Teure Arznei: Politik in der Zwickmühle

Eine neue Gentherapie aus den USA kann Babys retten. Sie kostet aber Millionen und ist bisher nicht zugelassen. Was tun?

In der Debatte um das derzeit teuerste Medikament der Welt hat sich erstmals der Hersteller, der Pharma-Konzern Novartis, geäußert. Das Medikament mit dem Namen Zolgensma wird bei Kleinkindern gegen Muskelschwund eingesetzt. Eine Behandlung mit dem Mittel kostet rund zwei Millionen Euro. Das Medikament ist in den USA, aber noch nicht in Europa zugelassen. Dennoch haben sich auf Drängen von Eltern in Einzelfällen deutsche Krankenkassen bereiterklärt, die Kosten für einen Einsatz des Mittels zu übernehmen.

Novartis steht dabei in der Kritik, die Nöte der Patienten auszunutzen, um das Medikament vorschnell auf den Markt zu bringen. Novartis teilte auf Anfrage mit, dass es dem Unternehmen wichtig sei, "dass wir gemeinsam mit allen Beteiligten an einer Lösung arbeiten". Es gebe "anerkannte Regeln in Deutschland für die Anwendung neuer Behandlungsmethoden". Novartis rechnet damit, dass Zolgensma "im nächsten Jahr in Europa zugelassen wird".

In einem Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatten Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen, der Sozialversicherungsträger und der Universitätskliniken den Minister aufgefordert, für eine Regelung zu sorgen, die sicherstellt, dass der Hersteller die Kosten für den Einsatz eines Medikamentes trägt, so lange noch keine Zulassung vorliegt.

Das Gesundheitsministerium äußerte sich zurückhaltend. Man nehme das Thema auch unabhängig von dem Brief "sehr ernst" und suche nach einer schnellen Lösung im Sinne der Patienten. Auch in der Politik fallen die Reaktionen verhalten aus. Karin Maag, gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, spricht offen von einer "Zwickmühle für die Politik". Sie könne den Wunsch der Kassen sehr gut verstehen. Wenn aber als Folge ihres Modells der Einsatz eines womöglich lebensrettenden Medikamentes seltener geschehe, sei niemandem gedient. Es sei deshalb "vordringlich, zu überprüfen, warum Zulassungsverfahren in Europa fast immer länger dauern als in den USA".

Für bundesweite Aufmerksamkeit hatte zuletzt der Fall eines sieben Monate alten Kindes aus dem ostsächsischen Sebnitz gesorgt. Der kleine John leidet unter Spinaler Muskelatrophie (SMA) vom Typ 1 - der schwersten Form des Muskelschwundes. Bei Kindern ist diese genetisch bedingte Erkrankung die häufigste mit tödlichem Verlauf.

Eine Genmutation lässt die motorischen Nervenzellen im Rückenmark verkümmern, die Folgen sind Muskelschwund und -schwäche. John kann weder Kopf noch Arme heben, seine Atmung ist stark beeinträchtigt. Wird die Krankheit nicht behandelt, sterben die kleinen Patienten innerhalb der ersten beiden Lebensjahre.

John ist der zweite Patient in ganz Deutschland, der mit Zolgensma behandelt werden soll. Er ist aber nicht der einzige, der unter dieser Krankheit leidet. Allein in Sachsen gibt es schätzungsweise 1800 Betroffene - nur ein kleiner Teil davon allerdings mit der schwersten Form.

In den USA ist das Medikament bereits für Patienten mit SMA im Alter unter zwei Jahren zugelassen. In klinischen Studien zeigte sich dort eine vielversprechende Wirkung für das Überleben der Patienten und die Verbesserung ihrer motorischen Funktionen. In Europa steht die Zulassung des Mittels allerdings noch aus - die aus den USA genügt hier nicht. (waln/rnw/fp)

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