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Deutschland
Sorge um Datenzugriff: Was passiert bei einer AfD-Regierung?

Was würde passieren, wenn die AfD in einem Bundesland in die Regierung käme – und von ihr eingesetzte Beamte plötzlich Zugriff auf sensible Polizeidaten hätten? Politiker und Behörden sehen Risiken.

Bremen.

Drohnenabwehr, Abschiebungen und Gewalt bei Fußballspielen stehen auf der Tagesordnung der Herbstkonferenz der Innenminister von Bund und Ländern (IMK). Doch ein Thema fehlt, das einige Teilnehmer des dreitägigen Treffens, das an diesem Mittwoch in Bremen beginnt, noch mehr bewegt: Was würde eine etwaige Regierungsbeteiligung der AfD nach den im kommenden Jahr anstehenden Landtagswahlen für die Sicherheitsbehörden und ihre Zusammenarbeit auf Bundesebene bedeuten?

Wer Innenpolitiker anderer Parteien danach fragt, blickt meist in besorgte Gesichter. Sie fragen sich, was passieren würde, wenn von AfD-Politikern eingesetzte leitende Beamte auf bestimmte Datenbanken des Verfassungsschutzes und der Staatsschutz-Abteilungen der Polizei Zugriff erhielten – und was das mit Blick auf die Russland-Verbindungen einiger Parteimitglieder bedeuten könnte. Öffentlich äußern wollen sich nur wenige dieser Innenpolitiker.

Linken-Politikerin: "Antworten für den Ernstfall" vorbereiten

Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Clara Bünger, sagt: "Ich habe ein massives Störgefühl, wie wenig Bund und Länder sich bislang auf den Fall vorbereiten, dass ein Bundesland von der AfD regiert wird." Die Innenministerkonferenz solle sich bald damit befassen, welche sensiblen Informationen mit einem von der AfD geführten Bundesland überhaupt noch geteilt werden könnten.

Es gehe nun darum, eine Task Force einzusetzen, "die Szenarien durchspielt und Antworten für den Ernstfall vorbereitet". Darüber dürfe nicht erst gesprochen werden, wenn die AfD bereits Zugriff auf Polizei, Verfassungsschutz und sensible Daten habe, sagt Bünger.

Die Linken-Abgeordnete Clara Bünger warnt davor, die Frage zu ignorieren. (Archivbild)
Die Linken-Abgeordnete Clara Bünger warnt davor, die Frage zu ignorieren. (Archivbild) Bild: Niklas Graeber/dpa

Ex-Innenminister: "Unser Föderalismus ist nicht krisenfest"

Der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) fragt bei der Herbsttagung des Bundeskriminalamts (BKA) im November auf dem Podium: "Was passiert, wenn ein AfD-Mensch Innenminister wird, meinetwegen in einer Koalition AfD-BSW in Sachsen-Anhalt oder in Mecklenburg-Vorpommern?" Das sei schließlich "keine ganz unwahrscheinliche Variante". Und er fragt: "Was macht dann die Polizei?"

Zwar sei nicht jeder Landespolizeipräsident ein politischer Beamter, der ohne weiteres entlassen werden könne, sagt der Ex-Minister. Gegen eine Entlassung könne auch geklagt werden. Doch insgesamt gelte bei dem Thema: "Unser Föderalismus ist nicht krisenfest."

Denn die Verabredungen, die von den Innenministerinnen und -ministern von Bund und Ländern getroffen würden, hätten keine rechtliche Wirkung – "und wenn jetzt da ein AfD-Innenminister kommt, ist das Ei kaputt". Deshalb sei es wichtig, sich frühzeitig Gedanken zu machen, einen Plan B in der Hinterhand zu haben – für den Fall der Fälle.

"Irgendetwas müssen wir machen, denn unser ganzes Zusammenwirken beruht auf gutem Willen", sagt de Maizière, der einst treu an der Seite von Ex-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stand, die für die 2013 gegründete AfD in den ersten Jahren eine Reizfigur war. Er warnt: Sei der gute Wille unter Demokraten eines Tages nicht mehr da, würde es schwierig. Deshalb müsse man rasch "ein paar institutionelle Sicherungen" einbauen.

Wer hat Zugriff auf welche Daten?

Auch BKA-Präsident Holger Münch drängt zur Eile. Er fragt mit Blick auf die Landtagswahlen im kommenden Jahr: "Haben wir eigentlich genug vorgedacht, was passieren kann und nicht erst in ferner Zukunft – und sind wir darauf vorbereitet?" Auch im BKA werde man darüber noch einmal nachdenken müssen. "Was heißt das eigentlich auch für das Thema: Wer hat eigentlich Zugriff auf welche Daten?"

Das Thema müsse im Arbeitskreis II der Innenministerkonferenz, der unter anderem für Gefahrenabwehr, Bekämpfung des Terrorismus und Angelegenheit der Polizei zuständig ist, "in sehr kurzer Zeit" besprochen werden.

Der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, appelliert an die Innenministerkonferenz, sich mit Blick auf die Landtagswahlen im kommenden Jahr mit der Frage zu beschäftigen, wer Zugang zu welchen Daten der Sicherheitsbehörden hat. (Archivbild)
Der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, appelliert an die Innenministerkonferenz, sich mit Blick auf die Landtagswahlen im kommenden Jahr mit der Frage zu beschäftigen, wer Zugang zu welchen Daten der Sicherheitsbehörden hat. (Archivbild) Bild: Britta Pedersen/dpa

Österreich: Nachrichtendienste schränkten Zusammenarbeit ein

Erfahrungen mit so einem Fall gibt es in der Bundesrepublik bisher nicht. Die Überlegungen erinnern allerdings an die Zeit zwischen 2017 und 2019 in Österreich, als dort Herbert Kickl von der rechten FPÖ Innenminister war. In diese Zeit fiel eine umstrittene Razzia beim österreichischen Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, die von Kickl initiiert wurde.

Diese Razzia hatte erhebliche Konsequenzen: Befreundete ausländische Geheimdienste, darunter auch der deutsche Verfassungsschutz, stuften daraufhin ihre Kooperation mit Österreich zurück. Ein weiterer Grund war der Freundschaftsvertrag, den die FPÖ 2016 mit der Putin-Partei Geeintes Russland geschlossen hatte und dessen Bedeutung sie inzwischen relativiert. Die Hausdurchsuchung sollte angeblich Missstände in der Behörde aufdecken, beschädigte aber das Vertrauen ausländischer Partnerdienste.

Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz

Das Bundesamt für Verfassungsschutz stufte die AfD im Mai als gesichert rechtsextremistisch ein, wogegen die Partei vor dem Kölner Verwaltungsgericht geklagt hat. Bis zu einer noch ausstehenden Gerichtsentscheidung in dieser Sache hat der Verfassungsschutz die Höherstufung daher wieder auf Eis gelegt. Mit einer Klage gegen die Einstufung als Verdachtsfall, die bereits eine Beobachtung mit nachrichtendienstlichen Mitteln wie Observation gestattet, war die Partei vor Gericht gescheitert.

Die AfD wird vorerst vom Bundesamt für Verfassungsschutz weiter als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft. (Archivbild)
Die AfD wird vorerst vom Bundesamt für Verfassungsschutz weiter als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft. (Archivbild) Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa

Die neue Einschätzung des Verfassungsschutzes ist ein Grund, weshalb die Innenministerinnen und -minister bei ihrer zurückliegenden Konferenz im Frühsommer die Einsetzung einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum weiteren Umgang mit der AfD vereinbart haben, die sich inzwischen konstituiert hat.

Innenminister setzten im Frühjahr Arbeitsgruppe ein

Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich etwa mit der Frage, welche waffenrechtlichen und dienstrechtlichen Konsequenzen eine Bestätigung der neuen Einstufung durch das Gericht für AfD-Mitglieder im öffentlichen Dienst hätte. Ein möglicher Verbotsantrag ist nicht Teil ihres Auftrags. Was ihre Mitglieder bisher besprochen haben, soll laut Tagesordnung in Bremen vorgetragen werden.

Einen Antrag auf Verbot einer extremistischen Partei können theoretisch die Bundesregierung, der Bundestag oder der Bundesrat stellen. Darüber entscheiden muss am Ende das Bundesverfassungsgericht. (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
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