Streit um mehr Corona-Tests - NRW verlängert Beschränkungen

Wie viele Tests braucht es, damit die Gefahr unbemerkter Ansteckungen mit dem Coronavirus möglichst gering bleibt? Bayern setzt auf das Prinzip Masse für alle - und bleibt damit vorerst allein.

Berlin/München/Düsseldorf (dpa) - Bayern trifft mit seinem Vorstoß zu Corona-Tests für jedermann auch ohne Symptome auf breite Skepsis. Mehrere andere Länder lehnten am Montag eine solche Ausweitung ohne konkrete Anlässe für Massentests ab.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kritisierte: «Einfach nur viel testen klingt gut, ist aber ohne systematisches Vorgehen nicht zielführend.» Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verteidigte dagegen die Pläne: «Es wird sonst zu wenig getestet.» Nach dem großen Corona-Ausbruch im Tönnies-Fleischwerk in Westfalen werden für den betroffenen Kreis Gütersloh Einschränkungen bis 7. Juli verlängert.

Spahn betonte: «Testen, testen, testen - aber gezielt.» Die mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) entwickelte nationale Teststrategie beinhalte umfassendes präventives Testen im Gesundheitswesen und bei lokalen Ausbrüchen wie in Gütersloh. Auch wie in Nordrhein-Westfalen in Schlachthöfen zweimal die Woche zu testen, mache Sinn. Einfach nur viel zu testen, wiege aber in falscher Sicherheit, erhöhe das Risiko falsch-positiver Ergebnisse und belaste die vorhandene Testkapazität.

Bayern hatte am Sonntag angekündigt, Tests für alle zu ermöglichen - auf Wunsch auch für Menschen ohne Symptome und ohne besonders hohes Infektionsrisiko. Dafür will der Freistaat Kosten tragen, die nicht die Krankenkassen übernehmen. Kalkuliert wird zunächst mit einem dreistelligen Millionenbetrag. «Wir warten nicht auf endlose Gespräche zwischen einzelnen Kostenträgern, sondern wir gehen in Vorleistung, weil wir glauben, dass neben Abstand halten Testen die einzige ernsthafte Chance ist, Infektionsketten zu unterbrechen», sagte Söder. Am Dienstag will sein Kabinett den Plan beschließen.

Generell sind in Deutschland inzwischen Corona-Tests in vielen Fällen auch ohne akute Krankheitsanzeichen möglich - besonders in sensiblen Bereichen wie Kliniken, Pflegeheimen, Schulen und Kitas. Spahn hatte vor knapp drei Wochen dafür eine Verordnung verkündet, die eine Reihe zusätzlicher Testmöglichkeiten auf Kassenkosten festlegt. Bis dahin gab es Tests auf Kassenkosten in der Regel nur, wenn jemand Infektionssymptome zeigte, wie Fieber, Husten, Halsschmerzen.

Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) kritisierte mit Blick auf Bayern, ein unsystematisches Testangebot für die gesamte Bevölkerung bringe keinen Erkenntnisgewinn. «Im Gegenteil: Es besteht die Gefahr, dass durch negative Tests bei den Menschen ein falsches Sicherheitsgefühl entsteht und das Risikobewusstsein zurückgeht.» Schleswig-Holsteins Ressortchef Heiner Garg (FDP) sagte der dpa: «Ein einzelner Test ist immer nur eine Momentaufnahme.» Maßnahmen könnten nur aus positiven Testergebnissen abgeleitet werden. Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) sagte: «Testungen müssen weiterhin immer gezielt und anlassbezogen eingesetzt werden.»

Söder wies Vorwürfe eines ungezielten Vorgehens zurück: «Wir haben ja genau ein System entwickelt.» Zunächst gebe es Serientests für das medizinische Personal, die Altenpflege und Behinderteneinrichtungen. Ferner werde dies Lehrern und Erziehern angeboten, da dort gerade nach den Ferien Gefahren für eine erneute Ansteckungswelle bestünden.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz begrüßte die bayerischen Pläne. «Diese Tests sind sinnvoll, weil wir kein anderes Instrument haben, zügig und schnell eine Infektionskette zu erkennen», sagte Vorstand Eugen Brysch der dpa. Er forderte dennoch bundesweite Konzepte. «Es geht alles drunter und drüber, jedes Bundesland macht, was es will.»

Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies bleibt das öffentliche Leben im Kreis Gütersloh für eine weitere Woche bis zum 7. Juli eingeschränkt. Für den Nachbarkreis Warendorf dagegen laufen Einschränkungen um 0.00 Uhr in der Nacht zu diesem Mittwoch aus, wie NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in Düsseldorf sagte.

Im Kreis Gütersloh hatte sich die Lage zuletzt etwas entspannt. Nach Angaben des RKI gab es in dem Kreis 112,6 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage. Die kritische Marke liegt bei 50. Am Sonntag waren es noch 132,9 gewesen, am vergangenen Dienstag 270,2. Der Kreis Gütersloh ist laut RKI der einzige Kreis in Deutschland mit mehr als 50 Neuinfektionen. Söder sagte, mehr Tests zu einem früherem Zeitpunkt hätten auch in Gütersloh manches vielleicht verhindern können.

Laschet sprach sich dafür aus, die von Bund und Ländern abgesprochene Regelung für einen Lockdown zu verändern: Man müsse noch einmal darüber sprechen, nicht ganze Kreise «heraus zu nehmen», sondern «die Orte, wo wirklich Gefahr besteht», sagte Laschet. «Das werden wir einmal mit den anderen Ländern, wenn die Krise vorbei ist, erörtern.» Laschet bezog sich konkret auf Städte und Gemeinden im Kreis Warendorf, die aktuell keine Infektionen haben - und dennoch vom Lockdown betroffen waren.

© dpa-infocom, dpa:200629-99-598668/7

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12Kommentare
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    3
    mops0106
    29.06.2020

    Herr Tichy ist ein ausgezeichneter Journalist. Auf seinem Portal schreiben regelmäßig andere Journalisten, Wirtschaftswissenschaftler, Ärzte, Soziologen...
    Das ist eines der seriösen Infoportale, die es gibt. Dort schreiben Menschen kritisch und informativ. Man muss nicht jede Meinung teilen, kann sich aber auf jeden Fall informieren. Da gibt es noch eine Menge andere seriöse Bloqs.

    Sie können aber auch weiterhin nur die Tagesschau, heute und andere MSM nutzen, wenn Sie damit ruhig schlafen können.

  • 3
    4
    Kastenfrosch
    29.06.2020

    "In politische Bildung müssen Sie schon selbst Zeit investieren."

    Sie liefern eine gute Show, das muss man Ihnen lassen. Nach so einer Aussage auf Herrn Tichy zu verweisen: chapeau!

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    6
    mops0106
    29.06.2020

    @Jochen: Auf tichyseinblick gibt es einen schönen Artikel dazu unter:

    https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/alexander-wallasch-heute/merkel-haelt-hof-vor-geladenen-medien-und-fordert-verkuendet-deutschen-akt-der-solidaritaet/.

  • 4
    5
    mops0106
    29.06.2020

    @Kastenfrosch: In politische Bildung müssen Sie schon selbst Zeit investieren. Wer das bis jetzt nicht oder ungenügend/ einseitig getan hat, ist nicht in einem Crash-Kurs zu informieren. Und um Sie grundlegend zu informieren, fehlt mir die Zeit.

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    2
    JochenV
    29.06.2020

    Ihre Darlegungen sind für mich einleuchtend, mops0106 und klapa. Und trotzdem laufen nun die großen 'Geber'konferenzen ? Ist es richtig anzunehmen, dass die 'Geber'seite mit Stolz von Politikern in der Höhe vieler Milliarden 'repräsentiert' wird, d.h., dass da die Ressourcen von uns Bürgern, vielleicht auch schon auf viele Jahre im voraus verpfändet, eben woandershin 'geben' oder gehen sollen ? Aber jeder Geberkonferenz steht doch normalerweise auch eine Nehmerkonferenz entgegen. Wäre es nicht an der Zeit, dass wir etwas (oder besser alles) über die Nehmer erführen ?

  • 6
    3
    Kastenfrosch
    29.06.2020

    "Beschäftigen Sie sich mal intensiv mit den UN-Papieren seit 30 Jahren"

    Das ist sicher eine schöne Beschäftigung. Leider fehlt mir die Zeit dazu. Falls Sie etwas Substantielles beizutragen haben, teilen Sie gern Ihr Wissen.

  • 6
    8
    mops0106
    29.06.2020

    @osgar: Beschäftigen Sie sich mal intensiv mit den UN-Papieren seit 30 Jahren, mit den Beschlüssen, die die EU ganz offen online stellt, dann reicht das für den Anfang. Ich rede nicht von solchen Personen wie diesem Koch...

    Unabhängig davon, die WHO wird zu 80% von Pharmafirmen bezahlt. Davon ist Bill Gates mit seinem Firmen- und Stiftungsgeflecht der größte Einzelzahler. Wer zahlt, bestimmt. Und dass Pharmafirmen vor allem dem Wohl der Menschheit dienen, glaubt ja wohl hoffentlich niemand.

  • 10
    10
    osgar
    29.06.2020

    Ja was läuft denn @Mops?
    Die große Weltverschwörung nach Attila Hildmann oder Ken Jebsen?
    Ne is schon klar, Bill Gates gibt jeden Morgen ein neues Memorandum raus und danach richten sich die Regierungen. Natürlich nicht Trump, Bolsonaro, die haben das ja durchschaut und lassen ihre Bevölkerung in Ruhe den Virus genießen.

  • 4
    5
    klapa
    29.06.2020

    Ehrliche Berichterstattung ist für Medien, die im Gegensatz zu Kohl, der gegen sie ankämpfen musste, eine Kanzlerin tragen, beinahe eine Unzumutbarkeit.

  • 10
    7
    mops0106
    29.06.2020

    Für die große Masse der Bevölkerung ist das Virus nicht gefährlich. Die Politiker reden wie bei Tönnies immer davon, wie viele Personen positiv getestet worden sind. Es wird aber nicht gesagt, wie viele wirklich erkrankt sind. Und da meine ich nicht die, die leichte Symptome haben. Wenn ehrlich berichtet würde, könnte ja die Gefahr bestehen, dass immer Menschen erkennen, was hier läuft. Es regiert sich so doch viel schöner. Ein schöner Testlauf.

  • 9
    3
    klapa
    29.06.2020

    ‚Das wissenschaftliche Potenzial Deutschlands blieb zu Beginn der Coronakrise ungenutzt. Es wurde nie eine der komplexen Situation angemessene interdisziplinäre Risikoabschätzung vorgenommen.’ - Dirk Maxeiner, freier Autor

    Es hat sich bitter gerächt, dass man sich bei Ausbruch der Krise fast allein auf das RKI verlassen hat, einen wissenschaftliche Disput über eine mögliche Reaktion auf das Virus nicht nur nicht zugelassen, sonder einfach abgewürgt und Gegenstimmen zur offiziellen Meinung weggeschoben bzw. missachtet hat.

  • 5
    4
    Urlaub2020
    29.06.2020

    Traurig das unsere Volksvertreter gar nicht wissen wollen wer wirklich am Corona-Virus Infiziert ist .Sie wären sehr Überrascht.Denn die Unbekannten Infizierten sind das Risiko ist nichts neues.