Steilvorlagen auf 124 Seiten

Zwei Zeitschriftenmacher aus Hamburg kamen 2018 auf die Idee, aus dem Text des Grundgesetzes ein optisch attraktives, lesbares Magazin zu machen. Dass die inzwischen zum Bestseller avancierte Publikation am Ende sogar früher herauskam als geplant, hat auch mit den Chemnitzer Ereignissen des vergangenen Jahres zu tun.

Am Anfang stand eine Talkshow, bei der es eigentlich um etwas ganz anderes ging. Der indisch-luxemburgische Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, bei "Markus Lanz" im ZDF am 17.Oktober 2017 zu seiner Nationalität befragt, meinte, dass er "wahrscheinlich am Ende deutsch" sei und nannte als erstes Kriterium: "Wir haben eine so tolle Verfassung! Das Grundgesetz ist sensationell! Das ist die Nation!" - Bereits für den ersten Satz kassierte Yogeshwar Szenenapplaus - und ließ auch vor den Fernsehern viele Menschen aufhorchen. Erst recht, als er nachschob: "Wer das Grundgesetz noch nicht gelesen hat, sollte es durchlesen!"

Zu denen, die da aufhorchten, gehörte auch der Hamburger Sportjournalist Oliver Wurm. Der war bis dahin mit verschiedenen Kooperationspartnern eher im Bereich Fußball tätig gewesen. So hatte Wurm, zeitweise auch für "Sport Bild" tätig, mit dem Grafikdesigner Andreas Volleritsch unter anderem Sonderpublikationen zu großen internationalen Turnieren herausgegeben.

Yogeshwars flammender Appell hatte bei Wurm gezündet. Er bestellte sich bei der Bundeszentrale für politische Bildung ein kostenloses Exemplar des Grundgesetzes und begann zu lesen. "Hätte mir allerdings damals jemand gesagt, dass ich da mal ein Magazin draus machen würde, hätte ich ihm den Vogel gezeigt", sagt er. Der Leseprozess, bei der kleinen Schrift für den 49-jährigen Kontaktlinsenträger nicht ganz ohne Mühe, führte jedoch bei ihm rasch zur Erkenntnis, dass, vom epochalen Grundrechte-Kapitel eingangs dieses Regelwerks abgesehen, auch die verbleibenden 127 Artikel mit vielen versteckten Höhepunkten und klaren, sprachlich brillant formulierten Ansagen gespickt sind. Highlights, die aber im nüchternen, ohne Hervorhebungen arbeitenden Fließsatz der gewöhnlichen Textausgaben schlicht untergehen. Verschenkt sind. Oder, um im Jargon des Fußballjournalisten zu bleiben, nicht verwandelte Steilvorlagen.

Bei Wurm reifte die Idee heran, das Grundgesetz im optisch attraktiv, zum Blättern, Lesen und Festlesen verleitend gestalteten Magazinformat herauszubringen. "Das war Anfang 2018", erinnert er sich. Kapitel für Kapitel habe er sich mit Volleritsch durch den Text hindurchgearbeitet. Der entwarf luftige Layouts, grafische Hervorhebungen, Farb- und Bildkonzepte. Von den punktuell eingesetzten Farben her habe er sich bei den Wappen der Bundesländer bedient; Schwarz-Rot- Gold war ohnedies gesetzt und färbt auch den Schnitt des Magazins. Der Österreicher Volleritsch, seit rund 20Jahren in Hamburg freiberuflich tätig, erklärt das Konzept so: "Das ist wie eine Theaterinszenierung, in der die Gesetzesartikel ihren Auftritt haben." Mit einem Unterschied: Den Text eines Theaterstücks kann man zusammenstreichen. Den des Grundgesetzes nicht.

Eigentlich sollte das Magazin-Projekt erst dieser Tage an den Start und in den Handel gehen - begleitend zum 70. Jahrestag der Unterzeichnung des Grundgesetzes und als klarer Gegenakzent zu dem diffusen Grundrauschen, in dem seit Beginn der Flüchtlingsdebatte immer öfter geringschätzige Töne zur Verfassung laut wurden. Speziell zu Artikel 16a, der 1993 aus Artikel 16 ausgegliedert wurde und trotz weitreichender Einschränkungen immer noch Recht auf Asyl für politisch Verfolgte garantiert.

Dann wurde Daniel H. am 25. August 2018 in Chemnitz mutmaßlich von Flüchtlingen erstochen. Zwei Tage später folgte als Reaktion die Demonstration von Pro Chemnitz und mit ihr der öffentliche Schulterschluss von AfD, Pegida und Neonazis. Als wiederum das "Wir sind mehr"-Konzert für den 3. September als Gegenaktion zu der Demo angekündigt wurde, hielt es Wurm nicht in Hamburg: "Es hat mir nicht gereicht, das nur zu liken", sagt er. Der gebürtige Sauerländer erinnerte sich an das Konzert "gegen Rassismus und Neonazis", das als Reaktion auf eine bundesweite Welle fremdenfeindlicher Gewalt am 9. November 1992 vor 100.000 Zuhörern in Köln stattgefunden hatte. Mit Gruppen wie Bap, Bläck Fööss, den Höhnern und weiterer Lokalprominenz. Unter dem Motto: "Arsch huh! Zäng ussenander!", auf hochdeutsch: Arsch hoch, Zähne auseinander, ging das Konzert in die Annalen der politischen Kultur des frisch wiedervereinigten Deutschland ein.

Nun, 26 Jahre später, war es also wieder so weit: Wurm setzte sich in Altona in den Zug und fuhr nach Chemnitz, um beim "Wir sind mehr"-Konzert dabei zu sein. Am Nachmittag kam er an. Irgendwann fiel bei dem Konzert sein Blick auf das nahe stehende Hochhaus an der Bahnhof-, Ecke Augustusburger Straße, dessen Südfassade über sechs Stockwerke das just entrollte Transparent des Chemnitzer Kulturbündnisses "Hand in Hand" zierte. Aufschrift: "Die Würde des Menschen ist antastbar. Artikel 1(1) Grundgesetz, Stand: 27.08.2018". Das war der Tag der Pro-Chemnitz-Demonstration und der vielen damit einhergehenden Feindseligkeiten gewesen.

"Als ich das sah, liefen in meinem Kopf ganz viele Dinge zusammen, und ich wusste, wir müssen sofort raus mit unserem Magazin", sagt er. Das war zu diesem Zeitpunkt kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Wurm und Volleritsch hatten ihre Hausaufgaben gemacht, waren mit ihrem Arbeitsstand sehr weit gediehen. Mithin wurden ab 27. November 2018 die ersten Hefte verkauft. Grundkonzept: die abgestufte Hervorhebung einzelner Textpassagen, magerer Druck, fetter Druck, großer fetter Druck, Großdruck über zwei Spalten in Sonderschrift, bis hin zur individuell gestalteten Sonderseite. Oder, im Fall von Artikel 1 (1), einer Doppelseite, weiß auf rot. Auch das Bildkonzept stand nach langem Hin und Her. Als jeweils doppelseitiger Kapitelvorsatz dienen von Astronaut Alexander Gerst aus dem All geschossene Fotos deutscher Regionen, also vom Geltungsbereich des Grundgesetzes, und dem "vereinten Europa": Auf das nimmt die Präambel Bezug. Auf dem Titelblatt besagter - vollständiger - Wortlaut von Artikel 1 (1) in rot gesetzt, auf vier Seiten eingehegt von einer roten Linie - eingehängt in zwei dünnere Diagonallinien selber Farbe, wie am seidenen Faden: Gesetzesmetaphorik, wörtlich genommen. Die Artikel zu Gleichheit vor dem Gesetz und Asylrecht in einem weißen Kreis auf schwarzem Grund - Licht in der Finsternis. Und das scheint auch aus den hinteren Seiten des Heftes. Wo die Unabhängigkeit der Richter festgeschrieben wird. Wo das Gesetz die strengen Kriterien für die Feststellung des Verteidigungsfalles setzt. Wo es die Immunität der Bundestagsabgeordneten und ihre Grenzen aufzeigt. Vieles andere, was in normalen Zeiten auf den ersten Blick als belanglose Selbstverständlichkeit erscheint, aber sich, kommt es darauf an, als Schlüssel erweisen kann, der ein bestimmtes Schloss öffnet. Oder schließt. Unscheinbar, aber hocheffizient. Wie der Rettungsring, der an Deck eines Schiffes oder einem Anleger wie maritim-folkloristische Deko wirkt, aber im Ernstfall Menschenleben rettet.

Bei all seinen Details bleibt Artikel 1 für Wurm derjenige, der ihm am wertvollsten ist. Ja, er geht so weit zu sagen, dass das Grundgesetz schon dann ein Meisterwerk wäre, wenn es nur aus diesem Satz bestünde. Denn eigentlich, meint er, ergebe sich daraus für das staatliche Handeln und das zwischenmenschliche Miteinander alles Weitere.

Und das Konzept geht offenbar auf, stößt auf breite positive Resonanz. Exakte Verkaufszahlen haben Wurm und Volleritsch, die für die Publikation als Gesellschaft bürgerlichen Rechts auftreten, zwar noch nicht. Aber die fünfte Auflage, die die 300.000 Exemplare voll macht, ist in Druck - nach diversen Hinweisen aus Medien und Leserschaft gestalterisch modifiziert: Auffälligere Artikelnummerierung, sind diese doch teils bis in die Umgangssprache hinein geläufig. Ein All-Bild mehr von Ostdeutschland. Mehr Hervorhebungen von dem Hamburger Duo zuvor "unterschätzter" Passagen. Etwa die des Grundrechts auf Beschreiten des Rechtsweges gegen die Einschränkung von Grundrechten. Heribert Prantl bezeichnete diesen in Artikel 19 (4) festgehaltenen Passus in der "Süddeutschen Zeitung" als "Hammer", den das Magazin zum "Hämmerchen" mache. Wurm und Volleritsch, die bereits vor zehn Jahren das Neue Testament als gestaltetes Magazin herausgaben, zeigen sich offen für derlei Verbesserungen. Die erste Fassung des verlagsunabhängigen 124-Seiters ist nicht in Stein gemeißelt.

Aber als solches schreibt das um einen Infoteil zur Deutschen Geschichte, Auszüge der Weimarer Verfassung und die UN-Menschenrechtserklärung ergänzte Magazin Medienhistorie: Seit die Frequenz der Berichterstattung vor dem eigentlichen Verfassungsjubiläum am 23. Mai zunimmt und vergangene Woche etwa auch der bei Jugendlichen populäre Comedy-Podcast "Gemischtes Hack" von Felix Lobrecht und Tommi Schmitt sich in Folge 67 lobend über das Magazin äußerte ("Darauf beruht unser ganzes Zusammenleben!"), erreicht das Druckwerk auch die Digital Natives. Am Donnerstag vor acht Tagen belegte das Heft kurz Platz 1 der Bücher-Bestsellerliste bei Amazon und liegt aktuell auf Platz 10. Aber aus ihrem Büro im Hamburger Schanzenviertel versenden Wurm und Volleritsch auch Einzelexemplare an Senioren, die nicht so gut zu Fuß sind, das Heft im Bahnhofsbuchhandel zu suchen. Besonders freut die beiden das große Interesse und positive Echo an allgemeinbildenden Schulen, denen sie hohen Klassenrabatt gewähren. Zumal sich das Heft auch dank großzügig verteilten Weißraums als ideales Unterrichtsmaterial erweist, mit Platz für Randnotizen und Markierungen.

Das Echo, auf das diese aufbereitete, zum Lesen und Entdecken animierende Ausgabe eines Textes stößt, der eigentlich allverfügbar ist, zeigt allerdings auch: Das Grundgesetz gelesen, seinen Wesensinhalt verinnerlicht zu haben oder auch nur einzelne Artikel daraus auswendig zu kennen, gehört längst nicht mehr zum selbstverständlichen Allgemeinwissen der Deutschen. Aber der Text weckt das Interesse vieler. Ja, es macht Mühe, es erfordert Konzentration, ihn zu lesen - speziell in einer digital geprägten Generation, in der gerade erst die Berliner Internet-Konferenz "Re:publica" unter dem Motto "tldr" stand. Das ist Internet-Jargon, heißt "too long; didn't read" und bedeutet "Hab ich nicht gelesen, war mir zu lang". Es sieht ganz danach aus, als habe ein namhafter Teil der Öffentlichkeit darauf gewartet, dass dergleichen erscheint wie ein durch grafische Aufbereitung zugänglich gemachtes "Best-Of GG". Dass es auch als "Best Of" immer noch den ganzen Text enthält, ist dabei kein Widerspruch. Er hat eben keine Schwachstellen.

Dabei ist es ja nicht so, dass sich nicht zumindest rein statistisch in jedem deutschen Haushalt ein Exemplar des Grundgesetzes finden würde. So vergeht keine Buchmesse in Deutschland, auf der nicht am Stand des Bundestages und der Bundeszentrale für politische Bildung kistenweise gedruckte Exemplare des Grundgesetzes gratis angeboten - und Abnehmer finden. Das Parlament verteilt nach eigenen Ausgaben im Lauf eines Jahres etwa 280.000 Exemplare, die Bundeszentrale, die auch eine Grundgesetz-App fürs Smartphone (bisher 50.000 Downloads) anbietet, verschickt und verteilt seit 2008 jährlich zwischen 200.000 und 500.000. Rund eine halbe Million Exemplare, sind zudem in den vergangenen zwölf Jahren ins Ausland gegangen. In den Textausgaben der Landesverfassungen, die die jeweiligen Landeszentralen herausgeben, steht das Grundgesetz in der Regel auch drin. Es ist Schulstoff. Kommentierte Textausgaben für Geld gibt es zahlreiche, und zum 60-Jährigen vor zehn Jahren hatten "Bild" und Bertelsmann schon eine von Markus Lüpertz illustrierten, textgrafisch aber unbearbeiteten Ausgabe ediert. Aber wurde, wird das alles auch gelesen?

Einen nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag, das zu fördern, trug weiland Robert Lembke (1913 - 1989) zur Debatte bei, den heute die meisten nur noch als "Was bin ich?"-Moderator kennen. Der Redakteurskollege Stefan Heyms, Erich Kästners und Hans Habes ab 1945 bei der von der US-Besatzungsbehörde herausgegebenen "Neuen Zeitung" in München, Mann der ersten Stunde des westdeutschen Nachkriegsjournalismus, prägte das Bonmot: "Man sollte das Grundgesetz auf den Index setzen - dann würde es vielleicht gelegentlich gelesen werden." Der (wie erst nach seinem Tod öffentlich bekannt wurde) Sohn eines jüdischen Vaters hatte den Nazis 1935 als Journalist die Unterzeichnung einer Loyalitätserklärung verweigert und arbeitete bis 1945 kaufmännisch. Ihm dürfte klar gewesen sein, dass es in seinem Land Menschen gibt, die sich wünschen, es hätte dieses Gesetz nie gegeben.

Aber wie sich zeigt: Um es wieder zur begehrten Lektüre zu machen, muss man es nicht verbieten. Robert Lembke hätte seine Freude daran.

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