Organspende - Ringen um eine Neuregelung

Eine Gesetzesnovelle macht alle Bürger zu Organspendern, sofern sie nicht zu Lebzeiten widersprochen haben. Das Vorhaben trifft auf geteilte Meinungen

Wie viele Organspenden gibt es?

Seit 2010 sank die Zahl der Spender und erreichte mit 797 Spendern im Jahr 2017 den Tiefstand. Im vergangenen Jahr zeigte sich eine Zunahme auf 955 Menschen, die nach ihrem Tod Organe spendeten. Trotzdem sind die Bundestagsabgeordneten einhellig der Meinung, dass mehr getan werden muss, um zu mehr Spenden zu kommen. Denn derzeit warten nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) etwa 9400 Schwerkranke auf ein lebensrettendes Spenderorgan. Allerdings gibt es im Bundestag verschiedene Auffassungen, wie das Ziel erreicht werden kann.

Was schlägt der Kreis der Abgeordneten um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor?

Diese Gruppe will eine "Widerspruchslösung" einführen. Das heißt: Jeder Bürger gilt künftig als Spender - es sei denn, er hat zu Lebzeiten erklärt, dass er nicht Spender sein will. Damit Klinikärzte wissen, wie sich jemand entschieden hat, wird voraussichtlich beim Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) ein Register eingeführt. Kommt jemand nach seinem Tod als Spender in Frage, fragt der Arzt beim DIMDI nach, wie sich der Patient entschieden hatte. Wenn das kein Ergebnis erbringt, fragt der Arzt die Angehörigen, ob der Tote Organspender sein wollte oder nicht. Ist den Angehörigen nicht bekannt, dass der Verstorbene Organspenden ablehnte, ist die Transplantation zulässig.

Wie funktioniert das Register?

Laut Spahn soll es zunächst so sein, dass ein Arzt mit seinem Patienten über Organspende spricht und dessen Willen dann dem DIMDI meldet. Künftig soll das zudem auch jeder Bürger selbst dem DIMDI mitteilen können. Damit sich mehr Bürger mit dem Thema befassen, werden alle 70 Millionen Erwachsenen vom Einwohnermeldeamt angeschrieben und darauf hingewiesen, dass nun die "Widerspruchslösung" gilt. Bei der Gelegenheit soll die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Infomaterial über Organspenden beilegen.

Was schlägt der zweite Kreis von Abgeordneten um Grünen-Chefin Annalena Baerbock vor?

Auch er will zu mehr Organspenden kommen - allerdings als "eine bewusste und freiwillige Entscheidung", die nicht durch den Staat erzwungen werden dürfe. Die "Widerspruchslösung" wecke Ängste und mindere das Vertrauen in die Organspende. Die Gruppe will vielmehr, dass ein Online-Register entsteht, in das jeder eintragen kann, ob er postmortal Spender sein will oder nicht. Wer kein Votum für oder wider Organspende abgibt, wird nicht registriert. Auf das Register haben auch die Kliniken Zugriff, um nach dem Tod eines Menschen zu erfahren, wie sich der Tote zu Lebzeiten entschieden hatte. Die Eintragung soll auf den Bürgerämtern stattfinden. "Den Ausweisstellen kommt eine zentrale Bedeutung zu: Sie werden verpflichtet, die Bürgerinnen und Bürger mit Informationsmaterialien zu versorgen und bei Abholung der Ausweispapiere zur Eintragung in das Organspende-Register aufzufordern."

Warum gibt es heute so wenig Spenden - obwohl etwa 36 Prozent der Bürger einen Spenderausweis haben?

Eine Studie der Universität Kiel zeigt, dass die Abläufe in den Kliniken nicht gut funktionieren. Zwischen 2010 und 2015, so die Studie, hat sich die Zahl möglicher Spender um fast 14 Prozent erhöht - die Zahl der tatsächlich realisierten Spenden sank im selben Zeitraum aber um fast ein Drittel. Um dies zu ändern, hat der Bundestag das Transplantationsgesetz geändert. Diese Novelle trat am 1. April in Kraft und besagt, dass Transplantationen besser vergütet werden soll. Zudem sollen sich dort spezielle Beauftragte darum kümmern, dass es mehr Spenden geben wird. Beide Parlamentariergruppen - der Kreis um Spahn wie der um Baerbock - betonen, dass ihre jeweiligen Vorschläge allein nicht ausreichten, um zu mehr Spenden zu kommen. Dafür seien auch Änderungen im Klinikalltag nötig, wie sie die Novelle anstrebe.

Wie ist die Lage in anderen Ländern?

In 20 EU-Ländern - darunter ist Österreich - gilt die Widerspruchslösung. Österreich weist auch eine deutlich höhere Spenderquote auf als Deutschland. In Österreich findet aber trotz Widerspruchslösung keine Organentnahme statt, wenn Angehörige dies nicht wünschen - und zwar auch dann nicht, wenn der Tote nicht widersprochen hatte und eine Entnahme somit rechtmäßig wäre. "Wir wollen das nicht gegen den Widerstand der Verwandten durchsetzen. Das würde die öffentliche Wahrnehmung des Organspendens sehr negativ beeinflussen", sagt Stephan Eschertzhuber, der die Transplantationschirurgische Intensivabteilung der Uniklinik Innsbruck geleitet hat. Er betont, wie wichtig es sei, dass Ärzte Zeit und Ruhe haben, um mit Angehörigen zu besprechen, ob es bei ihrem toten Familienmitglied zu einer Spende kommen soll.

Was sagt die Ärzteschaft zu den Vorschlägen?

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, begrüßt die Reformpläne der Gruppe um Spahn. Mit der Widerspruchsregelung "müssen sich die Menschen bewusst mit der Frage auseinandersetzen, ob sie spenden wollen oder nicht". Niemand werde zur Organspende gezwungen, "und nach dem Tod ist auch den Angehörigen ein Widerspruch möglich". Es müsse aber allen bewusst sein, dass es hierbei um ein hochsensibles Thema gehe, "das ethische, religiöse und verfassungsrechtliche Fragen berührt". (bwa)

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