Stabwechsel unter Tränen

Eine Frau folgt auf eine Frau an der CDU-Spitze: Annegret Kramp-Karrenbauer hat das Rennen um den CDU-Vorsitz knapp gewonnen. Doch jetzt muss sie sich an der Parteispitze auch gegenüber den Skeptikern bewähren.

Hamburg.

Als es gegen 17.00 Uhr so weit ist, kann Annegret Kramp-Karrenbauer die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie sitzt in den Delegiertenreihen des Landesverbands Saarland, als das Ergebnis der Stichwahl verlesen wird. Die Spannung im Saal war bis eben mit den Händen zu greifen. Die bisherige Generalsekretärin "AKK", wie sie in der CDU genannt wird, hat 517 der 999 abgegebenen Stimmen erhalten, ihr schärfster Konkurrent Friedrich Merz 482. Damit hat sie die nötige Mehrheit von 500 Stimmen erreicht. Der Saal tobt vor Jubel.

Kramp-Karrenbauer wischt sich gerade mit der Hand die Tropfen unter der Brille weg, als Merz auf sie zukommt und sie herzlich umarmt. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn nimmt sie in den Arm. Er war der dritte Mitbewerber, ist aber bereits eine halbe Stunde zuvor im ersten Wahlgang ausgeschieden. Oben auf der Parteitagsbühne kommt Kramp-Karrenbauer ihre Amtsvorgängerin Angela Merkel entgegen. Auch Merkel nimmt AKK in den Arm. Die Übergabe des Staffelstabs ist vollzogen, aus Merkels Sicht sogar an ihre Favoritin.

Kramp-Karrenbauer bedankt sich in ihrer kurzen Dankesrede für einen fairen Wettbewerb, den sich die drei bei Regionalkonferenzen in ganz Deutschland geliefert haben. "Es war ein Wettbewerb, um den uns andere beneidet haben", ruft AKK, "dieser Aufschwung muss weiter gehen!" Das Ziel müsse sein, die Union "mit allen Flügeln, mit allen Mitgliedern, mit allen, die Verantwortung tragen, als die große Volkspartei der Mitte zu erhalten." Dann lädt sie auch ihre Mitbewerber ein, zu ihr auf die Bühne zu kommen. "Ich würde mich freuen, wenn sowohl Friedrich Merz als auch Jens Spahn an dieser Aufgabe mitarbeiten!" Die beiden unterlegenen Männer wirken wie faire Verlierer. Es passt zum Motto des Parteitags: "Zusammenführen, zusammen führen." Die Union will sich wieder als harmonische Familie fühlen.

In ihren Bewerbungsreden vor den Delegierten versuchen die drei jedoch durchaus, sich voneinander abzuheben. Während Merz mit seiner Rede eher unter den allseits gehegten Erwartungen bleibt, überrascht vor allem Spahn mit seinem Auftritt. Da die Bewerber in alphabetischer Reihenfolge auftreten, ist er als Letzter dran.

Er habe in letzter Zeit oft den Rat bekommen, er solle nicht so ungeduldig, nicht so ehrgeizig und so überambitioniert sein, er solle seine Kandidatur zurückziehen, sagt Spahn. "Aber da frage ich mich: Ist das die Haltung, mit der wir die Dinge angehen?" Geduld bringe Dinge nicht voran, "allein mit Geduld hätte es die CDU, diese Volkspartei, nie gegeben. "Ich kann Ihnen sagen, es fühlt sich richtig an, hier zu stehen. Ich laufe nicht weg, wenn es eng wird!". Der Saal spendet Applaus.

Als Merz zu seiner Vorstellungsrede auf die Bühne kommt, wirkt er flachatmig und ein wenig derangiert. Allen im Saal ist klar, dass Merz im Wettstreit mit AKK unter Druck steht. Es braucht eine Weile, bis seine Rede in Fahrt kommt. Doch dann ist es so weit: "Von diesem Parteitag muss ein Signal des Aufbruchs und der Erneuerung ausgehen!", ruft er nach einigen Minuten. Die Delegierten spenden ihm den ersten kräftigen Beifall. Dann kommt der konservative Politiker und Wirtschaftsanwalt zu seinem thematischen Kern. Es gehe darum, "die verloren gegangenen Wähler von der AfD an uns zurückzuholen. Aber es gelingt uns augenscheinlich nicht." Die AfD sei in allen 16 Landtagen vertreten. Viele in der CDU hätten gedacht, dies sei "eine vorübergehende Erscheinung". Doch inzwischen sei die AfD die stärkste Oppositionspartei im Bundestag. "Diese Situation ist für mich, und ich glaube auch für viele von Ihnen einfach unerträglich." Es ist durchaus eine Kritik an Merkel. Der Saal ist elektrisiert, viele ostdeutsche Delegierte klatschen kräftig. Für viele von ihnen spricht gerade ihr Favorit.

Merz betont mit Blick auf die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im kommenden Jahr: "Ich möchte ihnen allen hier aus den ostdeutschen Bundesländern sagen: Es wird sich die gesamte Bundespartei engagieren. Wir überlassen insbesondere den Osten nicht den Populisten von links und rechts!" Es folgt lang anhaltender Applaus.

Auch Sachsens Landtagspräsident Matthias Rößler ist schwer begeistert von Merz. Umso größer ist seine Enttäuschung, als dessen Kandidatur am Ende scheitert. "Ja, ich hätte mir Merz gewünscht", sagt er offen, "klar bin ich enttäuscht". Gerade mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen 2019 sei Merz der bessere Kandidat gewesen, ein "großer Transatlantiker mit einer sehr differenzierten Sicht auf Russland". Merz hätte für den "Aufbruch gestanden, den wir als Volkspartei jetzt gebraucht hätten", sagt Rösler hörbar resigniert. Kramp-Karrenbauer hingegen werde bei vielen Menschen in Sachsen als "Weiter so" der bisherigen CDU-Linie gesehen, befürchtet Rößler. AKK müsse es daher umso mehr gelingen, einen neuen Kurs einzuschlagen, der sich von Merkel absetze, und der die Partei wieder zusammenführt. Ansonsten drohten noch mehr die CDU als ihre politische Heimat zu verlieren und zur AfD abzuwandern, warnt Rößler. Er klingt sehr besorgt.

Wie Merz benötigt auch Kramp-Karrenbauer einige Sätze Anlauf, um zum Punkt zu kommen und die Stimmung im Saal zu entfachen. Es sei ein ganz besonderer Moment für sie, sich für dieses Amt zu bewerben, sagt AKK. "Diese CDU, meine CDU, unsere CDU, das muss die Partei von heute sein, das muss die Partei von morgen bleiben, dafür trete ich an und dafür will ich mit euch gemeinsam arbeiten!", ruft sie dann in den Saal. Die Antwort auf die Frage, ob es in Zukunft noch mehr Populisten gebe, eine Welt ohne Regeln, die bespielt wird von Egoisten und Autokraten, und ob die Verteilungskämpfe zunehmen, "diese Antwort liegt nicht in den Sternen! Diese Antwort liegt bei uns!"

Die CDU müsse den Mut haben, "gegen den Zeitgeist nach vorne zu blicken, nicht nach rechts und links". Die Partei könne ihre Stärke nicht allein aus "scharfen Angriffen auf den politischen Gegner" beziehen, "das kann jeder, aber das reicht mir für eine starke CDU nicht aus!" Es ist ein Stich gegen Merz, ihre Anhänger im Saal sind begeistert. Die CDU brauche Mut zu Ideen, Mut zu Entscheidungen, Mut, voranzugehen. Das C im Parteinamen sei "der Leitstern" der Partei, "das C gibt uns das Menschenbild vor, das dürfen wir nie vernachlässigen".

Doch noch lange bevor der Parteitag die neue CDU-Führung bestimmt, nehmen sich die Delegierten viel Zeit, um von der scheidenden Vorsitzenden Angela Merkel Abschied zu nehmen. Nach 18 Jahren an der Spitze der CDU hatte sie am 29. Oktober ihren Rückzug als Parteichefin angekündigt. Nun steht sie das letzte Mal als Chefin der CDU auf der Bühne. Es wird eine Merkel-Rede, wie sie die Partei seit Jahren kennt. "Knochentrocken", wie Merkel ihren Stil selbstironisch beschreibt. Sie erinnert an ihre Wahl zur Parteichefin, damals nach der CDU-Spendenaffäre.

Es sei damals darum gegangen, die Partei für die Zukunft neu aufzustellen. "Wir haben unseren Stärken vertraut. Wir haben zurück zur Sache gefunden", sagt Merkel. Es wird klar, dass sie sich das auch für jenes zukünftige Kapitel wünscht, das fortan von einer neuen Parteiführung gestaltet wird. "Weil wir immer wussten, dass konservativ nicht von Konserve kommt, sondern dass wir bewahren und verändern, was uns stark macht." Diese Formulierung hatte Merkel auch vor 18 Jahren in ihrer Antrittsrede als CDU-Chefin gewählt. Und sie ruft ihre Partei, zurück zur Einheit zu finden. "Wohin uns nicht enden wollender Streit führt, dass haben CDU und CSU in den letzten Jahren bitter erfahren." Merkel versucht, ihrem Abschied ein wenig das Historische zu nehmen. Sie sei auch weiterhin tief verbunden mit dieser Partei, "dazu brauche ich keinen Vorsitz, ich bin ja auch noch Bundeskanzlerin", sagt Merkel mit belustigtem Unterton.

Als es aber dann so weit ist, kann Merkel ihre Rührung kaum verbergen. "Jetzt ist es Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen", sagt Merkel, sie empfinde tiefe Dankbarkeit. "Es war mir eine große Freude, es war mir eine Ehre, herzlichen Dank." Die 1000 Delegierten erheben sich von den Plätzen und applaudieren, minutenlang. Unter den sächsischen Delegierten ist Rößler einer derer, die sich als erste wieder hinsetzen. Die vogtländische Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas hält hingegen ein orangefarbenes Schild mit der Aufschrift "Danke, Chefin" in die Höhe. Auf der Bühne ringt Merkel mit den Gefühlen und ist sichtlich ergriffen. So hatte man sie all die Jahre nicht gesehen. Es scheint, als ringe auch sie mit den Tränen.

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2Kommentare
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  • 5
    0
    Zeitungss
    10.12.2018

    @Klapa: Ihre Schlussbemerkung bringt es auf den Punkt. Ich dachte immer, nach dem Zuchtmeister Kauder abgetreten wurde, werden auch die Delegierten etwas eigenständiger in ihrer Meinungsbildung, was sich als Fehlanzeige darstellt.
    F. Merz ist sicherlich nicht mein Freund, Veränderungen hätte er allerdings mit Sicherheit ein- und durchgebracht, ob nun schön oder nicht schön sei dahingestellt, es bleibt wie es ist, die Volksvertreter brauchen nicht umzudenken, was deren "Arbeit" wesentlich erleichtert.

  • 7
    2
    Klapa
    08.12.2018

    AKK - 'Alles kalter Kaffee' titelte ein Artikel in den Medien, 'Merkels letzter Sieg' ein anderer.

    Die Stabübergabe der Verantwortlichen für die CDU-Wahlniederlagen der letzten Jahre an ihre gewünschte Nachfolgerin schien wie inszeniert, aber auf demokratische Art und Weise natürlich. Der tränenumflorte Abschied indizierte, wie schwer es der Alt-Vorsitzenden fiel, von einem Teil ihrer politischen Macht auf Grund eigener Fehler, was sie jedoch kaum erkannt haben dürfte, abgeben zu müssen. Ein erzwungenr Zug gewissermaßen. Aber Glück im Unglück, sie hat die ziemlich sichere Gewähr, dass in ihrem Sinne weiter gewurstelt wird.

    Und die Delegierten wählten, wie sie es in den letzten achtzehn Jahren gelernt hatten - die Zweitausgabe der Vorgängerin, die am ehesten versprach, Merkels Vermächtnis weiterführen zu wollen.

    Dass Merz die bisherige CDU-Vorsitzende teilweise heftig kritisierte, hat ihm offensichtlich der Teil der Delegierten, denen glaubhafte Erneuerung zu aufregend erschien, übel genommen.

    Inhaltlich Veränderung sieht anders aus und ist in der Regel mit überzeugender personeller Erneuerung eng verknüpft. Eine konkrete Aufarbeitung der Fehler vergangener CDU-Politik, die für die teilweise heftigen Wahlniederlagen verantwortlich waren, fand nicht statt. Die Verbindung zu Angela Merkel wäre zu direkt gewesen. Man überging sie ganz einfach mit Schweigen. 'Weiter so' ist angesagt. Und die Delegierten haben dem zugestimmt.



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