Stasi-Gedenkstätte: Prominente verlassen Förderverein

Ärger an vielen Fronten in der Berliner Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen: Die Leitung ist mit Sexismusvorwürfen, der Förderverein mit Gesinnungskonflikten konfrontiert.

Berlin.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, hat seinen Austritt aus dem Förderverein der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen erklärt. Er ist nicht der erste Abtrünnige in dieser Woche, aber der namhafteste. Nach einer Mitgliederversammlung am Montag hatten sich bereits Lukas Beckmann, Ex-Bundesgeschäftsführer der Grünen, und der einstige grüne Berliner Justizsenator Wolfgang Wieland zurückgezogen. Stephan Hilsberg, ein Mitbegründer der Ost-SPD und langjähriges Vorstandsmitglied des Vereins, will seine Kündigung nachreichen, da er noch als Schriftführer amtiere. "Das Protokoll der Montagssitzung muss ich noch fertigmachen", sagte Hilsberg gestern. Hilsberg, Beckmann und Wieland hatten 2003 zu den Vereinsgründern gehört - neben Politikern wie Helmut Kohl und Bürgerrechtlern wie Freya Klier.

Seit Monaten belastet das Zerwürfnis im Förderverein die Arbeit der Gedenkstätte, die sich aktuell auch mit Sexismusvorwürfen gegen einen früheren leitenden Angestellten auseinandersetzen muss, welche wiederum zur Ablösung des langjährigen Direktors Hubertus Knabe führten. Knabe und sein der Übergriffe verdächtiger Stellvertreter klagen jeweils gegen ihre Kündigung.

Im Mittelpunkt des Streits innerhalb des Fördervereins steht der frühere MDR-Journalist und heutige Autor der rechten Tageszeitung "Junge Freiheit", Jörg Kürschner. Kürschner stammt aus Hannover und saß einst in Hohenschönhausener Stasi-Haft, weil er verbotene Literatur in die DDR geschmuggelt hatte. Von der Gründung an leitete er den Förderverein - bis Montag dieser Woche. Kürschner sagte der "Freien Presse", er habe nicht mehr kandidiert, um einen Neuanfang im Verein zu ermöglichen. Im Übrigen sei ihm die Autorschaft in der "Jungen Freiheit" wichtiger als die Vereinsführung, falls man beides nicht für vereinbar halte.

Genau daran hatte sich der Streit entzündet: Entspricht es den Zielen und Werten des Gedenkstättenvereins, wenn sich sein Vorsitzender offen zur AfD (in der er nach eigenen Angaben nicht Mitglied ist) und zu neurechten Positionen bekennt? Kürschners Widersacher Stephan Hilsberg sagte gestern, ihm habe sich diese Frage gestellt, als Kürschner voriges Jahr mit Nachdruck die Aufnahme des Berliner AfD-Chefs Georg Pazderski vorantrieb. "Damals drohte er sogar mit Rücktritt, sollte Pazderski nicht aufgenommen werden", so Hilsberg. "Und dass er in der ,Jungen Freiheit' an prominenter Stelle publiziert, habe ich als Vorstandsmitglied nur durch Zufall erfahren. Er hatte uns darüber noch nicht einmal informiert."

Die Grundlage der Arbeit des Gedenkstättenvereins ist der "antitotalitäre Konsens" - NS-Verbrechen nicht durch Verbrechen des Stalinismus zu relativieren und stalinistische Verbrechen nicht mit Hinweis auf NS-Taten zu bagatellisieren. Zu dieser Maxime, sagte Kürschner gestern, stehe er ohne Wenn und Aber: "Deshalb hätte ein Björn Höcke für mich in diesem Verein keinen Platz!" Auch Hilsberg ist gegen AfD-Boykott und "Gesinnungsschnüffelei", wie er sagt. "Aber ausgewiesene AfD-Leute und Fürsprecher in einflussreicher Position können den Verein nicht repräsentieren. Zumal die AfD die Erinnerungskultur benutzt, um die heutige Demokratie zu schmähen", so Hilsberg.

Die Mehrheit der 220 Mitglieder des Fördervereins wählte am Montag einen neuen, sich "unpolitisch" gebenden Vorstand. Ob das zur Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte führt, in der zurzeit Marianne Birthler als "Vertrauensperson" den geschassten Knabe ersetzt, ist offen.

Roland Jahn, der an der Wahlversammlung teilnahm, sieht den "antitotalitären Konsens" im Verein nicht mehr verwirklicht, wie er mitteilte. Kürschner sagte, er bedaure das. Hilsberg hingegen nannte Jahns Rückzug "logisch und folgerichtig".

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