vielmehr eingeräumt haben, selbst bei jener Bürgerversammlung vor vier Jahren dabei gewesen zu sein, auf der Lübcke Asylkritikern, die den Wertekanon in der Bundesrepublik nicht teilen, nahelegte, das Land zu verlassen. Für seine provozierende Standfestigkeit hatte Lübcke noch vor allen Beschimpfungen und Drohungen im Netz schon zu der Versammlung Buhrufe und Proteste eingefahren. Für Stephan E., so scheint es, wurde Lübcke genau an diesem Punkt vor vier Jahren zum persönlichen Feind.

Ein wesentlicher Punkt, wenn es den "Schweregrad" von Bedrohungen zu beurteilen gelte, urteilt Christian E. Weißgerber. Morddrohungen bekomme immerhin "fast jeder", der sich mit Rechtsextremismus auseinander- und sich dagegen einsetze, sagt der Thüringer, der selbst über Jahre zur Szene zählte. Christian E. Weißgerber war Kopf einer Gruppe "Autonomer Nationalisten" in Südthüringen. Der Einschüchterung folge meist nichts. "Konkretes Ziel eines Anschlags aber kann man werden, wenn persönliche Antipathien entstehen, wenn jemand sich persönlich verletzt fühlt", ergänzt der Szeneaussteiger.

Persönlich kenne er Stephan E. nicht, sagt Weißgerber. Dass er ihn getroffen habe, sei aber möglich. Immerhin nahm Weißgerber an jenen rechtsextremen Ausschreitungen am 1. Mai 2009 in Dortmund teil, bei denen Stephan E. für Sicherheitsbehörden letztmals als Rechtsextremist auf dem Radar auftauchte. "Ich habe damals einen der Busse von Thüringen nach Dortmund koordiniert. Vom Bahnhofsvorplatz sind wir durch die Stadt gezogen und haben alles kaputtgemacht, was uns kapitalistisch schien." Nicht nur mit ihrem Namen treiben "Autonome Nationalisten" ein Verwirrspiel, auch optisch gleichen sie sich als Schwarzer Block manchmal linken Autonomen an. Etwa ein Dutzend aus dem Tross der 400 Rechtsextremisten habe in Dortmund dann Leute von einer zeitgleich laufenden DGB-Kundgebung verprügelt, berichtet Weißgerber.

Aus Kassel fuhren 2009 neben Stephan E. noch fünf weitere "Autonome Nationalisten" zu den Ausschreitungen nach Dortmund. Erst kurz zuvor hatten sich diese Kasseler, die sich vormals als "Freien Widerstand Kassel" bezeichnet hatten, in "Autonome Nationalisten" umbenannt. Aus ihrem Kreis stammt der jetzt ebenfalls festgenommene Markus H. (43), der Stephan E. Waffen vermittelt haben soll. Neben der Tatwaffe verfügte Stephan E. nach jüngsten Erkenntnissen in einem Erddepot noch über eine Maschinenpistole und eine Pumpgun.

Nach Aussage eines Sachverständigen im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss war gerade der "Freie Widerstand" aus Kassel einst "sehr aktiv", schwarze Listen im Internet zu verbreiten: Listen in internen Foren mit Namen und Daten bekannter Nazigegner, teils mit Stadtplan-Auszügen und Hinweisen, wie man zu den Wohnadressen kommt. "Ein unverhohlener Aufruf zur Gewalt", schätzte der Sachverständige ein, betonte aber, dass bisher "außer ein bisschen Psychoterror nie Taten" gefolgt seien. Der jetzt festgenommene Waffenvermittler Markus H. kommunizierte auch auf den Seiten des "Freien Widerstands" - stets unter dem Nutznamen "Stadtreiniger".

"Schwer zu sagen, inwieweit Leute schwarze Listen führen, um andere damit anzustiften", überlegt Weißgerber. "Fakt ist, dass man sich in der Szene gern als heroischer Tabubrecher versteht." Und natürlich gebe es Strippenzieher, die im Hintergrund bleiben, neben aktiven Machern, die sich Sporen noch verdienen wollen. "Um in dieser Art verbunden zu sein, muss ich gar nicht mal wissen, wie der andere heißt. Das hat den Vorteil, dass man einander auch nicht belasten kann", erklärt der Insider. Er nennt einen Begriff, der solch lose und dennoch dirigierende Verbindungen charakterisiere: "strukturloses Netzwerk". Zusammen mit dem Konzept des "führerlosen Widerstands" inklusive anderer organisatorischer Terrortipps aus den Turner-Tagebüchern bilde dies eine Säule des sogenannten nationalen Widerstandes.

Ein dritte Säule macht Weißgerber in dem aus, was man den "musikalischen Marschbefehl" nennen könnte. Ein Paradebeispiel dafür, was gemeint ist, lieferte früher die inzwischen als kriminelle Vereinigung verbotene Szene-Kultband "Landser". Deren Bandmitglieder feierten sich selbst in einem Lied als "Terroristen mit E-Gitarre". Besonders Landsers "Afrika-Lied" macht die Marschbefehl-Bedeutung rechtsextremer Musik klar. Die Skinheads, die 1999 in Guben den Asylbewerber Farid Guendoul zu Tode hetzten, hatten sich zuvor im Auto mit eben diesem Lied in Prügellaune gebracht. Der Song regt an, als "Affen" verunglimpfte Afrikaner in einen leck geschlagenen Kahn zu setzen und zum Ersaufen aufs Meer zu schicken. Auch wenn sie einander gar nicht kannten - die Täter, die im Sommer 2000 in Dessau den Mosambikaner Alberto Adriano tottraten, hatten sich zuvor an demselben Titel berauscht.

Landser sind längst verboten, doch tourt ihr ehemaliger Sänger Michael Regener seit seiner Haftentlassung mit seiner neuen Band von Festival zu Festival. Die "Lunikoff-Verschwörung" hat inzwischen denselben Kultstatus wie zuvor Landser. Auf dem Lunikoff-Album "Ebola im Jobcenter", das zum Höhepunkt der Flüchtlingswelle 2015 erschien, findet sich ein Titel namens "Nemesis". Er bringt auf den Punkt, inwiefern auch die neue Musik ein Handlungen in Gleichtakt bringendes, unsichtbares Netz über die Szene spannt: "Keine noch so gepanzerte Limousine, keine Armeen von Leibwächtern und Polizei. Keine Kameras an allen Ecken können euch schützen. Ihr werdet nie ganz sicher sein", heißt es da. "Immer wird es Irre geben, denen ist alles scheißegal. Setzen alles auf eine Karte, dieses eine, eine Mal. ... Denn die Kugeln sind längst gegossen und die Messer sind gewetzt."

Auf der schwarzen Liste des Widerstands "Nürnberg 2.0" sind neben dem Todesopfer Walter Lübcke auch die TV-Moderatorinnen Anne Will und Maybrit Illner aufgeführt - als "Lügenmedienvertreterinnen". Aus Sachsen findet sich Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel auf der Liste wieder und der Grünen-Politiker Jürgen Kasek, der dort als "Linksextremist" bezeichnet wird.

Zwei in den Jahren 2015 und 2017 lebensgefährlichen Messerattacken ausgesetzte Politiker fehlen auf der Liste allerdings: die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) und Andreas Hollstein (CDU), Bürgermeister der westfälischen Stadt Altena. Allerdings bekamen beide -Reker nach jüngsten Solidaritätsäußerungen für Walter Lübcke - per Mail eine gleichlautende Morddrohung. Mit Walter Lübcke sei eine "Phase bevorstehender Säuberungen" eingeleitet worden, heißt es laut "Kölner Stadtanzeiger" in dem Schreiben. "Es werden ihm noch viele weitere folgen. Unter anderem Sie beide." Ob er sich selbst zur "Säuberung" berufen fühlt oder andere anstachelt, ließ der anonyme Saubermann offen. (mit jwen)

Christian E. Weißgerbers Sachbuch "Mein Vaterland - Warum ich ein Neonazi war" ist im Verlag Orell Füssli erschienen. ISBN: 978-3-280-05696-7

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 2 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 9
    2
    Täglichleser
    28.06.2019

    Die Schmierereien mit den national befreiten Zonen, mit Nazizahlencodes
    auf Häuserwänden und auf KfZ-Kennzeichen gibt es schon lange und in vielen Gegenden der Region. Da liefen auch mal mit weissen Gesichtsmasken Rechte über einen Kirmesplatz und verbreiteten Angst, auch mit entsprechenden Flugblättern und Anschlägen in der Stadt.
    Wortlos wurden die Anschläge von Stadtangestellten entfernt. Keine Stellungnahme eines Bürgermeisters. Keine weitere Nachricht darüber. Rechts wurde akzeptiert und totgeschwiegen, auch
    in der Provinz. Kein Wunder, dass sich die Rechten gestärkt fühlen und am Ende in Mord endet.

  • 8
    2
    Distelblüte
    28.06.2019

    Das ist eine geballte Ladung an rechter Bedrohung, die dieser Artikel zusammenträgt - beängstigend.
    Bemerkenswert halte ich diesen Absatz:
    ""Um in dieser Art verbunden zu sein, muss ich gar nicht mal wissen, wie der andere heißt. Das hat den Vorteil, dass man einander auch nicht belasten kann", erklärt der Insider. Er nennt einen Begriff, der solch lose und dennoch dirigierende Verbindungen charakterisiere: "strukturloses Netzwerk". Zusammen mit dem Konzept des "führerlosen Widerstands" inklusive anderer organisatorischer Terrortipps aus den Turner-Tagebüchern bilde dies eine Säule des sogenannten nationalen Widerstandes."
    Man sollte sich Neonazis nicht mehr als Glatzenträger mit Springerstiefeln vorstellen. Sie sind längst ins Bürgerliche hinübergezogen, mähen jede Woche ihren Rasen, fügen sich ins Umfeld ein, fallen nicht mehr auf. Und sind gfährlicher als je zuvor.



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