Privatschulen liegen im Trend

Privatschulen sind gefragt - viele Eltern ziehen sie inzwischen den öffentlichen Schulen vor. Verschärft sich damit die soziale Spaltung? Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann befeuert die Debatte.

Dortmund (dpa) - Privatschulen haben in Deutschland deutlichen Zulauf - mit konstanten oder weiter steigenden Schülerzahlen in fast allen Bundesländern. Das hat eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergeben.

Der Zustand vieler öffentlicher Schulen habe zur Steigerung der Nachfrage nach Privatschulen beigetragen, kritisierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Entwicklung sei höchst problematisch, die Politik solle dem «Privatschulboom» entgegenwirken, forderte die GEW in Nordrhein-Westfalen. «Die Existenz privater Schulen wirkt sozial selektiv», meinte GEW-Landeschefin Maike Finnern.

Zugleich sorgte eine Äußerung von Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann für Wirbel, in dem es primär um oft unzureichende Deutschkenntnisse vor der Einschulung ging. Dabei hatte der CDU-Politiker in dem Interview auch gesagt: «Bis tief hinein in die Mittelschicht erlebe ich Eltern, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken, weil das Niveau an staatlichen Schulen sinkt.» Und in dem Zusammenhang hatte Linnemann von «neuen Parallelgesellschaften» gesprochen.

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak plädierte in der aufgeheizten Debatte für gezielte Sprachförderung in der Kita und «überall verbindliche Sprachtests vor der Einschulung.» Nicht nur ausländische Kinder hätten Sprachprobleme. Kein Kind solle ausgegrenzt werden, betonte der Präsident der Kultusministerkonferenz, Alexander Lorz (CDU). Integration gelinge am besten in der Kita und in der Schule.

Jeder elfte Schüler lernt inzwischen laut Verband Deutscher Privatschulverbände (VDP) an einer privaten Schule - etwa einer Einrichtung in kirchlicher Trägerschaft, einer Waldorf- oder Montessorischule. Sie alle müssen staatlich genehmigt werden. Der VDP sprach von einer «heterogenen Schülerschaft».

Wie viele Schüler besuchen nach aktuellsten Zahlen in den einzelnen Bundesländern eine private Schule? Für NORDRHEIN-WESTFALEN meldet das Statistikamt steigende Werte. Zuletzt lernten dort demnach fast 163.100 Schüler an einer Privatschule - 0,3 Prozent mehr als 2017/18. An der Schülergesamtzahl mache das einen Anteil von 8,6 Prozent aus - vor allem bei Gymnasien sei er mit 16,8 Prozent hoch. Nicht enthalten sind hier Berufs- und Weiterbildungskollegs, Förderschulen nur zu einem Teilbereich. Das Düsseldorfer Schulministerium zählt anders, kommt auf sogar 208.000 Privatschüler, aber einen «leicht rückläufigen» Trend. Ministerin Yvonne Gebauer (FDP) sieht die Privaten als Ergänzung, alle Schulformen ermöglichten eine «gute, erfolgreiche Bildungsbiografie».

In BAYERN gingen im Schuljahr 2018/19 knapp 146.800 Kinder und Jugendliche in eine der 625 Privatschulen. Das macht einen vergleichsweise hohen Anteil von 11,7 Prozent aus. Viele wollten ihre Kinder wohl vor dem in Bayern besonders leistungsorientierten System der öffentlichen Schulen bewahren, meint der dortige Lehrerverband. Es gebe auch elitär ausgerichtete Gründe. Von einer «bedauerlichen Entwicklung» spricht der Elternverband. Einige Eltern gingen offenbar von besserer Förderung und Geborgenheit bei privaten Trägern aus.

In BADEN-WÜRTTEMBERG hat die Zahl der Privatschüler einen Höchststand erreicht. Rund 106.800 Schüler besuchten eine allgemeinbildende Privatschule - 0,8 Prozent mehr als 2017/18. Nach Einschätzung der Landes-GEW wollen Eltern über das Umfeld ihrer Kinder bestimmen. «Und private Schulen wählen nach Milieu oder auch nach Religion aus.» In RHEINLAND-PFALZ bewegt sich die Privatschüler-Quote in Richtung 8 Prozent, aus dem SAARLAND wird eine konstante Zahl von knapp 8600 Privatschülern gemeldet.

In HESSEN verzeichnete das Kultusministerium einen leichten, kontinuierlichen Anstieg: Dort besuchten nahezu 54.700 Heranwachsende eine allgemeinbildende Schule in privater Trägerschaft - ein Anteil von gut 7 Prozent. Viele Eltern hätten Interesse an Reformpädagogik, meint die Arbeitsgemeinschaft der freien Schulen. Die GEW in Hessen verlangt eine Stärkung des öffentlichen Systems.

In BREMEN herrscht zwar große Unzufriedenheit mit den öffentlichen Schulen, einen Ansturm auf die Privaten gibt es aktuell trotzdem nicht. Laut Bildungsverwaltung besucht immerhin etwa jeder zehnte Schüler eine Privatschule. In NIEDERSACHSEN blieb die Zahl konstant. Das Bildungsministerium in SCHLESWIG-HOLSTEIN hält die Ersatzschulen für «eine gute Ergänzung des öffentlichen Bildungssystems». Dort lernen nur 5 Prozent der Schüler an Privatschulen. HAMBURG meldet «konstanten Zulauf».

In BERLIN besuchen rund 37.000 Schüler Privatschulen - ein Anteil von rund 10 Prozent. In BRANDENBURG ist der Anteil binnen zehn Jahren von 8 Prozent auf aktuell gut 11 Prozent geklettert - was nach Einschätzung des Bildungsministeriums an besonderen Konzepten oder schlicht am kurzem Schulweg liegen könnte.

Auch in SACHSEN-ANHALT liegen Privatschulen im Trend. Ebenso in THÜRINGEN, wo mehr als jeder zehnte Schüler an einer privaten Schule lernt - Tendenz steigend. Das Milieu sei geprägt von einer gut situierten Elternschaft mit hohem Bildungsabschluss, meint die dortige GEW. Die Evangelische Schulstiftung verweist aber auf sozial gestaffeltes Schulgeld und gemischte Elternschaft.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 2 Bewertungen
5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    4
    Einspruch
    07.08.2019

    Ich würde mein Kind auch nicht auf einer Schule lassen wollen, wo es eine Minderheit darstellt und sich nicht mehr in der Muttersprache unterhalten kann.

  • 8
    8
    Freigeist14
    07.08.2019

    Lesemuffel@ Sie reden Unsinn . Glauben Sie ,Ihre Helden jenseits des von Ihnen ausgemachten "Mainstream" hat Interesse an einer Integration dieser Kinder ? Wohl kaum . Und mit Verlaub : Ich hätte mir die Privatschule für das Kind leisten können . Aus gutem Grund (Mainstream?) haben wir auf dieses Modell mit Erfolg verzichtet .

  • 11
    9
    Lesemuffel
    07.08.2019

    Ein weiterer Mosaikstein wie unsere Gesellschaft bewusst gespalten wird. Klar dass, wer es sich finanziell leisten kann, seine Kinder auf eine Privatschule schickt. Gut zu sehen an der Mahnung von Herrn Linnemann und wie er vom linksgrünen Establishment + CDU niedergemacht wird. So gibt es in Zukunft gut Ausgebildete und eine Masse, die auf der Strecke bleiben. Dann sucht man "händeringend" Fachkräfte für fast alles. Deutschland, quo vadis?

  • 9
    9
    Malleo
    07.08.2019

    Logische Konsequenz deutscher Eltern!!

  • 7
    7
    Distelblüte
    07.08.2019

    Ich vermisse Sachsen in der Aufzählung.



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